Antonio Ortuño | Die Verbrannten

Der Junge ist zu müde, um weiterzuschreien. Er klammert sich an Luna, drückt das Gesicht an sein Ohr, er hat Angst, dass jemand lauscht.
„Ich habe gehört, was dieser Hurensohn gesagt hat. Er hat gesagt, dass der Mann, sein Chef, ihm das befohlen hat. Ich hab’s gehört.“
Luna schaut ihn an. Der Junge wiederholt seine Geschichte. Schweigt, beginnt wieder von Neuem. […] Luna schlägt ihm mit dem Handrücken fest auf den Mund.
„Halt die Klappe, du Idiot. Du hast verdammtes Glück gehabt. Denn du hast das gerade dem einzigen Menschen in Santa Rita gesagt, der dich nicht töten wird. Aber du darfst es nie mehr wiederholen.“
Der Junge, die Augen weit aufgerissen, schwankend, an seinen Arm geklammert, nickt.
Am Morgen sagt er aus, dass er nichts von dem gesehen oder gehört hat, was er gesehen und gehört hat. (Auszug Seite 146)

In Santa Rita, einer kleinen Stadt im Süden Mexikos, wird ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. Es sterben vierzig Flüchtlinge. Irma alias Negra, arbeitet beim lokalen Büro der Nationalkommission für Migration. Sie nimmt sich der Überlebenden und der Angehörigen an. Sie soll vor allem beschwichtigen und Entschädigungen anbieten. Eine detaillierte Untersuchung des Ereignisses ist nicht wirklich vorgesehen. Niemand will in einem Klima der Angst als Zeuge auftreten. Doch die junge Überlebende Yein vertraut sich Irma an. Während Irma die Wahrheit ans Licht bringen will, sucht Yein nur eins: Vergeltung.

Autor Antonio Ortuño zählt in Mexiko zu den vielversprechendsten jungen Autoren. Mit Die Verbrannten ist nun erstmals auch ein Roman von ihm auf Deutsch erschienen. Sein Heimatland Mexiko gilt international vielen schon als failed state, in dem Kartelle, Banden und Banditen weite Landstriche kontrollieren. Viele Kriminalautoren (prominentestes Beispiel ist sicherlich Don Winslow) nehmen sich der Thematik des Drogenkriegs und des illegalen Grenzübertritts in die Vereinigten Staaten an. Ortuño widmet sich dem weniger beachteten Teilaspekt der amerikanischen Flüchtlingsproblematik: Jedes Jahr versuchen hunderttausende Zentralamerikaner auf Transitrouten durch Mexiko die USA zu erreichen. Der Trip durch Mexiko gilt als gefährlichste Flüchtlingsroute der Welt. Neben den skrupellosen Schleppern sind die Flüchtlinge auch weiteren kriminellen Banden, korrupten Behörden und dem alltäglichen Rassismus der Einheimischen ausgesetzt. Jedes Jahr kommen Tausende ums Leben, Täter werden in der Regel nicht ermittelt.

Ortuño schildert in seinem Buch ein fiktives Massaker in einer südmexikanischen Stadt durchgeführt von einer der kriminellen Gangs, die die Gegend kontrollieren. Von Beginn an ist klar, dass die lokalen Behörden nicht nur wegschauen, sondern mit den Kriminellen zusammenarbeiten. Ich-Erzählerin des Romans ist Irma, genannt Negra, Mitarbeiterin der nationalen Migrationsbehörde. Sie wurde nach Santa Rita abkommandiert, um das dortige Büro nach dem Brandanschlag zu unterstützen. Negra ist noch nicht mal eine besonders engagierte Helferin, sondern einfach eine Frau mit intakter Moral und Gewissen und noch nicht korrumpiert. Das Schicksal der jungen Yein berührt sie und so nimmt sie sich ihrer an. Gleichzeitig beginnt sie ein Verhältnis mit dem undurchsichtigen Pressechef des Migrationsbüros. Sie übermittelt dem Journalisten Luna Informationen, damit dieser die Hintergründe des Anschlags recherchiert. Doch es ist nur allzu offensichtlich, dass niemand in Santa Rita an einer Aufklärung interessiert ist, im Gegenteil. Ein Toter mehr oder weniger fällt nicht mehr ins Gewicht. Dies unterstreicht der Autor auch durch explizite Gewaltschilderungen.

Negra ist alleinerziehende Mutter, ihre Tochter Irma hat sie mit nach Santa Rita genommen. Mit dem Vater der Kleinen ist sie im ständigen Streit. Diesen lässt der Autor in eigenen Kapiteln zu Wort kommen (mit verschiedenen Varianten des Begriffes „Kleingeist“ überschrieben). Irmas Vater ist ein übler Typ, mit ständigen Schimpftiraden über die Mutter seiner Tochter, die dreckigen Migranten, die Gringos in den USA. Er lebt in der Nähe einer Bahnstrecke, so dass ständig Flüchtlinge zum Betteln vor seinem Haus stehen. Eines Tages nimmt er eine Frau mit ins Haus und missbraucht sie – nicht nur als Haushaltshilfe.

Überhaupt hat Ortuño den Roman sehr vielstimmig konzipiert. Neben Negra und dem Mann ihrer Tochter werden auch noch Yein oder der Gangchef Morro durch kurze Kapitel begleitet. Außerdem wird die Handlung immer wieder durch zynische Pressemitteilungen unterbrochen, in denen die Nationalkommission für Migration ihr Bedauern über verschiedene Bluttaten ausdrückt und absolute Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden verspricht. Das übliche Blabla eben.

Dieses Buch ist ein wütendes Manifest gegen die Gewalt und den Rassismus gegen zentralamerikanische Flüchtlinge in Mexiko und gegen die Korruption und Gleichgültigkeit der staatlichen Behörden. Und auch wenn hier Mexiko der Schauplatz ist, sollten wir Europäer tunlichst hieraus unsere eigenen Schlüsse ziehen. Ein wirklich erschütternder Roman und definitiv lesenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Die Verbrannten
Die Verbrannten| Erschienen am 9. September 2015 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-95614-055-6
208 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: 
Dirk Reinhardt „Train Kids“, Gerstenberg Verlag

Artikel der Heinrich-Böll-Stiftung 2011

Dossier Ärzte ohne Grenzen 

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3 Gedanken zu “Antonio Ortuño | Die Verbrannten

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