Cornelia Read | Der Junge, den niemand sah

New York, ein schwüler Nachmittag im September. Madeline Dare arbeitet als Freiwillige auf dem Prospect Cemetery, einem heruntergekommenen Friedhof in Queens. Es ist unerträglich heiß, und Maddie zieht die Gartenhandschuhe aus, um mit bloßen Händen weiter zu graben. Da schreckt sie angeekelt hoch: eine aufgedunsene tote Ratte! Im nächsten Moment entdeckt sie einen kleinen menschlichen Schädel. 

Die Polizei stellt fest, dass es sich um die Knochen des dreijährigen Teddy handelt, der vor Monaten als vermisst gemeldet wurde. Gewohnt, eigene Nachforschungen anzustellen, beginnt Maddie zu ermitteln …

Madeline Dare, 27 Jahre, beherrscht als Protagonistin in Cornelia Reads Roman »Der Junge, den niemand sah« die Geschehnisse, die wie die Fortsetzung einer obszönen Soap Opera auf den Leser einprasseln. Ihr Alltag, ihre bizarren Freundschaften und das verworrene Verhältnis zu ihrer globetrottenden Mutter werden nicht selten in derben Dialogen geschildert.

Wohnhaft in Manhattan/New York, lebt sie mit ihrem Ehemann Dean, ihrer Schwester Pagan und Sue, einer Kommilitonin, in einer Wohngemeinschaft, in der es 1990 an der Tagesordnung ist sich mit Medikamenten, weichen Drogen und Alkohol wegzubeamen. Ihren Mietanteil verdient sie im Call-Center des Bücherversandhandels The Catalog.

Nach der zufälligen Bekanntschaft mit ihrer Kusine Cate, beschließt Madeline, dieser bei Rodungsarbeiten auf dem verwilderten Prospect Cemetery zu helfen. Dabei findet sie die Gebeine des dreijährigen Teddy, was sie in ihren dritten Fall von Mordermittlungen führt. Schnell schließen sie und Cate mit der zuständigen Ermittlerin Skwarecki sowie mit der Staatsanwältin Louise Bost Freundschaft und bekommen so fortlaufend Informationen aus erster Hand.

Leider passiert dann – im Hinblick auf die Ermittlungen – nicht wirklich viel. Die Autorin füllt die folgenden Seiten mit psychotischen Eskapaden von Madelines Freundin Astrid, mit vielen Rückblicken auf Madelines Studienzeit, mit den Vorbereitungen zur  vierten Hochzeit ihrer Mutter und mit einer Geschichte aus der Kindheit ihrer Schwester Pagan, welche jedoch im thematischen Zusammenhang mit dem Schicksal des kleinen Teddy steht.

Ab Seite 300 etwa wird es wieder spannend; die Autorin kommt zum Krimithema zurück. Als es dann zu den erhofften Gerichtsverhandlungen kommt, zieht das Tempo – parallel zum leisen Grauen der unbarmherzigen Details um den Tod des kleinen Teddy – an.

Unverständlich ist mir der Epilog. Auch ist mir nicht klar, was für ein Genre Cornelia Read bedienen möchte. Sie schwankt zwischen New Yorker Lifestyle der 1980er und 90er-Jahre und dem Krimithema, welches meiner Meinung nach über lange Strecken vollkommen untergeht, keine Rolle spielt. Außerdem regt Cornelia Read Zweifel um die Herkunft eines bestimmten Beweismittels, die im späteren Verlauf der Geschichte nicht zerstreut bzw. erklärt werden.

Leider habe ich bis zum Schluss kein genaues Bild der Protagonistin bekommen. Da auch das Krimithema in diesem „Krimi des Monats“ (dtv) vollkommen nebenbei abgehandelt wurde, gebe ich dem Buch nur 3 von 5 möglichen Sternen. Weniger jedoch auch nicht, weil es sich trotz allem sehr gut lesen lässt und die Autorin sehr sprachgewandt ist, was ich sehr zu schätzen weiß.

 

3e3f3-jungeDer Junge, den niemand sah | Erschienen am 1. August 2013 im Deutschen Taschenbuch Verlag
448 Seiten | 9,95 Euro
Leseprobe

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