Friedrich Glauser | Wachtmeister Studer

Mord? Selbstmord? Oder doch Mord? Der Vertreter Witschi ist tot, und Wachtmeister Studer betritt die Bühne der Kriminalliteratur. Im kleinen Dorf Gerzenstein in der Schweiz wissen alle mehr, als sie zu sagen bereit sind. Und an die Schuld des Hauptverdächtigen kann Studer einfach nicht glauben.

Vertreter Wendelin Witschi wird erschossen und ausgeraubt im Wald aufgefunden und sofort gerät sein vorbestrafter Schwiegersohn in spe, Erwin Schlumpf, in Verdacht, die Bluttat begangen zu haben, denn er wird am Tag nach der Tat mit eben der Summe Bargeld gesehen, die dem Witschi geraubt sein soll.  Als dieser sich versucht in erster Gefangenschaft das Leben zu nehmen, was ihm nicht gelingt, setzt Wachtmeister Studer seine Ermittlungskräfte zu Gunsten Erwins ein, denn er ist von dessen Unschuld überzeugt. Dabei legt er sich mit dem zuständigen Untersuchungsrichter an, setzt sich gar über dessen Anordnungen hinweg, als er die Ermittlungen aufnimmt.

Wachtmeister Studer ist ein eher gemütlich wirkender, großer korpulenter Mann in fortgeschrittenem Alter. Aufgrund einer nicht näher geschilderten Bank-Affäre blieb ihm eine Karriere im Polizeiapparat verwehrt, sodass er – einst Kommissar – degradiert wurde und fortan als einfacher Wachtmeister seinen Dienst tut. Dem Leser ist der Wachtmeister sofort ein Sympath, ist er doch unaufgeregt, besonnen und ganz zurecht einer der besten Kommissare der Weltliteratur!

Studer, der das Dorf Gerzenstein als ein Dorf von Lautsprechern und Ladenschildern wahrnimmt, dem es schwer fällt, hinter die Fassaden der Häuser und Menschen zu blicken, hangelt sich mit stoischer Ruhe intuitiv von Kleinindiz zu Kleinindiz und macht sich somit seinen ganz eigenen Reim auf die Geschehnisse um ihn herum und kommt damit dem Kern des Verbrechens schrittchenweise näher. Dabei befleißigt er sich durchaus auch so manchen nicht korrekten Schrittes. Doch es sei ihm verziehen, denn er handelt eindeutig im Sinn der Gerechtigkeit. Ihm ist daran gelegen, den Sumpf, den die Dorfgemeinschaft pflegt, auszuheben und klar Schiff zu machen.

„Es ist merkwürdig mit uns Menschen, wir tun manchmal gerade das, was wir vermeiden möchten, das, wovor unser Verstand uns warnt. Ein Bekannter von mir, der nun tot ist, sprach immer vom Unterbewusstsein. Als ob das Unterbewusste einen eigenen Willen hätte.“

Glauser zeigt sich als exzellenter Beobachter; ich möchte sagen, ähnlich wie Georges Simenon, der Glausers großes literarisches Vorbild war. Zitat Glauser: „Im Grunde genommen war es sein Kommissar Maigret, der mich auf die Idee zu meinem Studer brachte. Ich glaube zwar nicht, dass ich ein Plagiat begangen habe – der Ton, der Rhythmus, die Färbungen von Simenon sind anders als bei mir. Aber immerhin…“ Friedrich Glauser gilt als «Vater der deutschsprachigen Kriminalliteratur». Wachtmeister Studer ist seine populärste Figur.

Das Wesen der Menschen nimmt er auf und vermag so, klare und facettenreiche Charaktere zu zeichnen, wobei er sich nicht jeder Figur mit der selben Intensität widmet. Er konzentriert sich auf die wesentlichen Akteure und schafft nicht zuletzt dadurch eine Kriminalromanreihe, die ziemlich einzigartig ist. Außerdem liegt das Hauptaugenmerk des Autors nicht auf der reinen Täterermittlung sondern entscheidend auch auf der atmosphärischen Beschreibung der Vorgänge, der Mitivsuche, und natürlich den örtlichen Gegebenheiten, was wiederum deutlich macht, welch guter Beobachter Glauser war.

Friedrich Glauser und sein Wachtmeister Studer war für mich eindeutig DER Krimi des Jahres. Es gibt vier weitere Krimis um den eigensinnigen Ermittler (Matto regiert, Die Fieberkurve, Der Chinese und Krock & Co.). Im Rahmen unseres Klassiker-Spezials werde ich den zweiten Teil Matto regiert als Hörbuch vorstellen. Alle fünf Bände sind in Buchform im Diogenes Verlag erschienen, zuletzt Ende November 2013 als Sammelband im Schuber. Die Hörbücher sind unter anderem im Zeitraum 2006 bis 2010 im Christoph Merian Verlag Basel erschienen.

Stellung in der Kriminalliteratur: Glauser gelang das Kunststück, von 1935 bis zu seinem Tod 1938, in nur fünf Romanen eine Figur zu schaffen, welche durch ihre Charakterisierung in den Köpfen der Leser haften blieb. Wachtmeister Studer etablierte sich über die Jahre im Literaturgenre des Krimis wie Doyles «Sherlock Holmes», Agatha Christies «Miss Marple» und «Hercule Poirot» oder Georges Simenons «Jules Maigret». (Quelle: de.wikipedia.org)

 

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Wachtmeister Studer | Die gelesene Ausgabe erschien 2013 im Sammelband des Diogenes Verlags
ISBN 978-3-2570-6881-8
1232 Seiten | 28,90 Euro
Wachtmeister Studer umfasst zirka 256 Seiten und ist als Einzelband aus dem Diogenes Verlag für 8,90 Euro erhältlich
Eine weitere Ausgabe umfasst alle sechs Kriminalromane Glausers als Einzelbände in einer Kassette für 39,90 Euro, gleichfalls Diogenes Verlag
Bibliographische Angaben

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Klassiker.

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2 Gedanken zu “Friedrich Glauser | Wachtmeister Studer

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