Richard Fasten | Moin

Provinz-Polizist Boris Kröger hat es nicht leicht. Kaum geschieht im beschaulichen Altwarp am Oderhaff mal ein Mord, schon steht das Dorf Kopf! Von wegen Sonne, Strand und glasklare Beweisketten: In Altwarp herrscht Anarchie! Oma Machentut terrorisiert mit ihrem Rollator die Straßen, der einzige Fischer im Dorf stammt aus den Bergen Anatoliens, eine Krimi-Autorin sucht Inspiration und stachelt die Dorfbewohner auf. Dabei hat Boris mit dem Mord an seinem ehemaligen Schulkameraden genug zu tun. Hier an der Fast-Ostseeküste ist die Welt wirklich nicht mehr in Ordnung. Aber die stolzen »Hinterküstler« haben noch immer jedem Wetter getrotzt!

Na, das fängt ja gut an. Der Roman hat einen Ich-Erzähler, das habe ich nicht so gerne, und der spricht noch dazu natürlich im Präsens, das mag ich auch nicht.

Und dann soll das, was erzählt wird, auch noch witzig sein, denn „Moin“, man merkt es schon am Titel, ist ein Regionalkrimi, und die müssen aus unerfindlichen Gründen wohl immer witzig sein. Einen „Fastostsee-Küstenroman“ nennt Richard Fasten sein Buch, denn die Geschichte spielt in Altwarp, und der kleine, beschauliche und ebenso überschaubare Ort liegt am Stettiner Haff, bis zur „richtigen“ Ostseeküste vor Usedom sind es also noch ein paar Kilometer.

In diesem Kaff am Haff , wo jeder jeden kennt, was Fluch und Segen zugleich ist, verrichtet Polizeimeister Boris Kröger seinen Dienst. Er hat die Stelle in nach seiner Ausbildung gerade erst angetreten und wohnt noch bei seiner Oma. Die wird von allen „Oma Machentut“ genannt. Warum wohl? Natürlich, weil sie diese beiden Worte in jedem, aber wirklich jedem Satz verwendet. Das tut nicht mal ganz am Anfang Spaß machen, und je weiter die Geschichte fortschreitet und je öfter wir der Oma zuhören müssen, desto mehr nervt ihr Gerede. Ihr Nachbar und Liebhaber Hermann Kirchner hingegen spricht ausschließlich mit den Worten unserer mehr oder weniger großen Dichter und Denker, seine ständige überhebliche Besserwisserei in Form von belehrenden Zitaten verärgert ebenfalls recht schnell.

Ebenso der oft unter die Gürtellinie zielende Humor. Auf solche groben Scherze sollte der Autor unbedingt verzichten, zumal er sich selbst (zu Recht) über Fips Asmussen lustig macht. Oder sollte sich Fasten mit seinem Roman ganz bewusst auf dieses Niveau begeben haben? Schließlich hat er überall ein wenig zu dick aufgetragen, seine Figuren sind durchweg sympathisch, aber durch maßlose Übertreibung nicht mehr kauzig oder schrullig, sondern eher befremdlich, aus an sich liebenswerten Charakteren macht Fasten leider Knallchargen. Im gesamten Ort scheinen ausschließlich Witzfiguren zu leben, rechte Dorftrottel, die sich in der Hauptsache von Küstennebel, Tüffel un Plum und Klütersuppe ernähren und seit jeher gegenseitig „verscheißern“. Dabei gehen sie allesamt nicht gerade zimperlich miteinander um, angefangen bei gar nicht so harmlosen Pennälerscherzen in der Jugend bis hin zum alltäglichen gegenwärtigen Mobbing, an dem sich auch unser Hauptdarsteller kräftig beteiligt. Er verschont nicht einmal die kleine Sandy Raschke. Die Urenkelin von Nachbar Kirchner läuft jedes Mal weinend davon, wenn er sie wieder in Angst und Schrecken versetzt hat. Einer von vielen Running Gags. Klamauk, der sich schnell abnutzt, wie die Missverständnisse des Pfefferminzblätter mümmelnden senilen Bürgermeisters, dessen Schwerhörigkeit Gelegenheit für unsägliche Dialoge bietet. Oder die Auftritte der Dorfschönen Mandy Plüschke, die sich immer wieder im gleichen geschmacklosen Outfit in Szene setzt.

