Sir Arthur Conan Doyle | Die Abenteuer des Sherlock Holmes

„Und der Mörder?“
„Ist groß, Linkshänder, hinkt rechts, trägt Jagdstiefel mit dicken Sohlen und einen grauen Mantel, raucht indische Zigaretten, benutzt eine Zigarrenspitze und hat ein stumpfes Federmesser in der Tasche. Es gibt noch mehrere andere Hinweise, aber diese hier sollten ausreichen, um uns bei der Suche zu helfen.“
Lestrade lachte. „Ich fürchte, ich bin noch immer skeptisch“, lachte er. „Theorien sind ja sehr schön, aber wir haben es mit einer dickköpfigen britischen Jury zu tun.“
„Nous verrons“, erwiderte Holmes ruhig. „Sie arbeiten nach Ihrer eigenen Methode und ich nach meiner. Heute nachmittag bin ich beschäftigt, und wahrscheinlich kehre ich mit dem Abendzug nach London zurück.“
„Und Sie wollen den Fall unbeendigt lassen?“
„Nein, beendigt.“
„Aber das Rätsel?“
„Ist gelöst.“
„Wer war denn der Verbrecher?“
„Der Gentleman, den ich beschrieben habe.“
„Aber wer ist das?“
„Das kann doch sicher nicht schwierig herauszufinden sein. Die Nachbarschaft ist nicht eben überbevölkert.“ (Auszug Seite 112)

Arthur Conan Doyle war praktizierender Arzt, ehe er 1887 zum ersten Mal eine Geschichte um den Londoner Detektiv Sherlock Holmes veröffentlichte. Nach zwei Romanen (Eine Studie in Scharlachrot und Das Zeichen der Vier) wurden von Juli 1891 bis Juni 1892 zwölf Kurzgeschichten im Strand Magazine, einer der führenden Literaturzeitschriften Großbritanniens, veröffentlicht. Im Oktober 1892 wurden diese Geschichten dann in einem illustrierten Sammelband unter dem Titel Die Abenteuer des Sherlock Holmes herausgebracht.

Sherlock Holmes ist sicherlich eine der bekanntesten, wenn nicht die bekannteste Figur des Kriminalliteratur. Der Privatdetektiv ist außergewöhnlich intelligent, besitzt ein beinahe enzyklopädisches Wissen (allerdings nicht in allen Fachgebieten) und besitzt die herausragende Gabe der Deduktion („Es ist eine Maxime von mir, daß das, was übrig bleibt, wenn man das Unmögliche ausgeschieden hat, die Wahrheit sein muß, so unwahrscheinlich es auch scheinen mag.“, Seite 320). Trotz seiner analytischen Fähigkeiten, seiner sachlichen Arbeitsweise und seiner eigenbrötlerischen, manchmal einzelgängerischen Art besitzt er jedoch auch ein enormes Einfühlungsvermögen, ein gesundes Maß an Emotionalität und ein hohes Empfinden von Moral, Ehre, Schuld und Wiedergutmachung.

Als Ich-Erzähler tritt der loyale und treue Freund Dr. John Watson auf. Er ist als Arzt durchaus gebildet und demnach Holmes intellektuell eigentlich kaum unterlegen, dennoch muss er zumeist vor Holmes‘ Schlussfolgerungen kapitulieren („Ich nehme an, daß ich nicht beschränkter bin als meine Mitmenschen, aber bei meinem Umgang mit Sherlock Holmes deprimierte mich doch immer das Gefühl meiner eigenen Dummheit.“, Seite 56). Watson ist eher pragmatisch veranlagt, vertraut seinem exzentrischen Freund jedoch blind und begleitet ihn auch in gefährlichen Situationen.

Während einigermaßen bekannt ist, dass Arthur Conan Doyle einige eigene Eigenschaften und Charakterzüge in der Figur des Watson untergebracht hat, ist vielleicht weniger geläufig, dass auch die Figur des Sherlock Holmes jemandem nachempfunden ist: Dem Mediziner Joseph Bell. Dieser war Professor an der medizinischen Fakultät Edinburgh und Doyles Dozent und Mentor. Joseph Bell gilt als einer der Pioniere der Forensik. Er konnte durch genaue äußerliche Beobachtungen von Patienten präzise Herleitungen und Diagnosen treffen. Doyle schrieb ihm 1892: „Sherlock Holmes habe ich ganz eindeutig Ihnen zu verdanken“ und widmete ihm dieses Buch.

