Erin Kelly & Chris Chibnall | Der Mörder unter uns

Danny Latimer war elf Jahre, als er starb. Sterben musste. Seine Leiche fand man unten am Kliff. Bei ihren Ermittlungen stoßen Ellie Miller und Alec Hardy in dem kleinen Ort Broadchurch an der englischen Südküste auf mehr Verdächtige, als ihnen lieb ist.

Dannys Vater hat kein Alibi für die Tatzeit. Wo war er in dieser Nacht? Dannys Freund hat sämtliche Nachrichten von seinem PC und Handy gelöscht. Worum ging es da? Der Zeitungsverkäufer, die unfreundliche Frau im Trailerpark, der Postbote – sie alle haben etwas zu verbergen. Aber was? Als die Wahrheit ans Licht kommt, ist in Broadchurch nichts mehr, wie es einmal war. Wer ist der Mörder von Danny Latimer?

»Der Mörder unter uns« ist entstanden nach der sehr erfolgreichen britischen Fernsehserie »Broadchurch«, die der renommierte Drehbuch-Autor Chris Chibnall realisiert hat und die von Zuschauern wie Kritik hoch gelobt wurde. Offenbar waren die sensationelle Sehbeteiligung beim Sender ITV und das riesige Medienecho Grund genug, die Geschichte noch einmal als Buch zu vermarkten, augenscheinlich mit wiederum großem Erfolg. Und das, obwohl die Nacherzählung von Erin Kelly eins zu eins dem Drehbuch folgt, wer also die Ausstrahlung der Serie verfolgt hat, ist um den eigentlichen Reiz des Rätsels nach dem „whodunnit“ gebracht. In Deutschland sind die acht Episoden der ersten Staffel (die in den USA bereits als Remake unter dem Titel „Gracepoint“ liefen) allerdings noch nicht gezeigt worden, wobei die Sendergruppe Pro7-SAT1 schon länger die Rechte besitzt.

Ich konnte den Roman daher völlig unvoreingenommen lesen, und das war mir sehr lieb: Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass mir die Lektüre in aller Regel weit weniger Vergnügen bereitet, wenn ich zuvor schon eine Verfilmung des Stoffes gesehen habe. Wer die Bilder aus Film oder Fernsehen kennt, hat genau diese Eindrücke bei der Lektüre vor Augen und die Einbildungskraft ist nicht mehr gefordert, die ansonsten für die ganz eigene Vorstellung von Figuren und Schauplätze sorgt, selbst wenn der Autor bereits eine detaillierte Beschreibung liefert. Dieses Buch fordert die Fähigkeit des Lesers zur Imagination erheblich, weil die Autorin sich keine übertriebene Mühe macht, ihre Charaktere besonders genau zu zeichnen. Ebenso lässt die sparsame Beschreibung der Örtlichkeiten, die zum Teil durchaus spektakulär sind, breiten Raum für die eigene Fantasie.

Ich habe gestaunt, als ich mir Bilder aus der Fernsehserie ansah: DI Hardy war in meiner Vorstellung deutlich älter, was seine Kollegin Miller betrifft, hatte ich eine völlig andere Figur vor Augen. Mit den Aufnahmen der Landschaft, der Kleinstadt-Idylle, der prägnanten Kulissen wie Friedhof, Hafen und Werft, der Hütte auf dem Kliff oder auch den Redaktionsräumen und der Polizeistation – mit der Bildgewalt des Films können die Wortschöpfungen von Erin Kelly offensichtlich schon gar nicht mithalten, obwohl es genügend andere Beispiele gibt, wo sich die Ausdruckskraft eines Erzählers der Bildersprache eines Regisseurs durchaus überlegen zeigt. Umgekehrt kann das nachträgliche Anschauen einer bekannten Geschichte, filmisch umgesetzt durch einen guten Regisseur, durchaus Gewinn bringen und neue, interessante und spannende Einsichten und Interpretationen liefern.

Die Story ist schnell erzählt: Ein elfjähriger Junge wird tot am Fuß einer Klippe aufgefunden – ermordet, wie schnell feststeht, und zwar von einem der Dorfbewohner. Der Kreis der Verdächtigen ist also überschaubar, der Klempner, der Postbote, der mürrische Kioskbetreiber, der junge Vikar, der Elektriker, der sich als Medium gibt – einer aus der Mitte der kleinen Gemeinde muss der Täter sein. Detective Sergeant Ellie Miller, die in ihrem ersten Mordfall ermittelt, ist eine von ihnen und kann sich nicht vorstellen, dass der Mörder wirklich einer ihrer Bekannten, Freunde, Verwandten sein soll. Sie glaubt eher an das Gute im Menschen und die Ermittlungen gehen ihr auch deshalb nahe, weil ihr Sohn der beste Freund des Opfers war.

Detectiv Inspector Alec Hardy, der ihr kurz vor der Beförderung vor die Nase gesetzt wurde, traut aus leidvoller Erfahrung jedem alles zu. Er ist bissig, sarkastisch, manchmal zynisch und macht sich so keine Freunde in seiner neuen Dienststelle und bei den Dorfbewohnern, denen er, anders als seine Kollegin, äußerst unsanft auf die Füße tritt. Dabei zeigt sich, dass so gut wie jeder der Einheimischen ein mehr oder weniger „dunkles“ Geheimnis oder doch zumindest etwas zu verbergen hat, was den Verdacht abwechselnd mal auf diesen, mal auf jenen lenkt und in dem kleinen Ort für immer mehr Unfrieden sorgt. Die Gemeinschaft des idyllischen Marktfleckens lebt von den Touristen, die in wenigen Sommermonaten über den kleinen Küstenort in Dorset hereinbrechen, und auch die bleiben jetzt aus. Schon deshalb wäre eine schnelle Aufklärung des Verbrechens wichtig, aber die Polizei tappt völlig im Dunkeln.

