David Simon | Homicide

Das Morddezernat ist die Oberliga, die ganz große Arena, die wahre Show. So war es schon immer. Als Kain seinen Bruder Abel um die Ecke brachte, glauben Sie bloß nicht, dass der Alte da oben ein paar uniformierte Grünschnäbel zu den Ermittlungen schickte. Verdammt, nein, er holte einen Detective. Und so wird es auch immer bleiben, denn das Morddezernat jeder großstädtischen Polizei ist seit Menschengedenken das natürliche Habitat einer ganz seltenen Spezies: das des denkenden Cop. (Auszug Seite 39-40)

Baltimore war Ende der 1980er eine der amerikanischen Großstädte mit der höchsten Mordrate. Im Jahr 1988 wurden 234 Morde aufgenommen. Autor David Simon begleitete ein Jahr lang die Detectives der Mordkommission. Er zeigt in seinem Buch die Normalität der Gewalt hart und ungeschönt, verzichtet dabei auf Erklärungsansätze. Stattdessen zeichnet er ein umfassendes Bild der Polizeiarbeit, die er in allen Facetten beschreibt. Die Polizisten werden am Tatort, bei der mühsamen Suche nach Zeuge, bei Verhören und Vernehmungen, in der Rechtsmedizin bis hin zur Gerichtsverhandlung beobachtet.

David Simon war bereits mehrere Jahre Polizeireporter der „Baltimore Sun“, als er die Erlaubnis bekam, für das gesamte Jahr 1988, lange vor der Erfindung des „embedded journalist“, uneingeschränkten Zugang zu einer Schicht des Morddezernats des Baltimore Police Department zu erhalten. 12 Monate lang begleitete er die 15 Detectives und 3 Detective Sergeants der Schicht von Lieutenant Gary D’Addario. 1991 erscheint Homicide – A Year on the Killing Streets. Das Buch gewann 1992 den Edgar Award und wurde ein Jahr später auch fürs Fernsehen adaptiert. David Simon wurde dadurch ein erfolgreicher Drehbuchautor, u.a. später für die Serie The Wire.

David Simon erzählt die Erlebnisse in einem nüchtern-lakonischen, stellenweise auch zynischem Ton. Er erzählt von „Dunkern“, Fälle, die ohne Mühe gelöst werden, weil es ausnahmsweise Augenzeugen gibt oder der Mörder quasi neben der Leiche verhaftet wird. Dann gibt es aber genügend „Whodunits“, bei dem die Detectives harte Arbeit verrichten müssen. Bei Morden im Drogenmilieu und in den heruntergekommenen Stadtteilen sind schon Zeugenbefragungen ein äußerst hartes Brot. Schließlich gibt es noch die „Red Balls“, öffentlichkeitswirksame Morde, oft an Kindern, bei denen die gesamte Abteilung unter großem Druck steht und eine Aufklärung fest erwartet wird. Ein solcher „Red Ball“ bildet das Rückgrat des Buches. Der Sexualmord an der elfjährigen Latonya Wallace beschäftigt Detective Pellegrini über das ganze Jahr. Er hat sich relativ schnell an einem Verdächtigen festgebissen, aber nicht genügend Indizien beisammen, und so kommt er das ganze Jahr zu diesem Fall zurück.

Eine Katharsis machen im Vernehmungsraum nur die wenigsten Verdächtigen durch, in der Regel nur, wenn es um Beziehungsmord oder Kindesmissbrauch geht. Da kommt es vor, dass jemand, der noch kein abgestumpfter Verbrecher ist, unter der bleiernen Last echter Reue zusammenbricht. Doch der Großteil der Frauen und Männer, die ins Präsidium gebracht werden, hat kein Interesse an einer Absolution. Ralph Waldo Emerson bemerkte zu Recht, dass für den Schuldigen der Akt des Tötens „kein so niederschmetternder Gedanke ist wie für den Dichter und Romancier; er beunruhigt ihn nicht und schreckt ihn nicht so sehr, dass er ihn auch von seinen alltäglichen banalen Gedanken abhielte.“ Und obwohl West Baltimore Welten von dem Nest in Massachusetts des 19. Jahrhunderts entfernt ist, in dem Emerson viele Jahre seines Lebens verbrachte, hat seine Beobachtung ihre Gültigkeit nicht verloren. Mord beunruhigt die meisten Menschen nicht sonderlich. In Baltimore verdirbt er ihnen nicht einmal den Tag. (Seite 274-275)

Die Mordermittlung beschreibt der Autor als Königsdisziplin der Polizei, dementsprechend hat er vor den Detectives großen Respekt, möglicherweise auch hier und da zu großen. Dennoch schildert er die Polizeiarbeit mit einer faszinierenden Authentizität und zeigt wie viel Arbeit, Mühe, aber auch Glück zu einer erfolgreichen Ermittlung gehört. Dabei werden die zahlreichen Enttäuschungen, die zu der Arbeit eines Polizisten aber ebenso beschrieben. Simon gelingt außerdem eine intensive Innenansicht der Mordkommission. Der Zusammenhalt, die moralische Integrität, aber auch die Sticheleien, Rivalitäten sowie ein derber Humor und ein unterschwelliger Rassismus. Das Privatleben der Ermittler bleibt jedoch außen vor, Simon bleibt höchstens bis zum Feierabendbier.

Eine faszinierende Langzeitreportage über die Arbeit einer Mordkommission und eine scharfe Beobachtung der alltäglichen Gewalt auf Amerikas Straßen. Umfangreich, detailliert, aber niemals langweilig. Unbedingt lesen!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Homicide

Homicide | Erschienen am 29. November 2011 Im Verlag Antje Kunstmann (die gelesene Ausgabe erschien 2012 als Lizenzausgabe bei Büchergilde Gutenberg)
ISBN 978-3-88897-723-7
832 Seiten | 24,90 Euro
Bibliographische Angaben & Link zur Leseprobe (Ausgabe Kunstmann Verlag)
Leseprobe Lizenzausgabe

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