William McIlvanney | Laidlaw

Jemand sagte: „Solche Leute dürften nicht weiterleben.“ Es wurde genickt. Die Stille war furchterregendes Einvernehmen.
„Wem hat das arme Mädchen denn je was getan?“
Niemandem, sagte die Stille.
„Selbst wenn sie ihn schnappen, sorgt irgendein Studierter dafür, dass der Kerl bloß Gefängnis kriegt.“
Ihre Selbstgefälligkeit war undurchdringlich. Grobe Männer waren das. Gewalt gehörte bei vielen zum Alltag. […] Aber es gab Verbrechen und Verbrechen. Und wenn man ein bestimmtes beging – wenn man ein Kind missbrauchte oder ein Mädchen vergewaltigte – , wurde man von ihnen in Gedanken entmannt. Man wurde zum Ding.
Die Küche war ein mitleidloser Ort. Stück für Stück redeten sie sich das Menschsein aus. Die Männer wurden zu Racheengeln. (Auszug Seite 54)

In einem Glasgower Park wird die Leiche der jungen Jennifer Lawson gefunden. Ein Sexualmord. Der Mörder versteckt sich irgendwo in der Stadt. Doch eine Menge Leute sind hinter ihm her. Nicht nur die Polizei, sondern auch die Unterwelt Glasgows, die sich bei ihren Geschäften durch den Mord beeinträchtigt fühlt. Schließlich sinnt auch die Familie auf Rache. Keine einfache Aufgabe für Detective Inspector Jack Laidlaw, der sich in den rauen Straßen und Pubs der Stadt auf die Suche begibt.

„Wir haben den größten sozialen Wohnungsbau in Europa. […] Architektonische Müllhalden, auf denen Menschen abgeladen werden wie Gülle. Architektur als Strafe. Die Glasgower müssen sehr freundliche Leute sein, sonst hätten sie Viertel wie dieses schon vor Jahren niedergebrannt.“ (Auszug Seite 41-42)

Jack Laidlaw ist ein komplizierter Mann und das „enfant terrible“ der Glasgower Polizei. In seinem Schreibtisch liegen Klassiker der Existenzialisten. Er gibt sich keinen Illusionen hin und behält doch seine hohen moralischen Ansprüche. Im Gegensatz zu den meisten anderen Polizisten dämonisiert er die Täter nicht, sondern sieht immer noch den Mensch hinter der Tat. Mit seiner unkonventionellen Art eckt er auch regelmäßig an. Zu Beginn der Ermittlungen quartiert er sich in einem Hotel ein und taucht tief ins Glasgower Milieu ein. Seine Herangehensweise versucht er auch seinem neuen Assistenten Detective Constable Brian Harkness zu vermitteln.

„Dieser Mord ist eine sehr menschliche Botschaft. Allerdings ist sie verschlüsselt. Wir müssen versuchen, den Code zu knacken, und wir dürfen nicht vergessen, dass das, wonach wir suchen, Teil von uns ist. Wenn sie das nicht begreifen, brauchen Sie gar nicht erst anfangen.“ (Auszug Seite 94)

Autor William McIlvanney gilt seit erstmaligem Erscheinen der (bislang) dreiteiligen Reihe um Detective Inspector Jack Laidlaw Ende der 1970er Jahre als Begründer des allerdings nur sehr schwammig abgegrenzten Genres des tartan noir. Die Laidlaw-Reihe wird vom Verlag Antje Kunstmann momentan in deutscher Neuübersetzung herausgegeben (Band 2 Die Suche nach Tony Veitch ist seit März 2015 Nr.1 der KrimiZeit-Bestenliste). McIlvanney begann seine Autorenkarriere mit sozialkritischen Gesellschaftsromanen und dies führt er im Krimigenre auch fort. Er zeichnet ein intensives Bild der Stadt Glasgow und seiner Bewohner, zeigt die Widersprüche und die Bigotterie auf und obwohl die Reihe schon mehr als dreißig Jahre alt ist, wirkt hier nichts altbacken.

Er fühlte sich wund vor Widersprüchen. Der Ort, an dem er sich befand, sprach Hohn auf den, von dem er kam. Trotzdem war beides Glasgow. Er hatte die Stadt immer gemocht, aber nie hatte er sie deutlicher vor Augen gehabt als heute Abend. Ihre Stärke äußerte sich in Gegensätzen. Glasgow war selbstgebackene Ingwerkekse und die tote Jennifer Lawson im Park. Die salbungsvolle Freundlichkeit des Commanders und die gefährdete Aggressivität Laidlaws. Sie war Milligan, unsensibel wie ein wandelnder Zementklotz, und Mrs. Lawson, besinnungslos vor Schmerz. Sie war die rechte Hand, die dich niederschlägt, und die linke, die dir wieder aufhilft, abwechselnd Entschuldigungen und Drohungen ausstoßend. (Auszug Seite 78)

Im Gegenteil, das Buch ist literarisch herausragend. Ich hatte das Gefühl, dass sich der Autor bei jedem Satz, ja bei jedem Wort, etwas gedacht hat. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einem Buch mehr Textauszüge markiert zu haben.

Danach war Marys Mutter in der Küche, räumte auf, spülte und weichte Wäsche ein. Weil Sonntag war, konnte sie die Maschine nicht anstellen, aber einweichen war in Ordnung. Anscheinend hatte sie das Kleingedruckte gelesen, das vom Berg Sinai heruntergekommen war. (Auszug Seite 57)

Ein zeitloser, großartiger Kriminalroman für alle, die vom Genre mehr erwarten als Strandlektüre.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Laidlaw

Laidlaw | Erschienen am 10. September 2014 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3888979675
304 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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