Cornelius Hartz | Brook unter Räubern

Der Chefarzt eines Hamburger Krankenhauses wird seit Tagen vermisst, als mysteriöse Päckchen mit schrecklichem Inhalt auftauchen: menschliche Organe. Sind es womöglich die des vermissten Professors?

Kriminalhauptkommissar Brook und seine Kollegen vom Wandsbeker Polizeikommissariat stehen vor einem Rätsel, das immer größer wird, je tiefer sie in den Fall eindringen.

Der zweite Fall für Brook ist meine erste Begegnung mit dem Wandsbeker Kriminal-Hauptkommissar, einem knorrigen, kantigen Typ, der auf den ersten Blick keinen besonders sympathischen oder liebenswerten Eindruck macht – und auf den zweiten auch nicht. Brook benimmt sich seinen Mitmenschen gegenüber grundsätzlich grob, unfreundlich, unwirsch (eine häufig gebrauchte Vokabel in diesem Buch), er pöbelt und flucht und das Verhältnis zu seinem jungen Assistenten Lejeune (!) ist von tiefer Skepsis und sogar Abneigung bestimmt. Brook ist im Umgang mit ihm mitunter absichtlich bösartig und gehässig, er blafft ihn ständig an und lässt seinen Kollegen durch abschätzige Bemerkungen und Gesten spüren, dass er ihn für einen vorlauten Besserwisser hält, der seine Unsicherheit durch blinden Aktionismus und vorschnelle Schlussfolgerungen zu kompensieren versucht.

Ganz anders sein langjähriger Partner, Kriminalkommissar Gerrit Hellmann, der unbekümmert ist, lebensfroh, optimistisch, dynamisch, sportlich und mit Schlag bei Frauen. Auch seine Art passt Brook oft nicht, aber die beiden arbeiten nach nun fünfzehn Jahren durchaus produktiv zusammen, und manchmal wünscht sich Brook sogar, seinem Partner in mancher Hinsicht ähnlicher zu sein. Tatsächlich ist Brook meistens übellaunig, findet ständig einen Grund mit sich und der Welt zu hadern. Das hängt offenbar mit seiner privaten Situation zusammen: Seine Arbeit, seine Karriere hatte er definiert als materielle Grundlage für das Leben mit seiner Frau. Trotzdem hatte ihn diese Arbeit immer befriedigt, aber seine Frau starb an Krebs und Brook geriet in eine tiefe Krise, stellte sich häufig die Frage, wofür er überhaupt noch lebte. Nun aber erlebt er neue Momente des Glücks in einer noch jungen Beziehung mit einer Kollegin, Thea Matthiesen.

Brook war es sehr schwergefallen, sich für eine neue Beziehung zu öffnen, und er war erstaunt gewesen, dass die viel jüngere, attraktive Frau seine Zuneigung erwiderte. Tief in seinem Inneren lauert deshalb immer die Angst, dass sie ihn irgendwann wieder verlassen könnte. Thea schürt in gewisser Weise diese Angst: Sie geht ihren eigenen Weg, selbstbewusst, geradlinig und sie braucht mehr Freiraum, als Brook ihr zugestehen will. Thea spürt seine Unsicherheit und macht sich über ihn lustig, verspottet ihn – und verunsichert ihn umso mehr. Vorläufig bleibt unklar, welche Perspektive die frische Beziehung der beiden hat.

Cornelius Hartz präsentiert uns also gegensätzliche Typen, interessante, durchaus vielschichtige Figuren, die man schnell annimmt und die einen, jede auf ihre Art, durchaus fesseln. Die handelnden Personen sind allesamt sehr schön skizziert, plastisch beschrieben, die Darstellung ist sehr lebendig, die Worte sind immer gut gewählt, die Formulierungen recht gefällig und so ist das Buch angenehm zu lesen. Allerdings braucht der Leser viel Geduld, was die Entwicklung der Handlung selbst angeht. Da wird ausgewalzt, gedehnt und gestreckt, wiederholt und wiederholt.

