Orkun Ertener | Lebt

Während der Arbeit an der Autobiographie der prominenten Schauspielerin Anna Roth wird Ghostwriter Can Evinman auf schockierende Weise mit seiner eigenen Lebensgeschichte konfrontiert:

Seine Eltern, die vor fünfunddreißig Jahren bei einem Unfall ums Leben kamen und ihn als achtjähriges Kind traumatisiert zurückließen, scheinen in Wahrheit einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein. Einem Verbrechen, das auch in Anna Roths Familie tiefe Wunden geschlagen hat. Gemeinsam versuchen Can und Anna herauszufinden, was wirklich passiert ist, und stoßen in Thessaloniki auf ein einzigartiges Kapitel der jüdischen Geschichte im 17. Jahrhundert, das bedrohlich bis in die Gegenwart reicht und eng mit dem Schicksal ihrer beider Familien verknüpft ist. Doch ihre Entdeckungen sind nicht ungefährlich. Denn jemand scheint großes Interesse daran zu haben, dass die Wahrheit im Verborgenen bleibt. Und schreckt vor nichts zurück. Auch nicht vor Mord …

Orkun Ertener hat mit »Lebt« einen faszinierenden Roman geschrieben, den man ohne Weiteres auch im Bereich „Thriller“ ansiedeln kann und der – besonders bemerkenswert – ein reichliches Maß an gut recherchierter Geschichte aus der Türkei und dem Griechenland des 17. Jahrhunderts sowie der Zeit des zweiten Weltkriegs enthält.

Dieser Ausflug in frühere Zeiten ist alles andere als „trocken“. Hier wird der Leser in einen Bereich der jüdischen Geschichte entführt, der den meisten wahrscheinlich vollkommen unbekannt, jedoch fesselnd und erschütternd gleichzeitig ist.

Durch die Bezugnahme auf die Familiengeschichten von Can und Anna wird der Leser eingebunden in deren durchaus nicht ungefährliche Versuche, die Wahrheit über Ihre Familien und deren Verstrickung in Begebenheiten aus der Zeit um 1942 / 1943 (und sogar bis in die heutige Zeit) herauszufinden. Die Suche nach Ihrer Vergangenheit führt sie von Hamburg aus nach Thessaloniki, wo sie sich mit einer Historikerin treffen, die ihnen zwar einiges erklären kann, jedoch auch – wie sich später herausstellt – einen Teil der Geschichte verschweigt. Nach weiteren Stationen in Istanbul – was für Can fast das Ende seiner Reise bedeutet -, London, Marseille und nochmals Thessaloniki, dringen sie immer weiter in ihre eigene Vergangenheit und deren Abgründe vor. Ihre Informanten überleben allerdings die Zusammenkünfte nicht, anscheinend gibt es da jemanden im Hintergrund, der mit aller Macht verhindern will, dass Can und Anna zuviel erfahren.

Immer dann, wenn man glaubt, endlich die Wahrheit zu erkennen, entdeckt man ein neues Puzzleteil – und wieder sieht alles anders aus als vermutet. Dies trifft auch auf die „Nebenfiguren“, sprich die heute lebenden Familienmitglieder der Hauptfiguren sowie ihr Umfeld, zu. Auch hier spielt der Autor mit den Erwartungen der Leser, um immer mal wieder eine Überraschung einzubauen.

Einziger (kleiner) Minuspunkt: Einige der geschichtlichen Begebenheiten werden mehrfach im Handlungsablauf erwähnt, dies spielt jedoch im Hinblick auf den Spannungsbogen des Romans keine größere Rolle.

Sowohl geschichtsinteressierte Leser als auch Fans von Kriminalromanen kommen bei diesem Buch voll auf ihre Kosten. Mehr soll gar nicht verraten werden.

Fazit: Orkun Ertener gibt mit seinem Roman dem Leser die Möglichkeit, in eine faszinierende Welt einzutauchen – es wäre mehr als schade, diese Möglichkeit nicht zu nutzen.

 

Rezension von Monika.

 

LebtLebt | Erschienen am 21. August 2014 bei Fischer Scherz
640 Seiten | 19,99 Euro
Leseprobe

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