Léo Malet | Stoff für viele Leben (Autobiographie)

Léo Malet war vieles in seinem turbulenten Leben, Vagabund, Chansonnier, Anarchist, Surrealist, Trotzkist, Statist, Pazifist, Poet und Revolutionär, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Malet hat viel erlebt, viel gesehen und viel gelesen – und schließlich viel geschrieben. Er hat letztlich auch viel erduldet und weiß davon fesselnd zu erzählen, mit Augenzwinkern, ohne Pathos, lakonisch und genau, knapp und immer höchst interessant und amüsant, wie in seiner Autobiographie.

Die erschien 1990 unter dem Titel „La vache enragée“, der Titel erinnert an ein Kabarett, in dem der junge Léo Malet auftrat. Das Buch gibt faszinierende Einblicke in das „alte“ Paris, den politischen und sozialen Alltag seiner Bewohner. Zeitgeschichte zum anfassen, gallige, zynische, mitunter desillusionierte Kommentare. Aber auch optimistische und witzige Beschreibungen seltsamer Gruppierungen mit kruden Ansichten und absurden Absichten, Sekten , geheime Zirkel, in jedem Fall spannende Begegnungen mit höchst interessanten Persönlichkeiten, bekannten wie unbekannten. Viele prominente Weggenossen werden in kurzen Portraits und treffenden Anekdoten vorgestellt, dazu gibt es eindrucksvolle Fotos.

Die deutsche Übersetzung „Stoff für viele Leben“ wiederum spielt an auf einen seiner Nestor-Burma-Romane, „Stoff für viele Leichen“. Die Reihe um den Privatdetektiv nimmt ihren Anfang 1943 noch während des Krieges, später erhält sie den Untertitel 2Les nouveaux mystères de Paris“, nach Eugène Sue, der genau hundert Jahre zuvor mit seinen Mystères de Paris schlagartig berühmt wurde, Episoden aus dem Pariser Unterschichten-Milieu. Malet hatte nicht den großen Erfolg mit seinen „Neuen Geheimnissen“. Er lebte Ende der Fünfziger Jahre von der Nächstenliebe seiner Freunde, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und war Bouquinist auf den Quais.

Immerhin erlebte Malet , der am 7. März 1909 geboren wurde (wie Burma) und am 3. März 1996 starb, die Renaissance seines Romanhelden noch mit, der in den Achtziger Jahren von den Veteranen der 68-er Generation wiederentdeckt wurde. Wie sich herausstellte, aus „archäologischen“ Gründen: als Ausflug zu den poetischen und sentimentalen Landschaften der Jugendzeit, die mittlerweile verschwunden sind. Malet formulierte es so: „Diese Bande von Schuften, die unter dem Namen Städtebauer bekannt ist, hat beschlossen, Paris dem Erdboden gleichzumachen.“ Und fügt hinzu „Was für Dreckskerle!“ Malet kehrte zu den Orten seiner Romane zurück und bereute es: „Man sollte seine Erinnerungen nicht zerstören!“

 

Über Nestor Burma

Burma stammt wie sein Schöpfer aus Montpellier, und wie Malet war er Anarchist, er ist diesem tatsächlich in vielerlei Hinsicht ähnlich. Nun führt er die Agentur „Fiat Lux“, mit gelegentlicher Hilfe zweier Mitarbeiter und mit Unterstützung von Helène, der Sekretärin und guten Seele des Ladens, die ihrem Chef sehr zugetan ist. Merkwürdigerweise kommen die beiden nie zusammen, obwohl Burma, der Frauenheld, Helène durchaus nicht nur als Mitarbeiterin schätzt.

Nestor Burma ist „detective de choc“, Privatdetektiv, ein Schnüffler, der keinerlei Legitimation hat für sein Vorgehen, aber immer irgendwie durch- und davonkommt mit seinen Aktionen, die natürlich von der Polizei nicht gern gesehen werden, aber mehr oder weniger geduldet, hilft Burma doch ab und zu mit Hinweisen und Tipps, nicht ganz selbstlos, denn eine Hand wäscht die andere und Florimond Faroux, Kommissar in der Tour Pointue, profitiert nicht selten von den Erkenntnissen des Detektivs, und dieser im Gegenzug von den Möglichkeiten, die Mittel und Wege des Polizeiapparats eröffnen. Zu Burma hat der Flic ein fast schon freundschaftliches Verhältnis, auch wenn der Wettstreit bei der Aufklärung des Falles immer wieder zugunsten des Detektivs ausgeht, der ein ums andere Mal beweist, dass er eben doch ein Bisschen gewitzter und schneller ist als die Polizisten, die er nicht ernst nimmt.

Burma ist zwar ein harter Hund, der zuschlägt und einsteckt, aber auch ein Schöngeist, schlagfertig im besseren Wortsinn, geistreich und witzig, der gerne mit Worten spielt und Gedichte zitiert. Er besitzt einen speziellen schwarzen Humor, welcher häufig in Gespräche einfließt; seine Dialoge wie auch seine Gedankengänge erscheinen spontan und impulsiv und sind doch wohlüberlegt. Dabei ist der Umgangston gelegentlich rau, aber herzlich, zuweilen anzüglich und in jedem Fall politisch völlig unkorrekt, selbst in den Fünfzigern dürften einige Leserinnen die Nase gerümpft haben über seine Macho-Allüren und der ein oder andere hat sicherlich die Brauen hochgezogen bei einigen seiner Bemerkungen zum Tagesgeschehen bis hin zu rassistischen Sprüchen.