Die Geschichte musste schließlich über acht Episoden tragen, da bleibt die eine oder andere Länge nicht aus. Da der Roman von Erin Kelly eins zu eins dem Drehbuch folgt, überträgt sich dieser Effekt leider zwangsläufig auf ihre Nacherzählung. Dabei zeigt die Autorin nicht vordergründig die Ermittler bei ihrer Arbeit am Fall, sie verfolgt nicht die Detectives bei ihrer täglichen Routine, sondern stellt die zwischenmenschlichen Dramen im Dorf in den Mittelpunkt. Es geht nicht um den Mord, um die Ermittlung des Täters, sondern um die Wirkung, die dieser Mord auf eine kleine eingeschworene Gemeinschaft hat, in deren Mitte und aus deren Mitte heraus dieses ungeheure Verbrechen geschieht, das Eindringen des unvorstellbar Schrecklichen in den Alltag.

Der Blick für häusliche Details ist es, der uns die Figuren näher bringt, unscheinbare Gesten, flüchtige Bemerkungen, dezente Hinweise auf die Beziehungen untereinander. Allerdings überfrachtet die Vielzahl an Figuren und die Schilderung ihrer Einzelschicksale die Geschichte ein wenig und führt auch dazu, dass tiefere Einblicke in die Psyche der Handelnden und detailliertere Beschreibungen ihrer Charaktere ausbleiben. Schade, denn hier hätte die Autorin die Möglichkeit, das Innenleben der Beteiligten Personen viel genauer darzulegen, als es eine Fernseh-Serie vermag, aber ihre Protagonisten bleiben merkwürdig flach und eindimensional. Gleichzeitig sind einige Charaktere stark typisiert, grob überzeichnet, während es an Gemeinplätzen und oftmals unbeholfenen Dialogen nicht mangelt, unglückliche Formulierungen und missratene Ausdrücke wechseln sich ab mit wiederum wirklich gelungenen Abschnitten.

Je weiter die Geschichte erzählt wird, je mehr die Ermittler in Erfahrung bringen, desto mehr offenbart sich das Ausmaß der verschwiegenen Geheimnisse, desto tiefer wird der Abgrund von Lug und Trug. Der Mord hat alles geändert, niemand ist unbeschadet geblieben und schon bald wächst das Misstrauen, jeder verdächtigt jeden, die Verunsicherung ist allgegenwärtig und vergiftet die sonst so friedliche, beschauliche Atmosphäre. Schließlich ist das Verhältnis innerhalb der Dorfgemeinschaft so zerrüttet, dass es zu Gewaltausbrüchen und Selbstjustiz kommt.

Die Presse, vor allem eine übereifrige Reporterin des Londoner „Daily Herold“, stürzt sich auf die Story. Karen White hat aber offensichtlich nicht nur ein journalistisches Interesse an dem Fall, sondern auch eine ganz persönliche Beziehung zu Hardy und seiner Vorgeschichte. Denn auch der Chefermittler hält mit einigen unangenehmen Einzelheiten zu seiner Person hinter dem Berg. Bei einer früheren Ermittlung im Falle einer Kindstötung konnte der Täter aufgrund von Fehlern und Pannen bei der Ermittlung nicht verurteilt werden. Ein Grund, weshalb Hardy geradezu besessen davon ist, den aktuellen Fall unbedingt aufzuklären, obwohl er gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Das gelingt schließlich, nachdem ein Geheimnis nach dem anderen gelüftet, ein ums andere Rätsel gelöst ist, Theorien entwickelt und wieder verworfen wurden und einige seltsame Zufälle und unwahrscheinliche Ereignisse hilfreich waren.

Ohne eine einzige Episode gesehen zu haben, halte ich in diesem Fall das Werk des Serienschöpfers Chibnall dem der Autorin Kelly für überlegen. Was ich aber absurd finde: Es ist eine Fortsetzung geplant oder bereits in Arbeit, eigentlich nicht vorstellbar, es sei denn, die Geschichte um Hardy und Miller soll weiter erzählt werden, vielleicht als Geschichte von Alec und Ellie, die tatsächlich bei allem, was wir bisher erfahren haben zu kurz gekommen ist. Die eigentlich sehr tief gehenden Differenzen zwischen den beiden nicht nur wegen ihrer beruflichen Rollenverteilung sondern auf Grund ihrer völlig unterschiedlichen persönlichen und charakterlichen Eigenarten – hier der schroffe Schotte, professionell und gradlinig trotz all seiner Defizite, dort die stets um Ausgleich bemühte sanfte und emotionale Ehefrau und Mutter – werden im Buch überhaupt nicht herausgearbeitet, stattdessen nur die oberflächlichen Gegensätze gezeigt.

Ich warte die Antwort gelassen ab, sie interessiert mich aber nicht wirklich. Lesen oder ansehen werde ich mir diesen zweiten Aufguss wohl nicht, auch wenn ich für das vorliegende Buch gerne noch dreieinhalb Sterne vergebe.

 

Rezension von Kurt Schäfer.

 

Der Mörder unter unsDer Mörder unter uns | Erschienen am 21. August 2014 bei Fischer
448 Seiten | 9,99 Euro
Leseprobe

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