Patricia Highsmith | Der talentierte Mr. Ripley

Hinter Sizilien lag Griechenland. Er wollte unbedingt nach Griechenland. Er wollte Griechenland als Dickie Greenleaf erleben., mit Dickies Geld, Dickies Kleidung, Dickies Auftreten Fremden gegenüber. Aber war es denkbar, dass er Griechenland nicht als Dickie Greenleaf erleben würde? Würde eine Sache nach der anderen geschehen und ihn daran hindern – Mord, Verdächtigungen, Leute? Er hatte nicht mit Vorbedacht gemordet; es war eine Notwendigkeit gewesen. Die Vorstellung, als Tom Ripley, amerikanischer Tourist, nach Griechenland zu reisen und über die Akropolis zu trotten, hatte keinerlei Reiz. Lieber fuhr er erst gar nicht hin. Tränen traten ihm in die Augen, als er am Glockenturm der Kathedrale hochschaute; dann wandte er sich ab und ging eine unbekannte Straße entlang. (Auszug Seite 249 bis 250)

Der mittellose und nicht gerade erfolgreiche Scheckbetrüger Tom Ripley wird in einer New Yorker Bar unvermittelt von Mr. Greenleaf angesprochen, dem Vater eines Bekannten. Greenleafs Sohn Dickie lebt sehr zum Verdruss seiner Eltern ein unbeschwertes Leben in Italien. Mr. Greenleaf hofft, dass Tom ihn zur Rückkehr nach Hause überreden kann. Tom übertreibt seinen möglichen Einfluss auf Dickie und lässt sich zu einer Reise nach Europa überreden. Dort angekommen hat er Mühe, Dickies Vertrauen zu gewinnen, doch schließlich werden beide dicke Kumpels und hauen Daddy Greenleafs Geld auf den Kopf. Doch als die Stimmung plötzlich kippt, droht Tom sein nun sorgenloses Leben zu verlieren und er trifft eine Entscheidung: Dickie muss sterben.

Der talentierte Mr. Ripley“ ist der erste Roman um Patricia Highsmiths berühmter Figur, erstmals im Jahre 1955 veröffentlicht. Es folgten bis ins Jahr 1991 noch vier weitere Ripley-Romane. Obwohl Highsmiths Romankonstruktion um einen Kriminellen als Hauptfigur, der sich erfolgreich der Strafe entzieht, damals nichts absolut Neues war, war es ungewöhnlich genug, um mit Tom Ripley eine höchst erfolgreiche Roman- und Filmfigur zu erschaffen.

Tom Ripley wird uns von Beginn an als Betrüger vorgestellt. Seine Betrugsmasche mit gefälschten Steuerbescheiden ist allerdings nicht sehr erfolgreich. Auch sein Deal mit Mr. Greenleaf ist auf der Lüge aufgebaut, Dickie näher zu stehen. Doch gleichzeitig ist Tom Ripley kultiviert und zurückhaltend. In Italien angekommen, beginnt er in Dickies Leben einzudringen. Er verspürt echte Zuneigung und Identifikation (an dieser Stelle bringt die Autorin übrigens eine homoerotische Komponente ein). Doch Dickies Freunde Marge Sherwood und Freddie Miles misstrauen Tom. Er merkt, dass ihm Dickie wieder entgleitet. Sein altes, unsicheres Leben ist bedroht. Für ihn gibt es nur einen Ausweg: Dickie ermorden und dessen Identität annehmen.

Die Faszination dieses Romans rührt in der Kühnheit, mit der Tom Ripley seinen Plan verfolgt. Für ihn ist er sozusagen alternativlos, er will unter keinen Umständen in sein altes Leben zurück. Doch in der Folgezeit begibt sich auf eine rastlose Reise durch Italien, mit wechselnden Identitäten, immer kurz vor der Enttarnung. Und hier beginnt der Roman aus meiner Sicht ein wenig zu schwächeln, denn die Nummern, die Tom im letzten Drittel des Romans abzieht, wären ihm unter normalen Umständen zum Verhängnis geworden. Doch die extrem inkompetente italienische Polizei und die äußerst naiven Marge und Mr. Greenleaf lassen Tom davonkommen. Unfassbar. Tom Ripley ist zwar ziemlich abgebrüht und am Ende auch fatalistisch, ob er nun damit durchkommt oder nicht, aber er ist mit Nichten ein kriminelles Superhirn, sondern hat schlichtweg eine Menge Dusel.

Ein echter Klassiker des Kriminalromans, der mich bei weit über die Hälfte auch sehr überzeugt, nur leider wird die Geschichte zum Ende her zu sehr gedehnt und die Figur Ripley verliert ein wenig an Reiz, da sie zunehmend nur mehr Glück als Verstand hat.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Der talentierte Mr. Ripley_c

Der talentierte Mr. Ripley | Die gelesene Ausgabe erschien im im September 2002 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-06404-9
432 Seiten | 21,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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3 Gedanken zu “Patricia Highsmith | Der talentierte Mr. Ripley

  1. Kann das Fazit nicht ganz teilen – ich finde, dass der Roman bis zum Schluß einen Spannungsbogen beibehält. Weil eben Ripley nicht der klassische kühle Verbrecher ist, sondern einer, der da so reinstolpert – aber was fasziniert ist, wie er zu einem gewissenlosen Menschen mehr und mehr mutiert. Ich denke, man muss dieses Buch mehr als psychologische Studie lesen.

    1. Der Gedanke der psychologischen Studie ist auf jeden Fall richtig. Der Spannungsbogen lahmte für mich aber ab der Stelle, wo es aus meiner Sicht beginnt, unglaubwürdig zu werden, dass Ripley mit allem durchkommt.

  2. Hat dies auf Andreas Schneider – Hobbyautor rebloggt und kommentierte:
    Für mich ist „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith einer der besten Kriminalromane.

    Mir gefällt, dass es sich nicht um einen Krimi im eigentlichen Stil handelt, die Hauptfigur eine Person wie du und ich ist …

    Das Onlinemagazin Kaliber 17 veröffentlichte eine gelungene Rezension dieses Klassikers, den ich hiermit reblogge, um weitere Leser auf dieses Buch aufmerksam zu machen …

Gedanken dazu

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