Maurizio de Giovanni |Die Gabe des Commissario Ricciardi

Neapel, Anfang der dreißiger Jahre:

Commissario Ricciardi ist ein Ermittler mit einer besonderen Fähigkeit. Der intelligente, melancholische Einzelgänger aus reichem Elternhaus besitzt eine Gabe, die sein Schicksal bestimmt: Er hört die letzten Gedanken von Ermordeten, sieht sie gefangen im Augenblick ihres Todes. 

»Hut und Handschuhe« – das sind die letzten Worte der Frau, die zusammen mit ihrem Ehemann in ihrem Haus ermordet aufgefunden wird. Als Commissario Ricciardi erfährt, dass der tote Ehemann ein Funktionär der faschistischen Miliz und eiskalter Karrierist war, vermutet er einen Racheakt. Die vermeintlichen Täter sind schnell gefunden, doch nicht alles ist so klar, wie es scheint …

Beginnend mit dem Leichenfund des ermordeten Ehepaares Garofalo am 18. Dezember 1931 beginnt Maurizio de Giovanni seinen feinsinnig und mit subtilem Humor erzählten vierten Commissario Ricciardi Roman „Die Gabe des Commissario Ricciardi“. Der Hauptschauplatz ist Neapel, 1931. Ricciardi zur Seite steht der ihm treu ergebene Brigadiere Maione. Die beiden sind schicksalhaft miteinander verbunden; seit drei Jahren, seit der hinterhältigen Ermordung von Luca Maione, dem ältesten Sohn des Brigadiere.

Mit kaum handlungserklärenden Worten führt Ricciardi den Leser zur Stimmung der damaligen Zeit, beschreibt die Armut der Menschen, insbesondere der Fischer, welche von der Hand in den Mund leben und dazu noch der Willkür der Hafenmiliz ausgeliefert sind, welche die Fischerei kontrolliert.

Nun war das männliche Opfer eben so ein Milizanhänger, ein Zenturio, der sich seine Stellung nur durch eine gemeine Lüge erschlichen hat. Und genau dort vermuten die dem Offensichtlichem zugetanen Personen den Täter: Im Umfeld der Fischer, insbesondere aber im Kreis des geschassten ehemaligen Vorgesetzten Garofalos; Motiv Rache.

Commissario Ricciardi erspürt, dass die auf der Hand liegende Lösung nicht die richtige ist und lässt sich von seinen Gedanken durch die Viertel Neapels treiben, beobachtet, spricht mit den Bewohnern und macht sich sein ganz eigenes Bild der Szenerie.

Sein Brigadiere verfolgt indessen eine ganz andere Spur: die des tatsächlichen Mörders seines Sohnes Luca. Denn der verurteilte, inhaftierte und inzwischen verstorbene vermeintliche Täter hat für den wahren Täter bloß seinen Kopf hingehalten.

Wie zwei einsame stille Wölfe bewegen sich Commissario Ricciardi und Brigadiere Maione gemeinsam durch die Straßen des vorweihnachtlichen Neapels und führen doch jeder einen eigenen inneren Kampf.

Eingesponnen aber nicht aufdringlich erzählt Maurizio de Giovanni vom Leben des Commissario, von seiner adligen Herkunft, von der innerlichen Distanz des Commissarios dazu und von seiner Kinderfrau, mit der er seit Geburt an und nun auch in Neapel in seiner Wohnung gemeinsam lebt. Die zarte Liebe des Commissarios  zu seiner Nachbarin Enrica ist romantisch geschildert, nie oberflächlich betrachtet und erweckt ein Fieber im Leser.

Ebenso einfühlsam schreibt de Giovanni über die Familie Maione, vom Leid nach dem Tod des ältesten Sohnes, von der Aufgabe der Mutter und ihrer Erweckung, vom Neuanfang, der mit der Erkenntnis, dass der wahre Täter noch nicht gefasst ist, fragil wird und zu zerbrechen droht.

Maurizio de Giovanni erzeugt eine ganz besondere Art der Spannung. Diese beruht nicht auf reißerischen Szenen sondern vielmehr darin, dass er den Leser dazu bringt im Stillen mitzufiebern, im Leser die Hoffnung erweckt, Commissario Ricciardi und Brigadiere Maione mögen die richtigen Entscheidungen treffen, ihren eigenwilligen aber tugendhaften Pfad nicht verlassen.

 

026a1-ricciardiDie Gabe des Commissario Ricciardi | Erschienen am 17. September 2012 im Insel Verlag
345 Seiten | 9,95 Euro
Leseprobe

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