Friedrich Glauser | Matto regiert

Unfall oder Mord? Wachtmeister Studer (alias Heinz Bühlmann) wird zur Heil- und Pflegeanstalt ins bernische Randlingen gerufen. Der Direktor ist spurlos verschwunden und Patient Pieterlen – ein Kindsmörder – ausgebrochen. Studer macht sich in seiner gewohnt ruhigen, leicht depressiven Art daran, Licht ins Dunkel dieses verzwickten Vorfalls zu bringen. Bei seinen Ermittlungen in der ‹Irrenanstalt› verwischen die Grenzen von Rationalität und Wahnsinn und ein gewisser ‹Matto› scheint bei allem seine Finger im Spiel zu haben…

Wachtmeister Studer von der Berner Kantonspolizei wird nach Randlingen in die örtliche Heil- und Pflegeanstalt gerufen, denn der Direktor der „Irrenanstalt“ ist verschwunden, gleichsam wie ein Patient. Im Auftrag des Anstaltspsychiaters Dr. Laduner soll Studer ermitteln. Was zunächst nach einem einfachen Fall aussieht, entpuppt sich im Verlauf der Handlung zu einem Weg auf den Grund der Menschheit, ein Weg hin zur Frage nach der Sinnhaftigkeit der menschlichen Bemühungen.

„Auf dem Grunde aller Menschen hockt die Einsamkeit.“

Studer hat vornehmlich mit Dr. Laduner zu tun, der nun vorerst Chef der Anstalt ist. Zu Studers großem Missfallen trägt er eine Art Maske, er lässt ihn einfach nicht an sich heran, was den Wachtmeister innerlich kochen lässt,  ist es doch seine Art zu ermitteln: ruhig und besonnen, fragend und kombinierend. Herunterreißen mag er sie! So kommt es, dass er von Schicksalen anderer Anstaltsmitarbeiter und -patienten berichtet bekommt, wie etwa vom verschwundenen Kindsmörder Pieterlen, der bereits seit 9 Jahren in Gewahrsam ist, und das, obwohl er sein Neugeborenes gemeinsam mit seiner Frau beziehungsweise mit ihrer Einverständnis erstickte, weil seine wirtschaftliche Situation all zu prikär gewesen ist. Studer grübelt: Ein Alkohol kranker Mensch, welcher sein Kind misshandelt und nach viel Qual und Schmerz tötet, würde lediglich wegen Unfall mit Todesfolge belangt werden. Was ihn dazu bringt, sich so manche existentielle Frage zu stellen.

Auch der Anstaltsdirektor Borsteli hatte seine Schattenseiten, die er vielleicht gerade in einer Heil- und Pflegeanstalt gut verbergen konnte. Selbst dem Alkohol sehr zugetan, mehr noch als den jungen Frauen, hatte er doch seine beiden Gattinnen bereits überlebt, war er derjenige, der für die Begutachtung von chronischen Alkoholikern als Fachkraft galt. Ironie des persönlichen Schicksals, könnte man meinen.

Jedenfalls steckt Studer seine Ermittlernase in so manches Schicksal und kommt auch dem des Pflegers Gilden, welcher hoch verschuldet ist und seitens des verschwundenen Direktors entlassen werden sollte, auf die Spur. Im Grunde ist er ein armes Schwein, wie so viele andere auch. Sein Pech ist in diesem Fall, dass der Direktor am Vortag seines Verschwindens 1.200 Franken Krankengeld von seiner Krankenkasse ausbezahlt kam. Diese sind natürlich verschwunden. Ebenso wie weitere 6.000 Franken, welche später gestohlen werden.

