Xavier-Marie Bonnot | Die Melodie der Geister

Der Marseiller Polizeikommandant Michel de Palma, auch »Baron« genannt, soll Licht in den Fall des Mordes an Dr. Delorme bringen, der tot an seinem Schreibtisch aufgefunden wurde, vor ihm aufgeschlagen Freuds Werk Totem und Tabu. 60 Jahre zuvor hat der Wissenschaftler in Neuguinea den Einheimischen Schädel und Totenmasken abgekauft. Warum fehlt in Delormes Villa einer dieser Schädel? Während die Ermittlungen laufen, kommt es zu weiteren Verbrechen an Ethnologen und Kunsthändlern. Hat Michel de Palma es mit einem manischen Mörder zu tun? Seine Untersuchungen führen den opernbegeisterten, unbeugsamen, unberechenbaren Ermittler in die Tiefen der Marseiller Unterwelt aber auch nach Neuguinea und in die internationale Kunsthandelszene.

Der Prolog entführt den Leser nach Neuguinea, in eine weit entfernte Welt, in eine lang zurückliegende Zeit, nämlich die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die Papua im Südpazifik vielfach noch nie einen Weißen zu Gesicht bekommen hatten. Diese machten sich gerade auf in jenes unbekannte Terrain, um die beunruhigenden und faszinierenden Sitten und Gebräuche der Ureinwohner zu erforschen, zu denen seinerzeit noch selbstverständlich die Kopfjagd und der Kannibalismus gehörten.

So wie Dr. Fernand Delorme, der mit seinem Freund Robert Ballancourt und einem einheimischen Führer tief in das Gebiet der Ureinwohner vordringt. Ballancourt ist ein steinreicher, kunstbegeisterter Abenteurer, der die Hoffnung hegt, ein bisher völlig unbekanntes Volk zu entdecken, Delorme ist im Auftrag des Pariser Ethnographischen Museums aufgebrochen, um primitive Kunst einzutauschen, übermodellierte Schädel, Masken und andere Kultgegenstände der Eingeborenen, wie sie sich bei Sammlern in Europa gerade größter Beliebtheit erfreuen, und Delorme nutzt die günstige Gelegenheit, um für ein paar billige Glasscherben und einfaches eisernes Werkzeug auch eine private Sammlung zusammenzuraffen.

Nun ist dieser international bekannte Sammler herausragender Primitiver Kunst und vor allem berühmte Mediziner tot, ermordet durch einen Bambuspfeil, wie ihn die Papua bei ihrer Jagd benutzen. Schließt sich hier ein Kreis? Michel de Palma, Polizeikommandant in Marseille, der von Freunden und Gegnern ehrfurchtsvoll der „Baron“ genannt wird, stellt jedenfalls gleich eine Verbindung her zu jener Expedition vor siebzig Jahren. Das Gesicht des Toten, inzwischen hochgeehrter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Neurologie, ist bedeckt mit einer Maske aus seiner eigenen Sammlung. Zudem fehlt eine besonders eindrucksvolle Trophäe, ein äußerst wertvoller Schädel.

Aufgeschlagen vor dem Toten liegt das Werk „Totem und Tabu“ von Siegmund Freud. Dieser stellt sich eine Urhorde vor, in der sich die Söhne gegen den Vater auflehnen, ihn töten und essen. Anschließend fertigen sie aus Reue und aus Angst vor seiner Rache ein Totem nach seinem Bild. Der entsprechende Absatz im Buch ist unterstrichen. De Palma vermutet hier einen Schlüssel zum rätselhaften Verbrechen an dem Sechsundneunzigjährigen, der als junger Mensch fasziniert von Freuds Thesen war, wie von Bérénice Delorme zu erfahren ist, der Enkelin, die als Expertin auf dem Gebiet der Eingeborenen-Kunst von den renommiertesten Museen und Antiquariaten um ihre Meinung gefragt wird.