Viele Erzählungen des Buches basieren zu großen Teilen auf Nacherzählungen, die Watson als Chronist aufgezeichnet hat, zum einen durch Holmes‘ Klienten, zum anderen von Holmes selbst, wenn Watson nicht mit von der Partie war. Dadurch spielt sich zwar viel in der Baker Street 221B ab, dennoch gibt es aber auch zahlreiche Schauplätze in der britischen Hauptstadt und so manche Landpartie. Besonders auffallend sind die penible Beschreibungen der Figuren, Gegenstände, Räume und Gebäude. Dies nutzt Doyle, um die außergewöhnlichen Herleitungen und Schlussfolgerungen von Holmes zur Geltung zu bringen. Die zwölf Kurzgeschichten umfassen ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Verbrechen und Rätseln. Wie Holmes am Ende des Buches tadelnd in Richtung Watson feststellt, sind auch Geschichten dabei, „die sich außerhalb der Reichweite des Gesetzes abgespielt haben. Aber ich fürchte, beim Versuch, das Sensationelle zu meiden, sind Sie in die Trivialität geraten.“ (Seite 324)

Die Geschichten sind im Einzelnen auch weltberühmt, beispielsweise Ein Skandal in Böhmen, eine Erpressungsgeschichte und Holmes‘ schicksalhafte Begegnung mit Irene Adler oder Der blaue Karfunkel, ein Juwelenraub, der im Kropf einer Mastgans endet. In Das gesprenkelte Band geht es um einen perfiden Mord mit Hilfe einer giftigen Schlange und Holmes muss sein ganzes Können aufbieten, um einen weiteren zu verhindern. Schließlich bittet in Die Blutbuchen ein Kindermädchen Holmes um Hilfe, da sich ihre Dienstherren äußerst merkwürdig verhalten. In dieser Erzählung spielt auch ein großer aggressiver Hund eine Rolle, diesen Aspekt wird Doyle auch später nochmals literarisch verarbeiten (mehr dazu morgen von Christina). Insgesamt achtet der Autor jedoch darauf, dass die Fälle bei allen überraschenden Deduktionen von Holmes nicht unrealistisch geschildert werden.

Als kleiner Junge habe ich das Lesen zuerst mit Comics angefangen, später dann mit Abenteuerbüchern weitergemacht. Das Genre der Kriminalliteratur habe ich dann mit ihm begonnen: Sherlock Holmes. Eine wirklich faszinierende Figur. Seine detektivische Brillanz, sein Spürsinn, die ungewöhnlichen und vielseitigen Fälle (okay, zugegeben, manche sind auch eher mittelprächtig – Schwamm drüber), all das hat mich vor mehr als 25 Jahren begeistert – und tut es noch heute. Natürlich liest man das Buch etwas anders als damals und dennoch stimmen die Zutaten noch immer. Ein wahrer Klassiker!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Die Abenteuer des Sherlock Holmes | Erstmals erschienen 1892, die gelesene Ausgabe erschien 2013 im Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3–0369-5902-3
368 Seiten | 9,90 Euro
Bibliographische Angaben

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Klassiker.

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3 Gedanken zu “Sir Arthur Conan Doyle | Die Abenteuer des Sherlock Holmes

  1. Fabelhafte Rezension, Gunnar! Mit Sir Arthur Conan Doyles Werken fing bei mir der Wahnsinn erst richtig an. Werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal „Eine Studie in Scharlachrot“ gelesen und danach sogleich alle restlichen Holmes-Werke aus der Stadtbücherei ausgeliehen habe. Hinzu kam dann noch „Die vergessene Welt“. Dass ich Jahre später auch meine Lebensgefährtin im Internet genau über dieses Thema – sie las damals das obige Buch und ich „Der Fluch von Addleton“ – kennengelernt habe, erhöht für mich die Bedeutung dieses Schriftstellers noch zusätzlich.

    Schön, dass die erste Kurzgeschichtensammlung mit dem großen Detektiv hier so ausführlich und gebührend gewürdigt wird.

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