Philip Kerr | Der Wintertransfer

Zweifellos hätte die Polizei liebend gerne einen Blick auf den Speicher von Zarcos Handy geworfen. Natürlich war mir bewusst, dass ich eine Straftat beging, wenn ich es nicht herausgab – Beweise zurückzuhalten in einem Mordfall wird mit Gefängnis geahndet, und ich wusste ja, wie das war. Ich hatte keinerlei Sehnsucht nach Wandsworth, aber Zarcos Ruf und der von London City waren mir wichtiger. Zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich die tiefe Wahrheit hinter Bill Shanklys Spruch, als er noch Trainer bei Liverpool gewesen war. „Manche Leute glauben, beim Fußball geht es um Leben und Tod… ich kann Ihnen versichern, es ist viel ernster als das.“
Und ob. (Auszug Seite 238)

Bei Fußball-Erstligisten London City ist man nicht sonderlich besorgt, als plötzlich mitten auf dem Rasen im Stadion ein ausgehobenes Grab auftaucht, darin ein Bild des Cheftrainers João Zarco. Ein Werk von Spinnern, Hooligans. Doch am Spieltag taucht Zarco auf einmal nicht in der Spielerkabine auf und wird nach dem Spiel in einem unzugänglichen Winkel des Stadions tot aufgefunden. Die Polizei ermittelt wegen Mordes, aber Klubeigner Sokolnikow hat eigene Pläne: Um möglichen Schaden vom Klub abzuwenden, wird Co-Trainer Scott Manson nicht nur Cheftrainer, sondern soll auch für Sokolnikow den Mörder Zarcos ermitteln.

Im Vorfeld zu der Lektüre habe ich mich mit dem Autor beschäftigt und mit ein wenig Erstaunen festgestellt, dass Philip Kerr zu den von mir meistgelesenen Autoren zählt. Er deckt aber auch ein sehr breites Spektrum und sehr verschiedene Settings ab. Dazu zählen der philosophische Krimi Das Wittgensteinprogramm, der Hightech-Thriller Game Over, Kerrs Version des Kennedy-Attentats Der Tag X oder die empfehlenswerte Reihe um den Berliner Privatdetektiv Bernhard Gunther, die vor, während und nach dem 2.Weltkrieg spielt. Daneben veröffentlichte Kerr auch eine Jugend-Fantasy-Romanreihe. Nun hat er also den Profifußball als Schauplatz für sich entdeckt. Der Wintertransfer ist der erste Band, in Großbritannien erscheint demnächst schon Band 3. Für mich als Fußballfan natürlich ein gefundenes Fressen und soviel sei gesagt, was das Fußballerische betrifft, kann Arsenal-Anhänger Kerr durchaus überzeugen.

Protagonist und Ich-Erzähler des Romans ist Scott Manson, vierzig, Ex-Profi und inzwischen Co-Trainer bei London City, eines neureichen und erst seit wenigen Jahren aus der Schuldenmasse einiger Londoner Klubs hervorgegangenen Premier League-Klubs. Manson ist ein beliebter, intelligenter und ehrgeiziger Mann, der bei London City sowas wie der „Mann für alles“ ist. Cheftrainer João Zarco ist der uneingeschränkte Star, schillernd und streitbar, aber eine Trainerkoryphäe. Der Eigner Viktor Sokolnikow ist ein ukrainischer Milliardär, der unfassbar viel Geld in den Klub pumpt, aber ob das Geld so sauber verdient wurde, ist zweifelhaft.

Als Zarco ermordet wird, sorgt sich Sokolnikow um seinen und den Ruf des Klubs. Scott Manson erscheint ihm da als der geeignete Mann, sowohl die Mannschaft zu betreuen als auch Zarcos Mörder zu finden. Manson nimmt diese Aufgabe an, weil er vor Jahren zu Unrecht im Gefängnis saß und gegenüber der Polizei tiefes Misstrauen hegt. Die Konstellation, dass ein Trainer eines Premier League-Klubs im Stress einer englischen Woche noch Zeit hat, einen Mord aufzuklären, ist selbstverständlich arg weit hergeholt, aber immerhin spielen sich die meisten Szenen rund um das Stadion „Crown of Thorns“ am Silvertown Dock ab.

Das Buch ist eine wahre Fundgrube von ironischen Spitzen über die Auswüchse des Profifußballs. Fifa-Skandal, WM-Vergabe nach Katar, horrende Ablösesummen und Gehälter, Dopingkontrollen, Transfermauscheleien, superreiche Klubeigner, all das nimmt Kerr aufs Korn. Man kann den Krimi auch als Schlüsselroman lesen. João Zarco ist beispielsweise unschwer als José Mourinho zu identifizieren, Viktor Sokolnikow als Roman Abramovic. Daneben bietet das Buch aber auch nostalgischen Reminiszenzen an den Fußballsport. Wie in den Dialogen häufig an große Momente des Sports erinnert wird, fand ich zunächst ziemlich aufgesetzt – bis ich neulich feststellte, dass ich mich mit meinen Fußballkumpels ähnlich unterhalte …

Nun komme ich zum „Aber“ des Buches: Die eigentliche Krimihandlung ist schon sehr bieder und zäh und erinnert in seiner Machart und vor allem mit der Konfrontation des Täters am Schluss eher an einen mauen Cozy-Krimi. Dies passt irgendwie so gar nicht zu der in weiten Teilen zelebrierten spöttischen Begegnung mit dem Fußball-Business. Die Bezeichnung als „Thriller“ auf dem Cover des Romans kann sich eigentlich nicht auf das Genre beziehen, sondern höchstens auf das Ligapokal-Halbfinale gegen Ende des Romans, als London City einen 0:3-Halbzeitrückstand gegen West Ham schließlich noch zu seinen Gunsten dreht.

Alles in allem ein Krimi, der durch die Beschreibung der Fußball-Szenerie überzeugt, aber beim Krimiplot dafür nicht so richtig zündet. Der überaus treffende Kommentar von Marcus Müntefering bei dessen Besprechung des Buches auf Spiegel Online ist zu schön, um ihn nicht zu zitieren: „Am Ende langt es nur für einen knappen Arbeitssieg.“

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Der Wintertransfer
Der Wintertransfer | Erschienen am 22. August 2015 bei Tropen
ISBN 978-3-60850-138-4
425 Seiten | 14,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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