Adrian McKinty | Gun Street Girl

„Ich bin nur neugierig. Rein persönlich. Wie tickt Sean Duffy? Was macht ein netter katholischer Junge bei der protestantischen RUC?“
„Das frage ich mich auch.“
„Und wie lautet die Antwort?“
[…] Eine unbequeme Frage. Eine metaphysische Frage. Dieser Art von Fragen war ich nun schon eine ganze Weile ausgewichen.
„Na ja, anfangs dachte ich, ich könne etwas bewirken… vor zehn Jahren. Ich dachte, ich könnte vielleicht dabei helfen, diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen.“
„Und jetzt?“
„Jetzt merke ich, dass ein Einzelner nur sehr wenig ausrichten kann.“ (Auszug Seite 111)

Nordirland 1985: Immer noch ganz miese Popsongs im Radio, immer noch Unruhen auf den Straßen. Das geplante anglo-irische Abkommen sorgt für neuen Zündstoff im Nordirlandkonflikt. Ein Doppelmord an einem reichen Ehepaar im kleinen Ort Whitehead bringt harte Arbeit für Carrickfergus RUC. Als kurz darauf der Sohn der beiden von einer Klippe stürzt und ein Abschiedsbrief gefunden wird, scheint die Sache klar. Doch bei Inspector Sean Duffy bleiben Zweifel. Als kurz darauf auch die Freundin des Sohnes sich vermeintlich selbst tötet, ist das ein Selbstmord zu viel. Duffy forscht nach und gerät wie immer zwischen die Fronten.

Adrian McKinty lebt inzwischen in Australien, doch aufgewachsen ist er in Carrickfergus in der Coronation Road 113. Kein Wunder, dass er ein sehr authentisches Setting der 1980er Jahre mitten in den nordirischen troubles kreiert. Gun Street Girl ist inzwischen der vierte Band der Reihe um den nordirischen Polizisten Sean Duffy. McKinty hatte ursprünglich die Reihe nur als Trilogie geplant, doch es ist nur allzu verständlich, dass er von dieser Idee abgerückt ist, denn so eine grandiose Hauptfigur wie Sean Duffy kreiert man als Autor nicht so häufig. Inzwischen schreibt McKinty am fünften Band.

Ich brühte mir eine Tasse Tee und aß ein Stück von der Torte. Dann fiel mir der Stoff ein, ich ging hinaus und zog eine Line, die so rein war, als würde Gott persönlich nach mir rufen. Eine ordentliche Tasse Tee, Mrs. Campbells Schwarzwälder, Bayer-Kokain – Mittagessen für Helden. (Seite 49)

Muss ich noch große Worte über diesen Sean Duffy verlieren? Ein katholischer Polizist in der nordirischen protestantischen Polizei. Liebt Frauen, schnelle Autos, Wodka Gimlets. Ach, machen wir es kurz: Er ist vermutlich die coolste Sau der britischen Inseln. Und auch diesmal schlägt er ganz schön über die Stränge („Der Garten war schneegepudert. Mein linkes Nasenloch ebenfalls.“, Seite 280), aber als Polizist bleibt er unbeugsam und unkorrumpierbar. Und die sich andeutende melancholische Seite an Duffy, kommt in diesem Roman immer deutlicher zum Vorschein. Duffy hadert zunehmend mit sich, ist auf Sinnsuche, privat wie auch beruflich. Und in diesem Moment taucht auch wieder die MI5-Offizierin Kate (die der treue Leser aus Die verlorenen Schwestern kennt) bei ihm auf und macht ihm ein unmoralisches Angebot.

„Im New Music Express stand mal ein Artikel darüber, dass die Beatles Archetypen sind. Verstehen Sie? Der Witzige, der Gebildete und so weiter, aber ich finde, erst mögen die Leute Paul, den Netten, Hübschen, doch wenn sie älter werden, wechseln sie zu John über – dem Denker, dem Querulanten; und wenn sie dann ins Alter kommen, landen sie bei George und der Suche nach Spiritualität.“
„Und wo bleibt Ringo?“ fragte Kate.
„Na, vielleicht, wenn die Demenz einsetzt?“, erwiderte Lawson ungehalten. (Seite 164)

McKinty bringt einige tatsächliche Ereignisse aus den 1980ern in die Geschichte ein und vermischt sie zu einer packenden und politischen Geschichte mit bissigen Dialogen und viel zynischem, schwarzen Humor. Und dank der Iran-Contra-Affäre und verschwundenen Flugabwehrraketen darf sich Duffy auch wieder (wie schon in Die Sirenen von Belfast) mit den Amerikanern anlegen. Freunde der Reihe dürfen sich freuen: Es bleibt hochklassig! Und wer Sean Duffy noch nicht kennt:  Band 1 heißt Der katholische Bulle .

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Gun Street Girl

Gun Street Girl | Erschienen am 24. Oktober 2015 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46655-1
374 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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5 Gedanken zu “Adrian McKinty | Gun Street Girl

  1. Hmm.. ich kenne bisher nur „Der katholische Bulle“ und „Die Sirenen von Belfast“, aber da hat er sich noch kein Koks reingezogen – oder erinnere ich mich falsch? Ich bin jetzt ein wenig erschrocken….

    1. Aber Christina, das waren halt die 80er…;-) Würde es dich noch mehr schockieren, wenn ich dir sage, dass er das Koks bei einer Festnahme abgezweigt hat?

    2. Ne, das jetzt nicht. Wo soll er es denn sonst her haben? Das ist doch der einfachste Weg. Na, vielleicht fehlt mir einfach noch der dritte Teil um da die Verbindung herzustellen.

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