Andreas Winkelmann | Die Zucht

Nur fünf Minuten hat Helga Schwabe ihren Sohn aus den Augen gelassen. Einen unaufmerksamen Moment lang. Und in diesem Moment ist er verschwunden.

Als fielen Hauptkommissar Henry Conroy die Ermittlungen in diesem Fall mutmaßlicher Kindesentführung nicht schon schwer genug, muss er sich auch noch mit einer neuen Kollegin herumschlagen. Vorlaut, frech, selbstbestimmt – das ist Manuela Sperling. Aber sie hat einen guten Riecher. Und bald stoßen die beiden auf eine Spur, die zu einem einsamen, verfallenen Gehöft im Niemandsland an der Grenze zu Tschechien führt, auf dem illegal Hunde gezüchtet werden …

In Kürze: Ein kleiner Junge der entführt wird. Hunde, die illegal gezüchtet werden. Prostituierte die spurlos verschwinden.

Nichts passt zusammen in Henry Conroys neuem Fall. Zu allem Überfluss muss sich der Hauptkommissar auch noch mit der neuen Kollegin Manuela Sperling zusammenraufen, die ihm gehörig auf die Nerven geht. Aber dann stoßen die beiden auf eine Spur, die die Fälle auf grausige Weise verbindet …

Der 6 jährige Oleg ist verschwunden. Ermittler Henry Conroy fehlt jede Spur, die auf den Verbleib des Jungen schließen lässt. Der Vater sucht verzweifelt auf eigene Faust, während die labile Mutter davon überzeugt ist, dass ihr Sohn vom „Bilgenschneider“ ins Maisfeld geholt wurde. Als dann nicht weit entfernt ein enthaupteter Hund gefunden wird, weiß Henry Conroy, dass der Täter zu allem fähig ist und muss mit seiner neuen Kollegin Manuela Sperling nach jedem Strohhalm greifen. Währenddessen sucht eine Tierschutzaktivisten im Wald nach einem Landhaus in dem sie eine illegale Hundezucht vermutet.

In Andreas Winkelmanns neuem Thriller Die Zucht werden schwere Geschütze aufgefahren um dem Leser keine ruhige Minute zu gönnen. Die Geschichte startet mit zwei Handlungssträngen. Jene um den verschwundenen Oleg, sowie eine Geschichte um eine illegale Hundezucht und deren zwielichtigen Betreibern. Die Geschichten werden aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert und so bekommt der Leser unterschiedlichste Sichtweisen und Motivationen der Charaktere vermittelt. Was als normaler Krimi anfängt, entwickelt sich mehr und mehr zu einer Horror-Geschichte und der Magen des Lesers wird auf die ein oder andere Probe gestellt.

Das Ermittlerduo, welches mit dem Fall des verschwundenen Oleg betreut ist, könnte nicht gegensätzlicher sein. Henry Conroy ist der mürrische kaltschnäuzige Ermittler im Stil des Hardboiled-Detectives. Manuela Sperling hingegen ist der „frische Wind“ der Abteilung und macht ihren Partner mit ihrer direkten und frechen Art das ein oder andere mal sprachlos. Der Schlagabtausch der beiden ist glaubwürdig geschrieben und sehr unterhaltsam. Zusätzlich ist er eine willkommene Abwechslung zur von Gewalt geprägten Nebenhandlung. Die Passagen die der Entwicklung der Charaktere dienen sind besonders gut gelungen und wirken nicht erzwungen. Vor allem gibt Andreas Winkelmann gelungene Einblicke in die Gedankenwelt seiner Charaktere und schafft überall Empathie für seine Figuren, selbst wenn diese auf unterschiedlichen Seiten stehen.

Ein Defizit am Buch ist, dass der Autor eher auf puren Schock durch extreme Gewalt setzt, was verhindert, dass eine wirkliche schaurige und verstörende Atmosphäre aufgebaut werden kann. Man verzieht kurz das Gesicht wenn beschrieben wird wie Hunde mit Menschenfleisch gefüttert werden, aber mehr als ein kurzer Schock bleibt nicht zurück. Zwar ist das Buch sehr spannend und schnell geschrieben, aber ein beklemmendes Gefühl bleibt leider auf der Strecke.

Die Beziehung der Charaktere untereinander sind klasse ausgearbeitet und begeistern besonders, da im Horror-Genre häufig die Charakterentwicklung auf der Strecke bleibt. Andreas Winkelmann schafft es seinen gewählten Handlungsort des Deutsch-Tschechischen Grenzgebietes gut zu umschreiben und nutzt diesen, um das Thema des illegalen Tierschmuggels aufzugreifen.

Fazit: Mit seinem neuen Werk hat Andreas Winkelmann einen sehr gut konzipierten und spannenden Thriller geschaffen. Die Charaktere sind extrem mitreißend und überzeugend ausgearbeitet. Die Stimmung des Buches fällt hin und wieder den Schockmomenten zum Opfer, welche ein wirkliches Gruseln erschweren. Zwar ist das Hin und Her des Ermittlerduos Conroy/Sperling witzig und spannend zugleich, allerdings ist das Aufeinandertreffen von zwei Ermittlern mit diesen Charaktereigenschaften schon sehr oft so umgesetzt worden. Die Kapitel sind kurz gehalten welches dem schnellen vorantreiben der Handlung zu Gute kommt.

Die Zucht ist ein Thriller in dem, neben einer guten Handlung, auch noch ein wichtiges Problem eingearbeitet ist, welches den Autor offensichtlich beschäftigt. Jedes Jahr werden ca. 60.000 Hundewelpen aus dem Ausland nach Deutschland eingeführt. Diese werden oft unter unwürdigen Verhältnissen gezüchtet und erhalten weder medizinische Versorgung noch geeignete Verpflegung. Mal wieder ein wirklich überzeugender Thriller aus der Feder eines deutschen Autors, welcher dem ein oder anderen Leser sicher lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

Gastrezension von Daniel Abraham.

 

Aufgepasst! Auf der Facebook-Seite des Autors kann man sich derzeit für eine Deathbook-Lesung mit anschließender Podiumsdiskussion mit ihm (und weiteren Gästen) bewerben. Diese wird am 11. Juni 2015 um 20 Uhr in Gießen stattfinden. Bahnreisekosten werden, so Andreas Winkelmann, bis 120,- Euro erstattet, eine Übernachtung ist ebenfalls inbegriffen. Hier geht es zu dem entsprechenden Post: klick

 

Die Zucht

Die Zucht | Erschienen am 30. Januar 2015 bei Wunderlich
512 Seiten | 16,95 Euro
Leseprobe | Trailer

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