Greg Iles | Natchez Burning

Penn Cage, Bürgermeister von Natchez, Mississippi, hat eigentlich vor, endlich zu heiraten. Da kommt ein Konflikt wieder ans Tageslicht, der seine Stadt seit Jahrzehnten in Atem hält. In den sechziger Jahren hat eine Geheimorganisation von weißen, scheinbar ehrbaren Bürgern Schwarze ermordet oder aus der Stadt vertrieben. Nun ist mit Viola Turner, eine farbige Krankenschwester, die damals floh, zurückgekehrt – und stirbt wenig später. Die Polizei verhaftet ausgerechnet Penns Vater – er soll sie ermordet haben. Zusammen mit einem Journalisten macht Penn sich auf, das Rätsel dieses Mordes und vieler anderer zu lösen.

Penn Cage ist entsetzt: Ausgerechnet sein Vater, der allgemein hoch angesehene Arzt Dr. Tom Cage, soll wegen Mordes angeklagt werden. Das Opfer Viola Turner war in den 1960ern Krankenschwester in der Praxis seines Vaters. Nun ist sie todkrank nach Natchez zurückgekehrt, um in ihrer Heimat zu sterben, begleitet von Penns Vater. Und er soll Viola ermordet haben? Penn kann dies nicht glauben, doch sein Vater schweigt weitgehend und verteidigt sich nicht.

So beginnt Penn mit der Recherche: Viola Turner ist 1968 geflohen, als gerade die rassistische Gruppierung der „Doppeladler“ in Natchez und Umgebung ihr mörderisches Unwesen trieb, und angeblich wurde ihr mit dem Tod gedroht, falls sie jemals zurückkehrt. Der Lokaljournalist Henry Sexton hat umfassend über die „Doppeladler“ recherchiert und bietet Penn Unterstützung an. Die Taten von damals sind noch ungerächt, die Mörder sind noch mitten unter den Bürgern, manche Leichen wurden nie gefunden. Und irgendwie schwant Penn, dass die Verteidigung seines Vaters und die Wahrheit über seine Familiengeschichte mit den Ereignissen vor vierzig Jahren zusammenhängen. Doch ihre Gegner haben bis in die Gegenwart nichts an brutaler Entschlossenheit eingebüßt.

Greg Iles hat mit »Natchez Burning« einen ziemlichen Wälzer von 1000 Seiten vorgelegt und dies ist auch nur der erste Teil einer Trilogie. Iles entfaltet ein breites Südstaatenpanorama. Er beginnt die Story in den 1960er Jahre, wechselt aber schnell ins Jahr 2005 und erzählt dann quasi in Echtzeit eine Geschichte von ungesühnten rassistischen Morden, von Wahrheit und Lüge, Vertrauen und Misstrauen.

Zu Beginn hat Iles mich gepackt! Rassisten, eine Splittergruppe des Ku-Klux-Klans, das FBI untätig, die Mörder sind vierzig Jahre später immer noch mit Macht und Einfluss …. Das klingt nach einer brauchbaren Story. Aber leider nahm meine Euphorie im Laufe des Buches stetig ab. Iles nutzt die Seitenzahl leider nicht, um seine Charaktere zur Geltung zu bringen. Im Gegenteil, viele bleiben über das ganze Buch erstaunlich eindimensional und stereotyp. Die Story ist nicht schlecht, über weite Strecken auch spannend vorgetragen, aber Iles lässt sie zum Ende hin ausufern und überkonstruiert. Und überschreitet meine Schmerzgrenze an Pathos doch deutlich.

Überhaupt ist dieser Thriller doch arg amerikanisch, eine spätere Hollywood-Verfilmung miteinkalkulierend. Allein der Ich-Erzähler Penn Cage: Mitte 40, ehemaliger Bezirksstaatsanwalt, erfolgreicher Schriftsteller, nun Bürgermeister von Natchez, verwitwet, alleinerziehend, verlobt mit der außerordentlich attraktiven Journalistin, Herausgeberin und Pulitzerpreisträgerin Caitlin. Das ist doch mal eine Vita. Und Papa Cage spricht sich zwar nicht mit seinem Sohn aus, ruft aber seinen Kumpel aus Koreakriegszeiten Walt, einen Texas Ranger im Ruhestand. Die zwei alten Herren probieren dann auf eigene Faust und mit ein paar Schusswaffen, Beweise für die Unschuld von Dr. Cage zu beschaffen. Herzinfarkte inklusive.

Ich sollte jetzt nicht alles schlecht machen. Im Grunde ist das Buch ein solider Thriller. Aber mehr auch nicht, das größere Potenzial der Story lässt der Autor oft ungenutzt. Was ich vor allem schade finde: Greg Iles schreibt eine Geschichte über den Rassismus in den Staaten und hält sich permanent in der Vergangenheit auf. Alte, ungesühnte Taten werden wieder aufgerollt, aber der Bezug zum alltäglichen Rassismus heutzutage wird nicht hergestellt. Aber möglicherweise hat sich Iles das für die nächsten Teile vorgenommen.

Rezension von Gunnar Wolters.

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Natchez Burning | Erschienen am 13. Februar 2015 bei Rütten & Loening
1008 Seiten | 22,99 Euro
Leseprobe | Trailer

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