Burma nimmt weder sich noch seine Gegenüber ernst. So legt er auch eine gehörige Portion Selbstironie an den Tag, wenn er von seinen Erfolgen und Heldentaten berichte. Als Ich-Erzähler hat der Detektiv natürlich das Problem, dass er nicht unvoreingenommen sein kann, aber mangelnde Objektivität und peinliches Eigenlob wird hier durch einen spöttischen, sarkastischen Vortrag erträglich.

Wie sein Schöpfer ist Burma Intellektueller, Literaturliebhaber und -Kenner, Nostalgiker und vor allem: Individualist, Anarchist, und Nonkonformist. Kultiviert, elegant, extravagant. Die beiden sind durchaus Brüder im Geiste. Malet erwartet, dass seine Leser nicht nur Krimifreunde, sondern vor allem Literaturkenner sind, er setzt voraus, dass seine vielen poetischen Anspielungen und versteckten Zitate entdeckt werden und zusätzlichen Lesegenuss bereiten.

Die Krimihandlung hingegen ist kaum einmal sonderlich fesselnd, auch nicht besonders gut konstruiert sondern entweder schlicht und vorhersehbar oder derart verworren, dass der Leser Mühe hat, den roten Faden zu erkennen und sogar der Detektiv sich im Handlungsgestrüpp verrennt. Die Fälle folgen einem immer gleichen Schema und bedienen einige Klischees des Genres. Und Malet liefert reichlich Stereotype, und reichlich Leichen.

Burma hat eine Hand stets am Revolver und die andere zur Faust geballt, und auf eins kann man sich verlassen: in jedem Fall bekommt er mindestens einmal im Laufe der Geschichte eins auf den Schädel, aber bei Burma gehen dann nicht einfach die Lichter aus – er hat Träume und Visionen, Halluzinationen, Wachträume und Eingebungen – surrealistische Erlebnisse, die nichts zur Sache tun, aber dem Autor eine Herzensangelegenheit sind und dem Leser ein Riesenvergnügen bereiten.

Paris ist der eigentliche Star der Burma-Reihe, Malets Idee, seinen Detektiv in jedem neuen Fall in einem anderen Arrondissement ermitteln zu lassen, ist ein Geniestreich. Die Stadt ist nicht etwa bloße Kulisse, sondern bietet mit den unterschiedlichen Geräuschen, Gerüchen, Ansichten, mit der spezifischen Atmosphäre und den speziellen Bewohnern der jeweiligen Viertel besondere Handlungsorte, und nur hier ist der jeweils aktuelle Fall wirklich vorstellbar.

Häufig lässt Malet seine Figuren Argot sprechen, den Dialekt der Pariser Vorstädte oder Soziolekt bestimmter Berufs- oder Personengruppen. So kennzeichnet er Typen, die aus einem bestimmten Milieu stammen, Außenseiter zumeist, Exzentriker, seltsame Käuze mit gewissen Eigenarten.

Dabei präsentiert Malet ein Paris, wie es der Besucher vermutlich nie kennenlernen würde, das „wahre“ Paris mit seinen düsteren Hinterhöfen, obskuren Seitenstraßen, finsteren Ecken und kaum beleuchteten Hausfluren, verdreckten Pissoirs und schmuddeligen Bistros. Das Paris der Nutten und Zuhälter, kleiner und großer Gauner und zwielichtiger Gestalten, der Betrüger und der Betrogenen. Malet verdichtet die Darstellung der Örtlichkeit oft, indem er eine Beschreibung des meist miesen Wetters dazu stellt, eine ästhetische Beschreibung der widrigen Äußerlichkeiten. Dann gesellt sich zu dem trostlos dahinplätschernden Hochwasser der Seine eben ein ebenso trostloser Nieselregen, Nebel hüllt einen Lastkahn ein, der an seinem knarrenden Tau zieht, bittere Kälte Feuchtigkeit kriecht in die Knochen, Regen klopft, Wind heult … die üblichen Versatzstücke.

Den Höhepunkt der Aneinanderreihung von Gemeinplätze erreichen Malets Detektivromane regelmäßig mit dem großen Showdown. Der folgt in der Tat einer Dramaturgie, die auf Spektakuläres setzt, auf Hochspannung und Action, ungemeine Betriebsamkeit und unerhörte Ränke. Und nicht selten abdriftet ins Sentimentale, in rührseligen Kitsch und billigen Pathos. Da nähert sich Malet tatsächlich dem Schund des Trivialromans. Aber auch das seichte, Banale hat seinen Platz und seinen Reiz.

 

Text und Foto von Kurt Schäfer.

 

Malet

Stoff für viele Leben | Die gelesene Ausgabe erschien 1990 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-89401-173-4
247 Seiten | nur noch antiquarisch erhältlich
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Dieser Text erscheint im Rahmen des .17specials Klassiker.

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