Angelika Felenda | Der eiserne Sommer

Juni 1914: Zwei Schüsse fallen in Sarajewo, und die Welt rückt an den Abgrund. Franz Ferdinand, der Thronfolger Österreich-Ungarns, ist tot. Zur gleichen Zeit steht Kommissär Reitmeyer in München vor einer schwierigen Entscheidung. Er hat es satt, die Marionette des Polizeipräsidenten zu sein. Die Leiche eines jungen Mannes führt ihn von den Arbeitervierteln bis in die Villen der Großbürger. Und in das berüchtigte Café Neptun, Vergnügungsort der Offiziere. Der Polizeipräsident drängt ihn, nicht noch tiefer zu schürfen, und gegen das Militär darf er per Gesetz nicht ermitteln. Da macht Reitmeyer eine ungeheuerliche Entdeckung, die nicht nur ihn selbst zum Abschuss freigibt, sondern die das ganze Land in den Untergang stürzen könnte.

Der erste Satz des Prologs des Debütromans saß, sprich: Ich habe mich derart vor Lachen angeschickert in die Geschichte geschubst gefühlt, dass ich sie in einem Durchmarsch lesen wollte.

»Der eiserne Sommer« erzählt auf stilistisch hohem Niveau von der Ermittlungsarbeit des zweiunddreißgjährigen Kommissärs Sebastian Reitmeyer, der sich anno 1914 in München in einem starren Polizei- und Gerichtsbarkeitsapparat gegen allerhand Widrigkeiten durchsetzen muss. Er steht deutlich im Zentrum des Romans, was mir sehr gut gefiel. Ihm wurde ein ausgesprochen ambivalenter Charakter zugeschrieben. Nichtsdestotrotz hat mich seine trockene Art sehr angesprochen – was dem herausragenden Schreibstil der Autorin zu verdanken ist. Immer wieder brachte sie mich ad hoc zum Lachen, was man bei der Thematik der Geschichte nicht unbedingt erwarten durfte. Doch es sind die Umstände und die mal spitz, mal weich gezeichneten Charaktere, die mich dazu brachten.

Reitmeyer zur Seite stehen seine Kollegen Steiger und Brunner sowie der Polizeianwärter Rattler. Was für ein Typ! Gehorsam und Unterwürfigkeit wird von ihm gefordert, das „Maul solle er halten, und echte Kriminaler nicht bei der Arbeit stören“ (Seite 152). Doch seinen ganz eigenen Instinkten und Interessen folgend, liest er heimlich hinter Aktenrregalen Forensikschriften und Autopsieberichte. Er ist wissbegierig und sehr an seinem Beruf interessiert, was niemand im Präsidium gern sieht. Lassen sich Reitmeyers Kollegen lenken und zur Ordnung rufen, sieht das bei Rattler schon anders aus. Natürlich kann dieser die Füße nicht stillhalten und begibt sich dadurch unweigerlich in Gefahr. Doch dies soll nicht nur zu seinem Schaden sein. Auf der anderen Seite muss sich Reitmeyer seinem Vorgesetzen erwähren, der von ihm die Schönschreibung der Münchener Kriminalstatistik einfordert. Zusätzlich wird er permanent in seinen Befragungsmöglichkeiten eingeschränkt. Hochgestellte Persönlichkeiten fühlen sich rasch beleidigt, in ihrer Ehre gekränkt – Standesdünkel eben. Die Vernehmung von Angehörigen des Militärs ist ihm per Gesetz untersagt.

In einem zweiten Erzählstrang (beginnend im Prolog), erweitert die Autorin ihre Geschichte um tiefere historische Einblicke, indem sie uns die etwas wirr anmutenden Tagebuchaufzeichnungen und Notizen „eines“ Offiziers präsentiert. Durch die in Regelmäßigkeit eingestreuten Absätze verliert die gesamte Geschichte leider etwas an Spannung und Fahrt, aber das Panorama der Zeit wird sehr viel deutlicher herausgearbeitet. Insofern ist es letztendlich doch ein Gewinn für den Leser. Dabei ist es auch fast unerheblich, dass dieser ahnt, wer hinter der Mordserie steckt.

Angelika Felenda hat mit ihrem Auftakt zu einer neuen Serie um den Kommissär Sebastian Reitmeyer großartige Recherchearbeit und Detailtreue bewiesen. München vor 100 Jahren wirkt greifbar. Dabei vermag sie es, ihren Sprachstil über die komplette Länge des Romans zu halten. Wohlfeine Formulierungen wie mit einer fächerartigen Handbewegung auf über 400 Seiten ausgestreut. Historisch interessierte Freunde anspruchsvoller Kriminalromane werden sich über dieses Debüt freuen – und natürlich auf die Fortsetzungen.

 

 

Der eiserne SommerDer eiserne Sommer | Erschienen am 18. August 2014 bei Suhrkamp Nova 435 Seiten | 14,99 Euro Leseprobe

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