Jedes Mal Gelegenheit für Kröger, sich über das Aussehen der „Cellulite-Queen“ lustig zu machen. Ein weiteres Zeichen für seine eher unterentwickelte soziale Kompetenz, die einhergeht mit einem deutlichen Mangel an kriminalistischen Fähigkeiten, was den Herrscher über Recht und Ordnung in Altwarp nicht weiter irritiert. Er kennt seine Defizite und macht sich des Öfteren über sich selbst lustig. Solche selbstironischen Betrachtungen sind wirklich komische und treffende Beschreibungen des bei seinen Mitmenschen nicht besonders beliebten Egomanen. In diesen Momenten empfindet man durchaus Sympathie mit Kröger und gewinnt den Eindruck, er könnte trotz allem ein liebenswerter Kerl sein.

Boris selbst hat die Hoffnung, dass er zumindest bei der bildschönen Dora Pan (das auffällige Anagramm ist allen aufgefallen?) einen guten Eindruck hinterlässt. Die von Oma Machentut verehrte Krimi-Autorin ist nach Altwarp gekommen, um die Eigenarten der Polizeiarbeit in dem verschlafenen Nest für einen ihrer nächsten Romane zu studieren, die normalerweise eher ganz harten Stoff bieten. Dumm nur, dass gar keine Polizeiarbeit stattfindet, die örtlichen Gesetzeshüter haben nichts zu tun, und wenn, dann etwas Besseres, als die öffentliche Ordnung aufrecht zu halten: Krögers Kollege baut während der Schicht an seinem Eigenheim, der Dienststellenleiter nutzt die Zeit zum Angeln.

Somit führt Kröger einen einsamen Kampf bei der Suche nach entlaufenen Hunden und gestohlenen Handtaschen. Aber ab sofort begleitet ihn die Pan auf Schritt und Tritt bei der Fahndung nach einem Vandalen, der nächtens Autospiegel abreißt. Und bei der Suche nach einem vermissten Dorfbewohner, einem ehemaligen Schulkameraden. Ein verlassenes Schiff hat den Kutter seines Freundes Tarek gerammt, mit dem Kröger auf das Haff hinausgefahren ist, um seine Seekrankheit zu überwinden. Auf dem menschenleeren Kahn tummeln sich Ratten, sein früherer Kumpel, der das Boot gechartert hatte, ist nicht an Bord. Unser Polizeimeister ist über das Verschwinden allerdings nicht besonders beunruhigt. Auch als kurz hintereinander zwei weitere Mitschüler tot aufgefunden werden, bleiben alle Mitwisser cool.

Jetzt könnte der Krimi endlich beginnen, aber die Leichen werden auf Eis gelegt. Erst will man das lange vorbereitete jährliche Hafffest über die Bühne bringen, danach kann die Kommissarin aus Ueckermünde immer noch ihre Ermittlungen aufnehmen. Und so passiert weiterhin nichts. Zwischen der Eingangsszene auf dem Haff und dem furiosen Finale auf dem Hafffest liegen drei Tage und 225 Buchseiten mit ständigen Wiederholungen des immer gleichen Leerlaufs. Alle warten nur, vertreiben sich die Zeit mit einer Überraschungsparty zu Krögers Geburtstag und fiebern dem wichtigsten Ereignis des Jahres entgegen. Als der große Tag gekommen ist, läuft es zunächst wie gewohnt und wie erwartet: die benebelten Festgäste unterhalten sich mit derben Späßen, mit dem Alkoholpegel steigt die Stimmung, und dann ist urplötzlich Schluss mit lustig. Die Stimmung kippt abrupt und es gibt ein böses Erwachen.

Gleichzeitig wird der Erzählstil ernst und seriös, der Plot steuert rasant und geradlinig auf das großartige Ende der Geschichte zu. Auf wenigen Seiten wird ungeheure Spannung aufgebaut, es gibt eine Menge Action und es zeigt sich, dass in der Geschichte viel Sprengstoff steckt. So wird aus der Dorfgeschichte im letzten Moment doch noch ein richtiger Krimi. Dabei ist die Schlusspointe ein wenig weit hergeholt, aber keinesfalls abwegig, absolut überraschend aber bei genauem Hinsehen auch nicht unvorhersehbar. Jedenfalls hat Fasten hier eine tolle Idee gut umgesetzt, wie überhaut die letzten Kapitel sehr zurückgenommen und fast melancholisch daherkommen. Schade, dass das erst jetzt gelingt, weniger wäre von Anfang an mehr gewesen und hätte dem Roman meiner Ansicht nach gut getan.

So bin ich bei meiner Bewertung hin- und hergerissen, auf Grund des starken Finales tendiere ich aber zu doch noch drei Sternen für Richard Fastens Debüt, in der Hoffnung, dass eine mögliche Fortsetzung hier anknüpft.

 

Rezension von Kurt.

 

MoinMoin | Erschienen am 11. April 2014 bei Ullstein
320 Seiten | 9,99 Euro
Leseprobe

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