Tom Rob Smith | Kind 44

Der 2008 unter dem Originaltitel Child 44 erschienene Roman Kind 44 von Tom Rob Smith wurde rasant zur internationalen Thriller-Sensation. Die deutsche Ausgabe erschien erstmals im Januar des selben Jahres im Dumont Verlag und wurde nun, siebeneinhalb Jahre später, als Kinofilm auf die Leinwände gebracht. Im Mai 2015 erschien dazu im Goldmann Verlag die Taschenbuchausgabe zum Film.

Moskau 1953. Auf Bahngleisen wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden, nackt und fürchterlich zugerichtet. Aber in der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Und so wird der Mord zum Unfall erklärt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow jedoch kann die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließen. Als der nächste Mord passiert, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und bringt damit sich und seine Familie in tödliche Gefahr …

Moskau im Jahr 1953. Die Sowjetunion wird von Stalin mit eiserner Hand regiert. Vielerorts herrscht großer Mangel an Lebensnotwendigem und eine verzehrende Armut. Menschen sterben an Hunger, Durst und vor allem auch an Kälte. Die Perspektiven der Sowjetbürger tendieren gegen Null, denn das totalitäre System hält alle mit einer überwältigenden Staatsangst in Schach, dabei die Bewohner der Städte mehr als die Dorfbewohner. Das Netzwerk der Agenten ist undurchschaubar, so dass jeder vor jedem auf der Hut ist und niemand sich frei bewegen, geschweige denn äußern kann, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Einmal denunziert wegen eines noch so fadenscheinigen Grundes, gibt es keine Hoffnung mehr für den bereits verurteilten Volksfeind. Der Weg in die Lubjanka, die gefürchtete Strafvollzugsanstalt Moskaus, ist dabei noch die mildeste Strafe im Vergleich zu den sibirischen Arbeitslagern, wo die Überlebenschance bei teilweise wenigen Monaten liegt. Aber ebenso eine direkte Exekution ist jederzeit möglich.

In diesem Klima versieht der Kriegsheld und Geheimdienstoffizier Leo Demidow, ein junger Mitarbeiter der Staatssicherheit NKWD, ehrfürchtig seinen Dienst, ohne seine Aufgaben und die daraus resultierenden Konsequenzen in Frage zu stellen. Gemeinsam mit seiner Frau Raisa lebt er ein bescheidenes aber besseres Leben in einer eigenen Wohnung, die er mit keiner weiteren Familie teilen muss. Dies konnte er ebenso seinen Eltern ermöglichen. Wohnungen wurden zu der Zeit zugewiesen. Man konnte keine Ansprüche geltend machen und Wünsche zu äußern war geradezu selbstmörderisch.

Leo wird damit beauftragt, einen seiner Kollegen aufzusuchen, um ihn davon zu überzeugen, dass der Tod seines Sohnes ein Unfall war. Dieser kam – so die offizielle Version – beim Spielen auf den Bahngleisen durch einen Zug ums Leben. Seinem Vater Fjodor wurde allerdings von einer Augenzeugin zugetragen, dass es sich um Mord und keinesfalls um einen Unfall handelt. Dieses Gerücht soll Leo im Keim ersticken und die Familie mundtot machen. Denn im perfekten Staatssystem der Sowjetunion gibt es keine Verbrechen. Und Mörder schon gar nicht. Denn Mord gilt als eine ausschließlich kapitalistische Krankheit. Ohne Fragen zu stellen, führt Leo diesen Auftrag aus. Doch erstmals kommen ihm Zweifel. Zweifel an den Todesumständen des kleinen Jungen und Zweifel an seinem Gehorsam.

Im Geheimen stellt Leo eigene Nachforschungen an, da ihn der tote Junge nicht loslässt. Dies bleibt leider nicht lange geheim, sodass Leo und Raisa verschwinden müssen. Um alles beraubt, seine Arbeit, die Wohnung, sämtliches Hab und Gut (abgesehen von zwei kleinen gefüllten Koffern), werden sie in den Osten des Landes deportiert, wo sie jedoch in kein Arbeitslager kommen sondern wo Leo – degradiert auf die unterste Stufe – für die Miliz tätig sein soll. Doch der Todesfall lässt ihm nach wie vor keine Ruhe. Als er dann auf weitere ähnliche Todesfälle stößt, schrillen bei ihm sämtliche Alarmglocken. Leo muss erkennen, dass das System nicht perfekt ist und dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Und zwar im ganzen Land entlang der Hauptbahnstrecke. Sein Entschluss, diesen unschädlich zu machen, ist für ihn damit in Stein gemeißelt. Gegen jeden Widerstand seines neuen Vorgesetzten und seiner Frau macht er weiter.

Tom Rob Smith hat mit Kind 44 einen wirklich packenden Thriller geschrieben, welcher inzwischen schon Fortsetzungen hat (Kolyma und Agent 6). Der Einführung des Serienhelden Leo hat er sehr viel Raum geschenkt. Gleichzeitig hat er auf spektakuläre Schockmomente, insbesondere bei den Kindermorden, verzichtet, aber auch Leos Verbissenheit wenig greifbar geschildert. Das hat insgesamt etwas Spannung aus dem Thriller genommen. Nach ungefähr der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte aber an Fahrt auf, so dass ich noch an den Punkt kam, an dem ich unbedingt wissen wollte, wie sich die Geschichte entwickelt und ob Leo mit heiler Haut da raus kommt. Zum Romanende möchte ich noch anmerken, dass eine weniger verstrickte Lösung glaubhafter wäre. Doch Tom Rob Smith schließt mit dieser auch einen Kreis.

Die wichtigsten Nebenfiguren sind Leos Frau Raisa, ein ehemaliger Untergebener Leos und Geheimdienstmitarbeiter namens Wassili sowie sein neuer Vorgesetzter Nesterow. Diese Figuren werden glaubhaft aufgebaut, wenn aus meiner Sicht auch nicht alles nachvollziehbar ist, was der damaligen Zeit und natürlich dem Staatssystem geschuldet ist. Beleuchtet wird auch die Ehe von Leo und Raisa, was ein zentrales Thema des Romans ist, dient dies nämlich auch dem Verständnis des „späten“ Leo Demidows.

Kleiner Wehmutstropfen: In der Taschenbuch-Erstausgabe von 2010 findet der Leser im Innenteil des Covers eine Karte, welche die Bahnstrecke und die markierten Tatorte darstellt. In der Neuauflage ist diese Karte nicht abgedruckt.

Bei Zeiten werde ich sehr gerne die Folgebände dieser Serie lesen und mir vielleicht auch die Verfilmung mit Tom Hardy, Gary Oldman und Noomi Rapace in den Hauptrollen ansehen.

 

Kind 44

Kind 44 | Neuauflage erschienen am 18. Mai 2015 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-48185-9
512 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe | Filmtrailer

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