Izabela Szolc | Ein stiller Mörder

Ein stiller Mörder ist ein recht schmales Buch von nur rund 200 Seiten, aber die Autorin Izabela Szolc packt einiges hinein an spannender Handlung, interessanten Hintergründen, an dichter Atmosphäre und klugen Reflexionen, auch über die vordergründige Handlung hinaus. Sie beschreibt den schwierigen Alltag einer jungen Frau in ihrem Beruf als Kriminalkommissarin in einer von Männern geprägten Arbeitswelt und in ihrem Privatleben als alleinerziehende Mutter eines Jungen am Beginn der Pubertät. In beiden Rollen ist die Hauptfigur des Romans stark gefordert und sie erlebt hier wie dort auch Momente des Scheiterns, schließlich aber erweist sie sich als ungewöhnlich starke Frau, die sich bei aller Verletzlichkeit durchsetzt und allen Widrigkeiten und auch allen Zweifeln zum Trotz ihren Weg geht.

Die parallelen Ermittlungen in zwei Mordfällen erfordern Annas volle Aufmerksamkeit und bringen zuletzt nicht nur sie, sondern auch ihren Sohn in Lebensgefahr. Ein verrückter Geigenvirtuose, ein selbstmordgefährdeter, vermeintlicher Sexualstraftäter oder ein bislang unerkannter Dritter – wer ist der stille Mörder?

Das klingt alles nicht sehr neu und überraschend, aber diese Kommissarin heißt Anna Hwierut und ermittelt nicht in Stockholm, Marseille oder London, sondern in Warschau. Ein etwas anderer, noch zu entdeckender Schauplatz, ein faszinierendes Milieu, das noch unverbraucht ist in den vielen gängigen Krimis, eine für viele Leser möglicherweise noch nicht so bekannte Kultur. Zu verdanken haben wir diese fesselnden neuen Einblicke dem Prospero Verlag, der in seinem Programm der osteuropäischen, speziell polnischen Literatur dankenswerter und verdienter Weise einen etwas breiteren Raum gibt. Der vorliegende Roman ist der erste Teil einer Trilogie um die junge Ermittlerin.

Anna ist damit beschäftigt, einen psychopathischen Mörder zu überführen, der seine Frau im Auto hat verbrennen lassen, gleichzeitig soll sie einen jungen Mann suchen, der von seiner Mutter als vermisst gemeldet wird und angeblich selbstmordgefährdet ist. Und dann wird am Weichselufer eine Leiche angespült, scheinbar wirklich das Ergebnis einer Selbsttötung. Das Thema Selbstmord in all seine Facetten zieht sich durch den gesamten Roman, auch über Sterbehilfe und Tod auf Verlangen gibt es tiefsinnige Überlegungen. In einen tragischen Fall von erweitertem Suizid ist ausgerechnet ein Polizist verwickelt, und Anna kann auch nicht verhindern, dass sich eine junge Frau umbringt, weil sie Mobbingopfer wurde.

Nur der Tote von der Weichsel stellt sich als Mordopfer heraus, auch dies eine Geschichte mit traurigem Hintergrund, die Anna ziemlich mitnimmt. Aber das Schlimmste steht ihr noch bevor: unvermittelt gerät sie in einen Hinterhalt und in höchste Lebensgefahr, und, noch perfider, ihr Sohn wird mit hineingezogen in die grausame Aktion. Diese eindrückliche, intensive Szene ist der fulminante Höhe- und Schlusspunkt einer ansonsten eher ruhigen, nüchtern und trotz vieler Momente der Rückbesinnung und häufiger Introspektiven sehr geradlinig vorgetragenen Geschichte.

Dabei wird mitunter auch nur angedeutet, und manches bleibt ungesagt, ungeschrieben, muss vom Leser erahnt und ergänzt werden. Die Lektüre erfordert daher die ungeteilte Aufmerksamkeit, nebenher kann man dieses Buch nicht lesen, es wäre aber auch schade, sich nicht auf die vielen herrlichen Sprachbilder, die verblüffenden Einfälle und trockenen, lakonischen Kommentare einzulassen. Auch die Dialoge sind knapp, treffend und pointiert, so dass die Geschichte vorangetrieben wird und den Leser mitreißt – bis Annas Erinnerungen den rasanten Schreibfluss bremsen und für einen Moment der Besinnung sorgen, der Rückbesinnung auf eine unglückliche Jugendliebe, auf die ungeplante Geburt des Sohnes und die Flucht des Kindesvaters vor der Verantwortung , vor allem an den schmerzlichen, frühen Verlust der Mutter.

Diese Einschübe sind kein Abschweifen ins Belanglose, sondern wichtiger Teil der Geschichte, die auf solche Art ergänzt und komplettiert wird, Annas Reflexionen liefern Erklärungen für manche ihrer Verhaltensweisen und Befindlichkeiten. Ein Übriges tun ihre Kontakte zum Vater, die nicht immer ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen. All diese Erweiterungen der Erzählung nehmen einen ebenso großen Raum ein wie die eigentliche Krimihandlung, die konzentriert und reduziert auf das Wesentliche erzählt wird. Lediglich kleine Rahmenhandlungen wie Annas nicht nur kollegiale Beziehung zu ihrem Partner bei den Ermittlungen, Wojtek Szelig und ihr distanziertes bis angespanntes Verhältnis zu Pathologin Luiza lockern den Plot auf.

An dieser Stelle sei ausdrücklich die Übersetzerin lobend erwähnt. Barbara Samborska ist es gelungen, über weite Strecken das Werk von Izabela Szolc kongenial zu übertragen. Lediglich da, wo es für polnische Redensarten oder Redewendungen keine Entsprechung im Deutschen gab, ist offenbar die Übersetzung zu wörtlich geraten, so dass man über einen etwas holprigen Ausdruck oder Satz stolpert oder auch über eine unpassende Vokabel. Das alles schmälert aber nicht den insgesamt großen Lesespaß. Deshalb gibt es von mir viereinhalb Sterne.

 

Rezension von Kurt Schäfer.

 

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Ein stiller Mörder | Erschienen im März 2012 im Prospero Verlag
ISBN 978-3-941688-21-6
209 Seiten | 12,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Osteuropa.

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3 Gedanken zu “Izabela Szolc | Ein stiller Mörder

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