Gleich zu Beginn der Geschichte rutscht Brook beim Aufstehen aus dem Bett aus und prellt sich das Steißbein – mit fatalen Folgen: ein gefühltes Viertel des Buches füllt der Autor mit immer gleichen Schilderungen der aktuellen Brookschen Befindlichkeit. Der Hauptkommissar jammert sowieso viel, sein Selbstmitleid nervt und die immer neuen, selbstverfassten Bulletins über seinen geprellten Steiß sind schlicht ärgerlich. Aber ständige Wiederholungen, nicht nur wortwörtliche, sondern vor allem das häufige wiederkäuen oder zusammenfassen des bisher Geschehenen stören den Lesegenuss erheblich. Während man auf den absehbaren Fortgang des Geschehens wartet, zögert der Autor die Handlung hinaus, indem er längst bekannte Fakten rekapituliert, auch ein ganzes Kapitel noch einmal zusammenfasst und andere Kapitel einfügt, die keinen Bezug zur Geschichte haben und nicht etwa auflockern, sondern nur aufhalten. Aber auch die eigentliche Handlung wird immer wieder gebremst: Stundenlang werden Videoüberwachungsbänder gesichtet, aber das wird dann auch seitenlang beschrieben. Da wird mangels anderer Ideen Lejeune drei-, viermal mit dem gleichen Fahndungsfoto in die Klinik geschickt, um das Personal zu befragen, das Ergebnis ist auch immer gleich und die Beschreibung dieselbe.

Hinzu kommt, dass die eigentliche Geschichte wenig Überraschungen bietet: Der Chefarzt einer kleinen Klinik wird vermisst, seine Sekretärin öffnet ein Paket, das im Vorzimmer abgegeben wurde und findet ein menschliches Auge. Dann ein zweites Paket, Inhalt: eine Niere. Und bald darauf ein drittes Paket mit einem menschlichen Herz. Immer dabei: Ein kurzes Schreiben in kyrillischer Schrift, dessen Inhalt die Vermutung eines Racheaktes nahelegt. Aber Rache wofür, Rache von wem, und Rache an wem? Der Verdacht der drei Ermittler geht ziemlich bald in die Richtung, dass die herausgeschnittenen Organe dem verschwundenen Professor gehörten. Allerdings gehen sie bei ihren Nachforschungen und Befragungen derart umständlich und behäbig vor, dass die Untersuchungen sich ständig im Kreis drehen oder völlig im Sande verlaufen.

Unter der Führung des Hauptkommissars verliert das Ermittlerteam schon mal eine Spur aus dem Auge oder verfolgt eine völlig abwegige Idee, aber Brook ist stur und hartnäckig, uneinsichtig gegen Kritik und blind und taub für gute Ratschläge. Sein Fokus liegt sowieso mehr auf persönlichen Animositäten und privaten Problemen. Und so wird munter in die unwahrscheinlichsten Richtungen ermittelt, unüberlegte Schlussfolgerungen verzögern die naheliegenden Schlüsse immer wieder, die Kriminalisten tappen noch im Dunkeln, wenn der Leser längst den vorhersehbaren Sachverhalt ahnt. Das erzeugt keine Spannung, sondern Ungeduld.

Der Autor nutzt leider nur zu selten die Möglichkeit, aus den spannenden Konfliktkonstellationen und zum Teil unübersichtlichen Umständen und grotesken und absurden Situationen bei den untauglichen Versuchen der Aufklärung auch witzige, humorvolle Passagen zu kreieren, öfter mal mit einem Augenzwinkern zu erzählen, auch und gerade weil der Grundtenor blutrünstig und grausam sein mag. Das ist schade, denn die Stellen, an denen es Cornelius Hartz mit Humor versucht, erscheint mir die Erzählung besonders gelungen.

Zum guten Schluss kommt dann trotz aller Vorhersehbarkeit immerhin noch so viel lange vermisste Spannung auf, dass Brook sogar für kurze Zeit sein lädiertes Steißbein vergisst, und auch der bis hierhin rätselhafte Prolog findet schließlich noch seine Erklärung.

Offenbar soll Brook in Serie gehen, und da ist häufig nicht jede Folge eine Sternstunde. Ich kenne den ersten Fall »Brook und der Skorpion« nicht und warte deshalb auf den nächsten Roman mit den Hamburgern. Vielleicht ist der ja spannender, interessanter, abwechslungsreicher. Immerhin gibt es zum Schluss dieses Buches Anzeichen, dass sich das gestörte Verhältnis zu seinem jungen Assistenten normalisiert, und auch die Beziehung zu Thea stabiler wird. Somit könnten sich der Kommissar und der Autor ja auf die Krimi-Handlung konzentrieren. Dann verspreche ich mir auf jeden Fall gute Unterhaltung bei der nächsten Folge.

Mir hat immerhin die Diktion dieses Romans sehr gut gefallen, so gibt es trotz der Vorbehalte gegen die Geschichte für »Brook unter Räubern« noch dreieinhalb Sterne.

 

Rezension von Kurt.

 

Brook unter RäubernBrook unter Räubern | Erschienen am 23. Juli 2014 bei Emons
240 Seiten | 9,99 Euro
Leseprobe

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