David Gray | Kanakenblues

Bellini sah Boyle unverfroren geradeheraus an. Boyle sagte nichts. Er wusste nicht, was er hätte sagen sollen.
„Vor ein paar Jahren hat mir ein Kollege von Ihnen mal gesagt: Macht sei immer die Angst der anderen. Damals hatten diese anderen noch Angst vor euch. Aber heute habt IHR ANGST VOR DENEN. Und das gefällt mir nicht“, sagte Bellini, hob ihren Kopf und zog ihre Nase kraus. „Riechen Sie das … so riecht es im ganzen Haus.“
Boyle sah ihr wortlos zu, ohne zu ahnen, worauf sie hinauswollte.
„Angst, Boyle. Es riecht nach Angst hier. Nur ist das Polizeipräsidium so ziemlich der letzte Ort in dieser Stadt, an dem es nach Angst riechen sollte, finden Sie nicht?“

(Auszug eBook, Seite 189)

Lewis Boyle hat es endlich zur Mordkommission der Hamburger Polizei geschafft. Sein erster Einsatz hat es dann direkt in sich: Der Sohn des Polizeipräsidenten Dr. Stiller wurde erschossen. Am Tatort angekommen, wird er sofort zu Dr. Stiller zitiert. Dieser erpresst Boyle und verlangt von ihm, den Täter zu ermitteln und dann zu erschießen. Kurz darauf stirbt ein weiterer junger Mann. Boyle glaubt an einen Zusammenhang zwischen den Fällen und sucht vor allem nach der Verbindung zum Polizeipräsidenten. Derweil hat der Mörder seine Mission für diese Nacht noch nicht beendet. Eine Hetzjagd beginnt, in der nicht nur die Polizei, sondern auch Hamburgs Unterwelt beteiligt ist.

Autor David Gray hat bislang seine Bücher im Selbstverlag herausgebracht. Unter dem Titel »Glashaus« ist dieser Krimi bereits als eBook erschienen. Nachdem der Pendragon Verlag das Buch veröffentlichen wollte, wurde es nochmal komplett überarbeitet und ist jetzt unter dem neuen Titel »Kanakenblues« erschienen. Gray hat einen knallharten Polizeikrimi geschrieben, politisch unkorrekt und mit vielen Grautönen.

Ein deutscher hardboiled detective – ja, es gibt ihn noch! Lewis Boyle ist definitiv solch ein Exemplar. Mitte 30, dunkelhäutig, dazu selbstbewusst, zielstrebig, intelligent. Mit vielen Feinden, vor allem im eigenen Haus. Seine Berufsausübung gleicht einem Tanz auf der Rasierklinge. Boyle steht grundsätzlich schon zu den Zielen seines Berufsstandes, aber das hindert ihn nicht, mit der Gegenseite für seine Zwecke zu kooperieren. Sein bester Kumpel seit Kindertagen und erster Ansprechpartner im Hamburger Gangstermilieu ist Teddy Amin, Jude, dick im Zuhälter- und Drogengeschäft. Gleich zu Beginn wird der Leser Zeuge, dass Boyle eine verdeckte Ermittlung mit einer Menge Koks an einen Hamburger Unterweltboss verrät, um dadurch zwei besonders üble Kollegen loszuwerden (und gleichzeitig sein eigenes Schweizer Konto zu füllen).

Die zweite Erzählperspektive handelt von Younas Aris, einem Gastarbeiter, der seit langem mit der Familie in Deutschland lebt. Er ist durchaus intelligent, aber über Handlangerdienste auf dem Bau nicht hinausgekommen. Er hegt Respekt für sein Gastland und fühlt sich doch minderwertig behandelt. Als seine Tochter von vier jungen Männern vergewaltigt wird und er in der Polizeiwache abgewimmelt wird, startet er, bedrängt von der eigenen Familie, einen blutigen Rachefeldzug.

Der Autor zeigt die Hansestadt in sehr unvorteilhaftem Licht. Jeder hat hier Dreck am Stecken: Polizisten, Politiker, Journalisten und natürlich die Unterwelt. Da werden komplizierte Bündnisse geschlossen, meist nur fragil und auf Zeit, bis sich neue Konstellationen ergeben. Es geht – natürlich – um Macht, Einfluss und letztendlich um verdammt viel Kohle. Und das alles erzählt Gray sehr intensiv, temporeich, mit interessanten Charakteren und weitgehend schlüssig. Lediglich der Weg des „Kanakenkillers“ Younas durch die Nacht war für mich von ein wenig zu viel Zufall, Glück und bei einem Amateur unangebrachter Professionalität geprägt.

Durch den Schauplatz Hamburg ist man als deutscher Leser immer geneigt zu sagen: „Na, trägt der Autor da nicht ein bisschen dick auf?“ Wäre schlimm, wenn es in der Hansestadt tatsächlich so zugeht, aber so ganz sicher, dass dem auf keinen Fall so ist, sollte man nicht sein. Denn dafür gelingt David Gray mit diesem Krimi eine zu gute und nicht ganz unrealistische Fiktion.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

 

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Kanakenblues | Erschienen am 1. März 2015 im Pendragon Verlag
376 Seiten |12,99 Euro
Leseprobe

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