Jim Thompson | Der Mörder in mir

Es war fast drei Uhr früh, als Sheriff Maples und Howard Hendricks, der Staatsanwalt, mit mir fertig waren, und man kann sich vorstellen, daß mir nicht gerade nach Singen und Tanzen zumute war. Ich hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend, und stinksauer war ich außerdem. Es hätte alles ganz anders kommen sollen, das war einfach ungerecht.
Ich hatte alles in meiner Macht Stehende getan, um zwei unerwünschte Mitbürger auf glatte, saubere Weise zu beseitigen. Und nun war Joyce noch am Leben, während Elmer schon im Fegefeuer schmorte. (Auszug Seite 56)

In der Kleinstadt Central City in Texas verrichtet der junge Deputy Lou Ford seinen Dienst. Ein durchaus umgänglicher Typ, vom Sheriff geschätzt, liiert mit der Lehrerin Amy. Doch in ihm sieht es ganz anders aus. Eine Liaison mit der Prostituierten Joyce und der Hass auf den reichen Unternehmer Chester Conway, den er für den Tod seines Bruders Mike verantwortlich macht, lassen seine angestaute Wut ausbrechen.

Jim Thompson gilt heute als einer der wichtigsten Autoren des amerikanischen Noir. Dabei war sein Erfolg zu Lebzeiten eher überschaubar und nur kurzzeitig. Ein lesenswertes Porträt des Autors hat vor kurzem Alex alias Der Schneemann hier veröffentlicht. Der Mörder in mir wurde erstmals im Jahr 1952 veröffentlicht und gilt als sein Opus magnum.

Als Ich-Erzähler hat Thompson einen echten Wahnsinnigen ausgewählt. Lou Ford tritt nach außen als zuverlässiger, sympathischer Mann auf. Er ist manierlich und höflich, sagt „Ja, Ma’am und Nein, Ma’am zu allem, was einen Rock trägt“ (vielleicht hält der Manners Killer in Kaliber deshalb so große Stücke auf ihn …). Ford wirkt auf seine Mitmenschen bauernschlau, teilweise sogar dümmlich und absolut harmlos. Doch weit gefehlt, denn Ford ist keineswegs dumm, sondern gerissen, gewalttätig und skrupellos. Ein Trauma verfolgt ihn seit seiner Kindheit und macht ihn zu einem unberechenbaren Psychopathen, dessen Störung jederzeit ausbrechen kann. Er diagnostiziert mit Hilfe der medizinischen Literatur seines verstorbenen Vaters bei sich selbst eine paranoide Schizophrenie. In einem lakonischen, beiläufigen Ton erzählt Ford die Geschichte und lässt den Leser auch vorab an seinen Plänen teilhaben.

Neben dieser Perspektive finde ich an diesem Romans aber außerdem die übrigen Figuren interessant, die allesamt mehr oder weniger Nebenrollen spielen. Ford mag zwar der einzige Wahnsinnige der Geschichte sein, aber auch andere Gestalten haben hier mächtig Dreck am Stecken. Für einige rechtschaffene, harmlose oder mehr oder weniger unbeteiligte Personen hingegen nimmt die Geschichte kein gutes Ende. Willkommen im Noir!

Ganz anders als Ken Bruen, der Kaliber sarkastisch und zynisch konzipiert, geht Thompson hier trocken und direkt vor. Er nimmt den Leser mit in die verstörenden Gedankengänge eines Psychopathen und offenbart auch daneben eine Welt der Korruption und Gewalt. Wirklich lesenswert und zurecht ein Klassiker des Genres.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Der Mörder in mir_b

Der Mörder in mir | aktuelle Taschenbuchausgabe erschienen im April 2009 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-22508-2
240 Seiten | 9,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe leider nicht online verfügbar

Anmerkung: Der Mörder in mir war zweimal Romanvorlage zu Verfilmungen
Trailer The Killer Inside Me von 2010 | Regie Michael Winterbottom

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