John le Carré | Der Spion, der aus der Kälte kam

„Ich habe mich gefragt, ob Sie nicht müde geworden sind. Ausgebrannt?“
Es entstand ein langes Schweigen.
„Das.müssen Sie beurteilen“, sagte Leamas schließlich.
„Wir müssen ohne Gefühl leben, ist es nicht so? Das ist freilich unmöglich. Wir spielen es uns gegenseitig vor, all diese Härte. Aber so sind wir in Wirklichkeit gar nicht. Ich meine, man kann nicht die ganze Zeit draußen in der Kälte sein; man muß auch einmal aus der Kälte hereinkommen … verstehen Sie, was ich meine?“

(Auszug, Seite 23)

Alec Leamas, Leiter des Berliner Büros des britischen Geheimdienstes, ist konsterniert. Soeben hat die ostdeutsche Staatssicherheit sein Agentennetzwerk gesprengt. Er muss zum Rapport nach London. Dort eröffnet ihm der Geheimdienstchef einen letzten großen Auftrag (bevor er „aus der Kälte hereinkommt“): Mundt, der erfolgreiche Chef der ostdeutschen Spionageabwehr, soll verschwinden. Dafür soll Leamas sich als Überläufer anbieten.

Die Täuschung beginnt: Leamas wird degradiert, fängt zu trinken an und es beginnt ein schleichender Abstieg, bis er wegen eines tätlichen Angriffs schließlich im Knast landet. Kaum wird er entlassen, nimmt die Gegenseite Kontakt zu ihm auf. Leamas wird zunächst nach Den Haag und schließlich in die DDR gebracht. Er beginnt in den Verhören, Mundt unterschwellig zu diskreditieren. Der Plan scheint aufzugehen …

»Der Spion, der aus der Kälte kam« ist ein echter Klassiker des Spionageromans. Der Roman erschien 1963 kurz nach dem Mauerbau und wurde im gleichen Jahr mit dem britischen Krimipreis „Dagger Award“ ausgezeichnet. Zum 50jährigen Jubiläum des Preises im Jahr 2005 wählte die Jury den Roman gar zum besten Kriminalroman der letzten 50 Jahre.

Autor John le Carré schaffte mit dem Roman den internationalen Durchbruch. Kurz darauf quittierte er seinen Dienst beim britischen MI6, für den er in Deutschland gearbeitet hatte. Im Vorwort beschreibt le Carré, dass das Buch in direkter Reaktion auf den Mauerbau und die neue Situation in der Geheimdienstwelt entstand. Er gesteht, dass er den Roman „in größter Eile über einen Zeitraum von fünf Wochen“ und in einem Zustand von „Alleinsein und Verwirrung“ schrieb.

Der Roman beginnt (und endet) an der Berliner Mauer. Alec Leamas wartet in einem Westberliner Grenzposten auf seinen Agenten Karl Riemeck. Dieser kommt schließlich auf einem Fahrrad angefahren, passiert zunächst den DDR-Grenzposten und wird kurz vor Erreichen des Westens doch noch von den DDR-Grenzsoldaten erschossen. Dieser actionreiche Beginn ist jedoch untypisch für den Rest des Buches. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ian Fleming setzt le Carré auf subtile Spannung. Seine Charaktere spinnen ein feines Netz aus Täuschung und Gegentäuschung, in dem sich letztendlich auch der Leser verfängt, der sich ständig fragt, wer hier wen gerade hinters Licht führt.

Hauptfigur Alec Leamas ist ein erfahrener Geheimdienstler, einsam, verbittert, desillusioniert. Er beginnt während seines Abstiegs eine Liaison mit der blutjungen Liz, einer Kollegin in seinem neuen Job in einer Bibliothek und Mitglied der britischen kommunistischen Partei. Er verhält sich eher schroff, unverbindlich, merkt erst spät, was er für sie empfindet. Sie liebt ihn vorbehaltlos. Dadurch wird sie, ohne es zu ahnen, seine Achillesferse.

Der Roman nimmt von der Intensität ständig zu. Am stärksten wird er, als Leamas in die DDR kommt. Es beginnt ein Duell zwischen den beiden mächtigsten Männern der DDR-Spionageabwehr. Fiedler, der zweite Mann, ein Jude, kultiviert und loyaler Sozialist. Und Mundt, Antisemit, Pragmatiker und Opportunist. Allein mit dieser Kombination zeigt le Carré die Widersprüche des DDR-Sozialismus auf. Spöttisch seziert le Carré die Weltfremdheit und Menschenfeindlichkeit des Systems („Haben Sie Lenin nicht gelesen?“). Doch le Carré kehrt auch vor der eigenen Tür: Der Westen bekommt ebenfalls sein Fett weg. Le Carré beschreibt schonungslos das schmutzige Spiel der Geheimdienste. Die Ideologie ist zweitrangig, der Zweck heiligt die Mittel, Kollateralschäden werden einkalkuliert.

»Der Spion, der aus der Kälte kam« ist ein hervorragend komponierter Spionageroman aus der Hochzeit des kalten Krieges und immer noch ein Highlight des Genres. Ebenfalls sehenswert ist die Verfilmung des Buches mit Richard Burton als Alec Leamas.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

 

Der Spion, der aus der Kälte kam_sz

Der Spion, der aus der Kälte kam | Erstmalig erschienen 1963 (D 1964)

Die gelesene Ausgabe erschien 2006 als Lizenzausgabe für die Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek
229 Seiten

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Erstauflage veröffentlichte der Ullstein-Verlag am 12. April 2013 eine Neuübersetzung von Sabine Roth. Die Taschenbuchausgabe wird am 8. Mai 2015 veröffentlicht, ebenfalls bei Ullstein.
272 Seiten | 9,99 Euro
Leseprobe

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Ein Gedanke zu “John le Carré | Der Spion, der aus der Kälte kam

  1. Einer der beeindruckendsten Thriller, die ich bislang gelesen habe. Und die Verfilmung: Hervorragend. Buch und Film hinterlassen im Herzen das Gefühl einer eiskalt-klirrenden, melancholischen Beklemmung. Schöne Besprechung!

Gedanken dazu

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