Von ihr bekommt der Ermittler aber auch Nachhilfe auf dem Gebiet der Ethnologie und Anthropologie und hört Wissenswertes über Claude Lévi-Strauss und Margaret Mead, die im Roman ausführlich zitiert und interpretiert werden. Der Baron glaubt, dass ihn seine Überlegungen in diese Richtung der Lösung des Falles näher bringen, denn es gibt Hinweise, dass alles zusammenhängt: Der lange zurück liegende Raub der Kultgegenstände auf Neuguinea, der Handel mit solchen Antiquitäten in der Gegenwart, die Familiengeschichte der Delormes und seines Gefährten und auch der Diebstahl des Schädels aus der Bibliothek des Ermordeten.

Und es scheint ihm, als ob solche Objekte, wie sie die Delorme und Ballancourt, sammelten, immer noch heilig sind und irgendwie gefährlich, ausgestattet mit magischen Kräften. In den übermodellierten Schädeln wohnt nach dem Glauben der Naturvölker der Geist der Ahnen, und selbst de Palma kann sich der unheimlichen Wirkung des Aberglaubens nicht entziehen. Schließlich hat er im Haus des Mordopfers seltsame Flötenklänge vernommen, wie die verzauberten Klänge, die auf den heiligen Holzrohren erzeugt werden, die bei jenen Urvölkern gespielt werden und die Stimmen der Geister wiedergeben, die nur Eingeweihte hören dürfen. Die unheimliche Musik hatte den Baron zutiefst beunruhigt und vage Ängste heraufbeschworen.

Wo bleibt nun der eigentliche Krimi? Es gibt sie schon, die traditionelle Detektivgeschichte mit der routinierten Zusammenarbeit von drei miteinander befreundeten Ermittlern samt den üblichen Sticheleien untereinander, mit den gewohnten Einblicken ins Private, den Fall mit schließlich mehreren Toten und einer Riege fieser Ganoven und ein paar falschen Fährten auf der Suche nach dem Täter, mit angemessener Action samt Verfolgungsjagd und Schießerei, aber tatsächlich tritt all das oft in den Hintergrund, denn der verschachtelte Roman birgt noch mehrere andere Erzählungen in sich.

Da ist zum einen der Bericht über die zu Beginn geschilderte Expedition von 1936 in Form eines Logbuches, das der Kapitän des Rahschoners Marie-Jeanne schrieb, mit dem die Abenteuerreisenden bis ins Innere Ostborneos vordrangen. Immer wieder blättert de Palma in diesen faszinierenden Aufzeichnungen.

Zum anderen werden im Verlauf der Geschichte an vielen Stellen Kindheitserinnerungen eines Beteiligten eingestreut, der in beiden Welten gelebt hat und hin- und hergerissen ist zwischen der Kultur des alten Europa und dem uralten Kult der Papua, der gegen seinen Willen getauft wurde und keinen Zugang mehr findet zu seinen Stammesbrüdern, die er zurückführen möchte zu den traditionellen Werten der Ahnen.

Darüber hinaus ist aber auch noch Platz für eine zarte Liebesgeschichte, denn de Palma ist neu entflammt für seine Jugendfreundin Eva, und zwischen den beiden bahnt sich eine vielversprechende Beziehung an. Und schließlich nimmt sich der Autor die Zeit, immer wieder ausgedehnte Ausflüge in die jüngere Vergangenheit zu unternehmen. Er schildert mit erkennbarer Zuneigung ein liebenswertes „altes“, untergegangenes Marseille, entwirft zarte Bilder aus Kindheit und Jugend des Barons und baut Szenen seiner Anfänge bei der Kriminalpolizei ein.

Außerdem haben noch einige sympathische Nebenfiguren ihre eigene kleine Geschichte, eine liebevolle Schilderung des Alltags der „normalen Leute, so dass der eine oder andere Krimifreund in diesem vielleicht etwas überfrachteten Roman das eigentliche Thema, nämlich die Aufklärung der Mordserie, als zu kurz abgehandelt empfindet. Mich hat es nicht gestört, dass bei Xavier-Marie Bonnot die Gewichte einmal anders verteilt sind. Jeder einzelne seiner Handlungsfäden ist für sich ein Stück absolut lesenswerter Literatur, und zusammen ergibt das ein höchst interessantes und ausgesprochen empfehlenswertes Buch.

