Ole Kristiansen | Der Wind bringt den Tod

Jule Schwarz ist selbstbewusst, erfolgreich und schön. Hinter ihrem makellosen Äußeren verbirgt sich aber ein tiefes Schuldgefühl, das die junge Frau schon lange in kein Auto mehr steigen lässt. Ausgerechnet sie soll nun ein Windparkprojekt in einem abgelegenen Dorf umsetzen. 

Am liebsten würde Jule alles hinschmeißen, doch dieser Auftrag bedeutet neben den täglichen Autofahrten aufs Land auch einen großen Sprung auf der Karriereleiter. Jule setzt sich hinters Steuer. Vor Ort sieht sie sich plötzlich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Eine Frauenleiche wird im nahegelegenen Wald gefunden. Die Tote sieht Jule zum Verwechseln ähnlich.

Der Hamburger Ole Kristiansen promovierte nach seinem Studium der Medienkultur, Amerikanistik sowie Anglistik über die literarischen Mechanismen von Thrill, Grusel und Mystery. Sozusagen auf dieser „Bildungsgrundlage“ schrieb er zusammen mit einem namentlich nicht genannten Co-Autor seinen Erstling »Der Wind bringt den Tod«.

Jule taucht als Projektleiter in dem fiktionalen nordfriesischen Dorf Odiswoth auf und von Beginn an kämpft sie nicht nur gegen ihre inneren Dämonen sondern auch gegen den Widerstand der Odisworther die so gar keine Veränderungen wünschen. Erst recht kein Megaprojekt wie Deutschlands größten Windpark.

Ihr Projekt rückt allerdings im Verlauf der Geschichte in den Hintergrund und die Morde in den Vordergrund. Das ambivalente Gebaren des HK Smolskis ihr gegenüber – im Besonderen im Hinblick auf fallrelevante Informationen – lässt sie peau a peau zur dritten Ermittlerin werden.

Der Roman ist in kurze Kapitel geteilt, 155 plus Prolog und Epilog.

Hauptsächlich lesen wir über die Protagonistin Jule, die im Zuge ihres neuen Projektes ihre traumatischen Erlebnisse überwinden muss und sich dabei zudem als Phobikerin entpuppt. Über sie erfährt der Leser besonders viel, jedoch auch über ihren Psychotherapeuten Lothar, ihre Freundin Caro, Hauptkommissar Smolski, über Jules vermeindliche Zufallsbekanntschaft Rolf und eine ganze Menge über vertuschte, verschwiegene und langsam aufzudröselnde Dorfgeheimnisse.

An wenigen Stellen blicken wir in die Gedankenwelt des Mörders. Jedoch sind diese Einblicke eher diffus und fügen sich erst mit Ende der Geschichte ein. Sie animieren den Leser zum Rätselraten. Dies ist scheinbar ein Romankonzept welches der Autor bis zur (fast) letzten Seite verfolgt. Romantische Episoden finden neben allen Untiefen und Spannung auch noch einen Platz in der Geschichte.

Ole Kristiansen enttäuscht den Leser nicht hinsichtlich etwaiger Klischees über das dörfliche Landleben. Er versteht es gut, seine Charaktere aufzubauen. Ein wenig kurios mag es anmuten, dass irgendwie jeder mit jedem verbandelt ist.

Die Hamburger mit den Odisworthern und umgekehrt, was sich auch auf Jules Teamkollegen, die Kommissare und andere Personen bezieht. Allerdings liegt es natürlich im Rahmen des Möglichen, da die Örtlichkeiten nicht all zu weit auseinander liegen.

In Kapitel 46 und 47 beschreibt Ole Kristiansen eine Szene in der Jule in eine Autowerkstatt in Norderstedt fährt und auf den Mechaniker Rolf trifft. Vielleicht soll auch diese Szene sich erst mit Ende der Geschichte einfügen. Im Lesefluss hatte ich allerdings sofort den Gedanken, dass Kristiansen nie gesehen oder gehört hat, wie es Kundinnen in aller Regel in KFZ-Werkstätten ergeht.

Man kann manche Punkte kritisch beäugen, aber man kann sie auch einfach überlesen und die spannende Geschichte annehmen. Es muss nicht immer alles zu hundert Prozent schlüssig sein, wobei ich persönlich dazu neige, gerade darauf zu achten.

»Der Wind bringt den Tod« ist durchaus spannend, wenn der Autor auch zu metaphorischen Wiederholungen neigt. Das finde ich sprachlich nicht ganz so gut, weil es sich zu sehr einprägt. Aber es nimmt keine Spannung. Stellenweise sind die Reaktionen der Protagonistin zu aufgebauscht und wirken unnatürlich. Allerdings ist es nicht ihr Verhalten an sich sondern eher die Umschreibung ihrer Gefühlslage. Wiederholende und kreativ erdachte Beschreibungen wechseln sich ab, mal mehr, mal weniger glaubwürdig.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Ich hatte noch nie einen Ohrwurm durch das Lesen eines Buches. Ole Kristiansen hat das geändert! Leider war es ein Ohrwurm der Art, die nervt. Wer allerdings das Lied „Barbie Girl“ von Aqua (1997) toll findet, hat nichts zu befürchten, wenn es gleich zweimal im Roman Erwähnung findet und sich durch in der Geschichte vorkommende Barbie-Puppen immer wieder in Erinnerung ruft.

Insgesamt ein empfehlenswerter Roman mit solidem Thrill, der für spannende Lesestunden steht.

0,5 Sterne Abzug für den Ohrwurm und für die Werkstattszene sowie für die zu oft erwähnten „kalten Rückenschauer“.

 

c454f-der_wind_bringt_den_tod-krimiDer Wind bringt den Tod | Erschienen am 1. Juni 2012 im Deutschen Taschenbuch Verlag
496 Seiten | 9,95 Euro
Leseprobe 

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