Der Zuhörer ist – so finde ich – zurecht verwirrt. Und auf den Auftritt Mattos braucht man nicht zu warten, denn er ist schon da, heißt es doch patientenseits

„Matto, das ist der Geist des Wahnsinns.“

In Studer rumort es, insbesondere die Frage: „Wo beginnt Mattos Reich?“

Überraschend wird er auch in diesem zweiten Fall mit der unsäglichen und nach wie vor unausgesprochenen Bank-Affäre konfrontiert, ist doch der Sohn des Oberst Kaplaun, der damals maßgeblich an Studers Degradierung beteiligt war, ebenfalls Patient der Anstalt. Und auch er verschwindet, nachdem der Direktor tot auf dem Anstaltsgelände aufgefunden wurde. Ein Tohuwabohu! Oberst Kaplaun offeriert Studer seine Hilfe, sein Wohlgesinntsein, würde er seine Ermittlungen gezielt auf das Auffinden seines Sohnes Herbert richten. Doch Studer, immer ganz er selbst, lehnt ab, woraufhin ihm Konsequenzen vorausgesagt werden, was ihn gänzlich unberührt lässt.

Nun sind also schon zwei Patienten abgängig und der Direktor der Anstalt ist tot. Als sich auch noch der verschuldete Pfleger Gilden aus dem Fenster stürzt, zieht es Studer zu dessen Haus, welches so hoch verschukdet ist, und trifft dort nicht nur auf den vermissten Herbert Kaplaun, der angeblich den ebenfalls anwesenden und bewaffneten Portier der Anstalt beim Diebstalhl der 6.000 Franken beobachtet haben will (Spieler!), sondern auch auf Pieterlen, der einst sein eigen Kind tötete, weil er keinen Ausweg sah. Mich hat es ehrlich gesagt nicht überrascht – erfreut?, dass Studer Herz zeigt, dass er nicht dem System folgt, nachdem Pieterlen mindesens so lange in der Anstalt verwahrt werden muss, wie er im Zuchthaus gesessen hätte. 9 Jahre immerhin schon jetzt! Daraufhin wird Studer kriminologisches Versagen vorgeworfen, geht man doch davon aus, dass er einfach nur unfähig ist.

Zum Showdown kommt es bei der Abführung des Herbert Kaplauns, welcher nach einer Attacke gegen Studers Kollegen einen Abhang hinunterstürzt und in einem Bach ertrinkt. Und auch der Portier Dreier stirbt – auf der Flucht von einem Lastkraftwagen überfahren. Wer bleibt nun noch? Dr. Laduner – und dieser bezichtigt den toten Dreier des Mordes am Direktor. Wie einfach!

Matto regiert ist Friedrich Glausers zweiter Wachtmeister Studer-Kriminalroman, welcher erstmals 1936 in der Schweiz veröffentlicht wurde. Mir kam er in Form des Hörspiels, welches 1988 für das Schweizer Radio DRS produzier wurde, viel zu komprimiert und dadurch unruhig vor. In weniger als einer Stunde wird diese doch sehr komplexe, vielschichtige und auch tiefgründige Geschichte erzählt. Ein Anlauf genügte mir nicht, fand ich es allzu verwirrend. Der übergeordnete Erzähler (Peter Ehrlich) ist ein eher gesetzter Typ, das passt ganz gut. Studer, gesprochen von Heinz Bühlmann, hingegen wirkt mir zu frisch! Daher würde ich mich wohl bei den Folgegeschichten eher für die Schriftfassung entscheiden, wobei ich in Die Fieberkurve auf jeden Fall auch nochmal reinhören mag. Und vielleicht werde ich Matto regiert noch lesen, um doch noch einen etwas anderen Eindruck zu gewinnen.

 

Extra: Außerdem findet sich auf der CD eine Perle aus dem Archiv von SR DRS: Glauser liest die Geschichte ‹Kif›; es ist die einzig erhaltene Originalaufnahme von Glauser überhaupt. Quelle: Christoph Merian Verlag

 

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Matto regiert | Das gehörte Hörspiel erschien im April 2006 im Christoph Merian Verlag Basel
ISBN 978-3-85616-275-7
1 Audio-CD | 6,90 Euro
Gesamtlaufzeit: 72 Minuten | Laufzeit Matto regiert: 59 Minuten 19 Sekunden
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17spechials Klassiker.

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