Oliver Welter & Michael Gantenberg | Lang sind die Schatten

Schock beim Stock-Car-Rennen im schönen Sauerland: im hohen Bogen fliegt beim Finish eine Leiche aus dem Kofferraum des Siegerautos. Der Tote war im Autoclub Hesborn sehr beliebt. Aber wie Kommissarin Inka Luhmann bald herausfindet, war er auch bekannt als Bordellbesitzer und Zuhälter. Und deswegen schon verurteilt. Damaliger Ermittler: Inkas Mann, Hauptkommissar Hendrik Luhmann, aktuell in Elternzeit.

Auf Inkas Fragen antwortet ihr Mann ausweichend. Verschweigt er etwas? Was wissen seine alten Kollegen? Als ein weiterer Mord geschieht, muss sich Inka fragen, wem sie bei der Jagd nach dem Täter noch vertrauen kann …

Um es vorweg zu sagen:  Oliver Welter & Michael Gantenberg liefern hier mit ihrem erst zweiten gemeinsamen Roman Lang sind die Schatten ausgesprochen solide Krimikost, das heißt, eine eher biedere, konservative Arbeit, erstaunlich routiniert aber thematisch und inhaltlich ohne größere Überraschung und leider auch etwas unentschlossen zwischen Krimi und Familienroman schwankend. Dennoch macht es großen Spaß, die Geschichte zu lesen, die mit viel Witz erzählt wird und ausgesprochen unterhaltsam ist, wenn auch nicht übermäßig spannend. Kein Thriller also, aber dennoch wieder einmal ein Serientäter, der mit zunächst nicht ohne Weiteres miteinander in Verbindung zu bringenden Morden das Ermittlerteam um die schon aus dem Erstling des Autorenteams bekannte Kommissarin Inka Luhmann und ihr Team in Atem hält.

Das Kleeblatt aus den ungleichen Mitgliedern der „Sonderkommission Stock-Car“ ist sehr genau und facettenreich gezeichnet, mit vielen liebevollen Details und charakterisierenden Besonderheiten beschrieben, auch den meist höchst interessanten Nebenfiguren geben die Autoren viel Raum. Porbeck (Ein Forensiker und Gerichtsmediziner gehört heute wohl zu jedem anständigen Krimi), Bastian Kemperdick und Marlies Röggen sowie Georg Pfeil, der ein wenig distanziert auftritt, hatte er doch die Hoffnung, anstelle von Inka die Leitung des Dezernats Kapitalverbrechen zu übernehmen. Nun ist sie, seit sie sich vor einem Jahr aus Dortmund in die sauerländische Provinz versetzen ließ, seine unmittelbare Vorgesetzte. Die alltägliche Polizeiarbeit der vier ist höchst professionell und wird entsprechend nüchtern und präzise geschildert.

Daneben menschelt es aber auch, denn sobald es ins Private geht, wird es mitunter sehr emotional, sogar irrational, die Gefühlslage einiger Figuren wird genauestens ausgeleuchtet und die Befindlichkeiten der Handelnden rücken dann in den Vordergrund und lassen für Augenblicke die Kriminalgeschichte verblassen. Die kommt auch deshalb nicht so recht voran, weil die Ermittlungen in viele Richtungen gehen und wiederholt in einer Sackgasse enden. Mladen Konicic, der ermordet im Kofferrum eines Stock-Cars gefunden wird, ist nicht nur in eine Berühmtheit in Brilon, sondern auch Polizeibekannt auf Grund einer Vielzahl von gravierender Gesetzesübertretungen, üble Verbrechen, die immer wieder mit ihm in Zusammenhang gebracht, aber nie bewiesen wurden. Auch nicht von Hendrik Luhmann, Inkas Mann, der Konicic vor Jahren vor Gericht schwer belastete und dennoch nicht verhindern konnte, dass der bei vielen verhasste Mann wieder einmal davonkam.

Seither ist Henne in Elternzeit, kümmert sich rührend um die beiden Kinder der Luhmanns, Tom und Mia. Der Rollentausch sieht vor, dass Inka sich in die Tätigkeit des Hausmanns nicht einmischt, während Henne sich nicht ungefragt zur Polizeiarbeit seiner Frau äußert. Dass er aber mauert, als sie ihn zu seinen damaligen Ermittlungen gegen Konicic befragt, kann sich Inka nicht erklären, und dass auch die Kollegen – einschließlich ihres Chefs – keine Auskunft geben wollen, beunruhigt sie zusätzlich. Als die Wahrheit schließlich ans Licht kommt, sind Enttäuschung, ja Entsetzen groß. In die Ermittlungen aber kommt Bewegung, als sich nach einem zweiten Mord endlich eine Spur zeigt, der die Fahnder ahnen lässt, was der Leser schon länger weiß.

Der hat nämlich in einigen Kapiteln, die mit „ER“ überschrieben sind, den Mörder schon kennen gelernt, der zunächst anonym ist, dann „M“. heißt und schließlich als Martin Schorn identifiziert wird. Seine Beweggründe werden nach und nach enthüllt, eine Vorgeschichte, wie sie in Krimis so oder so ähnlich schon häufig erzählt wurde, ein frühkindliches Trauma, der unbedingte Wunsch nach festen Regeln und Konventionen und der Drang, ungestrafte Übertretungen dieser Regeln selbst zu ahnden, niemanden ungeschoren davon kommen zu lassen, der mit bösen Folgen für Andere sich über Gesetze hinweg setzt. Diese konsequente Umsetzung einer fundamentalen Gerechtigkeit bringt das Team um Inka auf seine Fährte und macht ihnen zugleich klar, dass es ein weiteres Opfer geben soll.

Ob es gelingt, diese Tat zu verhindern und den besessenen Mörder rechtzeitig zu stellen, macht den spannenden allerletzten Teil des Romans aus. Da geht es tatsächlich noch einmal richtig zur Sache, zunächst mit einer ebenso spaßigen wie aufregenden Flucht und Verfolgung in einem Seniorenzentrum, und schließlich mit allerbester Hollywood-Action an der Möhne-Talsperre, die mit ihrer imposanten Staumauer prädestiniert ist für das große Showdown. Dass die Autoren sich diesen Schauplatz für den Schlussakkord ausgesucht haben, hat sich angedeutet, sie legen großen Wert auf Lokalkolorit, das Sauerland und die Sauerländer spielen eine Hauptrolle und sorgen für stimmige Atmosphäre und passendes Ambiente während der gesamten Erzählung. Die hält eine perfekte Balance zwischen ruhigen, eher nachdenklichen Passagen und schnellen, fast hektischen Kapiteln, zwischen trockenem Humor und einer plötzlich ziemlich rauen Gangart. Mir gefällt das, und so vergebe ich gerne viereinhalb von fünf Sternen.

 

Rezension von Kurt Schäfer.

 

Lang sind die Schatten

Lang sind die Schatten | Erschienen am 22. Mai 2014 bei Fischer
400 Seiten | 9,99 Euro
Leseprobe

 

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