Der Stil wechselt gekonnt je nach Erzählebene, und mit ihm häufig auch das Tempus, die Vergangenheit wird im Präsens erzählt, die Gegenwart im Präteritum und selbst das Schriftbild passt sich an, die Typografie variiert Schriftart- und Größe, so dass der Leser die oft geradezu hektischen Schnitte leichter verarbeiten kann, mit denen Bonnot die wechselnden Szenen aneinander setzt. Die werden mitunter ausgeblendet, manchmal aber auch abrupt beendet, mitten im Satz gewissermaßen, und mit dem Szenenwechsel verbunden ist oft nicht nur ein Wechsel von Ort und Zeit verbunden, sondern auch ein radikaler Stimmungsumschwung.

Unvermittelt geht dann das rasante Erzähltempo über in epische, weitschweifige Beschreibungen, es gibt ein Atemholen, Verzögerung, Entschleunigung, ein Abgleiten in Träumereien, in Erinnerungen und Phantasien. Oft schwebt ein Hauch von Nostalgie und Fernweh über der Erzählung, immer wieder schweift der sehnsüchtige Blick über den Hafen, über das Meer, in die Ferne. Maritime Motive tauchen an vielen Stellen der Geschichte auf und schaffen eine träumerische, beruhigende und gleichzeitig rastlose Stimmung. Der Polizeikommandant de Palma wird demnächst pensioniert und dann will er hinaus aufs Meer, auf dem eigenen Boot einen Traum verwirklichen, für den er schon fleißig im Handbuch der Navigation büffelt.

Michel de Palma ist ein souveräner, lässiger, cooler Polizist, kein Sensibelchen, dem seine privaten Probleme über den Kopf wachsen – aber dann wieder zart und verletzlich, zärtlich und sentimental im Umgang mit der wiedergefundenen Jugendliebe. Dazu passt der Feinschmecker, der Feingeist und Opernliebhaber. Im Job dagegen desillusioniert und lakonisch, fast zynisch, sachlich und präzise, kompromisslos gegenüber den Ganoven, deren Sprache er spricht.

Mit den Kollegen arbeitet er harmonisch zusammen, das Team ergänzt sich ohne die üblichen Streitigkeiten und Differenzen, bei aller Unterschiedlichkeit und Unterscheidbarkeit kann man sich aufeinander verlassen.

Der aktuelle Fall führt die Ermittler in das Milieu der Seefahrt in ihrer weniger romantischen Form der großen Frachter und Containerschiffe. Die Spur führt in den Hafen mit seiner ganz besonderen Atmosphäre und seinen Ausdünstungen, den ganz eigenen Geräuschen und Gerüchen, die der Leser dank der eindrücklichen Schilderung Bonnots fast spüren kann, Lärm und Gestank genauso wie exotische Düfte und fremdartige Melodien.

Hier befindet sich ganz offensichtlich eine Drehscheibe des illegalen Kunsthandels, ein Umschlagplatz für geschmuggelte und geraubte Artefakte, die mit den großen Pötten aus aller Welt kommen und weiter verhökert werden an die Schieber und Hehler, an kriminelle Händler und skrupellose Sammler. In diesem Milieu scheint sich der Täter umzutreiben, aber es zeigt sich, dass nicht alle Fäden des verworrenen Handlungsgeflechts hier zusammenlaufen.
Das etwas zu sentimentale Ende geht an einem ganz anderen Schauplatz über die Bühne.

Alles in allem ist »Die Melodie der Geister« eine sehr lohnende Lektüre, für alle jedenfalls, die einen guten Kriminalroman nicht nur an möglichst großer Spannung festmachen.

Rezension von Kurt Schäfer.

Die Melodie der Geister

Die Melodie der Geister | Erschienen am 16. Februar 2015 im Unionsverlag
368 Seiten | 21,95 Euro
Leseprobe

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