Maurizio de Giovanni | Die Klagen der Toten

„Unterwegs herrschte die übliche Hektik auf den Straßen, kaum gemindert durch die Hitze, die über den Menschen hing wie eine große Glocke aus geschmolzenem Metall. Doch dieses Wochenende würde anders sein als die anderen: Das große Fest der Madonna del Carmine stand vor der Tür, das Fest des Sommers und der Hitze, das Fest der schwarzen Madonna, das Fest der Gnade, die erfleht und erteilt worden war, das Fest des Tanzes auf den Plätzen und des Feuers im Glockenturm.
Ricciardi jedoch, der mit den Händen in den Hosentaschen, wie immer unbedecktem Kopf und gesenktem Blick langsam durch die Straßen schritt, dachte nicht an das Fest. Er dachte an die Liebe und an den Tod.“ (Auszug Seite 420)

Maurizio de Giovanni nimmt uns einmal mehr mit ins Neapel der 1930-er Jahre. Sein Protagonist ist nach wie vor der mit einer besonderen sehenden Gabe ausgezeichnete Commissario Ricciardi, welcher als Erbe seiner längst verstorbenen Mutter Tote sehen und ihre letzten Worte hören kann, was ihm eine ungeheure Last ist. Es ist für ihn so bedrückend, dass er sich nicht zu seiner Liebe zu der Nachbarstochter Enrica bekennen möchte, da er fürchtet, sie zu belasten. All dies ist für Leser der Serie um den stillen Commissario nicht neues, denn sowohl seine Gabe als auch seine sich entwickelnde Liebe zu Enrica sind die Verbindungsglieder zwischen den Romanen. Die Klagen der Toten ist bereits Band sechs der Serie.

Es sind die heißesten Tage seit Jahrzehnten in diesem Juli 1932, als den Commissario die Nachricht des zu Tode gestürzten Professore Iovine erreicht. Es ist rätselhaft, ob sich der Mediziner aus eigenem Antrieb das Leben nahm oder ob es ihm genommen wurde. Mit seinen letzten Worten  nennt er eine Frau, die erst einmal gefunden werden muss, denn es handelt sich nicht um die Gattin des Professore.

Schon erste Befragungen und Ermittlungen ergeben unterschiedliche Ermittlungsansätze. Einerseits wird Ricciardi von einem scheußlichen Vorfall berichtet, der durchaus das Zeug zu einem Mordmotiv hätte. Immerhin verlor ein werdender Vater bei der Geburt seiner ersten Tochter seine Frau, und dies, weil der Professore seinen Bereitschaftsdienst nicht wie es hätte sein sollen, in der Klinik verbrachte, sondern in den Armen seiner Geliebten. Aber auch ein anderer Verdächtiger ist denkbar. Der Sohn eines ehemaligen Berufskollegen des Professore, mit dem er seit vielen Jahren verfeindet ist, ist bei eben diesem mehrfach durch die Prüfung zur Medizinerzulassung gerasselt, was auf die alte Fehde zurückgeführt wird. Dabei drängt den jungen Mann die Zeit, denn sein Vater, der Leiter der Kurklinik Villa Santa Maria Francesca ist, liegt im Sterben und die Klinik kann er nur übernehmen, wenn er die Zulassungsprüfung rechtzeitig besteht.

Die Geliebte von Professore Iovine bietet ihrerseits natürlich auch ein gutes Motiv, das älteste der Welt, nämlich Eifersucht. Wusste die Frau des Professore von seiner Liebschaft? Und wie ernst war diese? So geht es also nicht nur in Ricciardis Privatleben einmal mehr um die traurigen Seiten der Liebe sondern auch in seinem aktuellen Fall und ebenso im Leben seines Brigadiere Maione, der ihm weiterhin treu zur Seite steht. Wir kennen sein familiäres Umfeld aus den vorangegangenen Fällen, wissen um den Verlust seines ältesten Sohnes, welcher ebenfalls Polizist war und im Dienst verstarb, wissen um die tiefe Depression, in die Lucia Maione nach seinem Tod fiel und wie sehr die Ehe unter dieser Last zu zerbrechen drohte. Unglücklicherweise sieht Maione im Rahmen seiner Ermittlungen seine Frau Lucia eines Tages in das Haus eines stadtbekannten Gigolos verschwinden und nach einer Stunde äußerst heiter wieder herauskommen. Nun muss man bedenken, dass Maione seine Frau unglaublich liebt, ja sogar verehrt, und natürlich, dass er ein heißblütiger Italiener ist. Das führt in der Quintessenz dazu, dass Maione nicht, wie es wohl aus unserer Sicht am geschicktesten wäre, seine Frau nach dem „Vorfall“ befragt, sondern er beginnt parallel private Ermittlungen, die ihn zorniger denn je erscheinen lassen.

Ein weiterer Handlungsstrang zeigt uns sie derzeitige Welt von Ricciardis großer Liebe Enrica, die sich aus Liebeskummer von Ricciardi abgewandt hat, die ihr Herz in der Ferne heilen möchte. Gemeinsam mit einer weiteren Lehrerin betreut Enrica auf einer Insel kleine Kinder. Dabei macht sie rasch Bekanntschaft mit dem deutschen Kavallerieoffizier Manfred, welcher jeden Tag als Maler in den Dünen in der Nähe Enricas und ihrer Freundin auftaucht und den Kontakt sucht. Jedoch nicht zu Enricas Freundin Carla, welche den Kavallerieoffizier äußerst attraktiv findet, sondern zu Enrica, die es mit einem Gefühlschaos zu tun bekommt. Denn auch ihr gefällt der Deutsche, aber ihr Herz hängt an Ricciardi. Dieses Dilemma schildert sie in Briefen ihrem Vater, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis pflegt. Diese Briefe schickt sie ihm in den Hutladen, denn ihm kann sie all ihren Kummer berichten. In den Briefen, die sie nach Hause an die Mutter und die Geschwister schickt, gibt sie sich heiter und unbefangen. Diese Handlungsweise gewinnt im Laufe der Geschichte an Bedeutung, weshalb ich es hier erwähne.

Natürlich taucht auch die unsäglich schöne, reiche und leider nervige Bewunderin Ricciardis, die junge Witwe Livia, wieder auf. Ein von Enrica beobachtetes Treffen zwischen ihr und Ricciardi führte zu dem Bruch in Enricas Zuneigung zu Ricciardi und auch zu ihrer Flucht auf die Insel. Da Livia jedoch eine hoch angesehene Persönlichkeit der Stadt ist, kann Ricciardi ihr nicht entkommen. Sie findet immer wieder einen neuen Weg ihn durch Mitwirkung seines verhassten Vorgesetzten Garzo an sich zu binden. So spielt Livia durchaus eine Rolle in dem Roman und ist nach wie vor auch entscheidend für die Spannung in besagtem Handlungsstrang, doch um ehrlich zu sein: mich nervt sie. Das mag aber an meiner persönlichen Einstellung zur klassischen Romantik liegen. Oder aber daran, dass der Autor es darauf abgesehen hat.

Ein weitaus dramatischeres Ereignis umgibt Ricciardi allerdings, als sein Kindermädchen Rosa, seine Tata, die ihm länger als seine bereits verstorbenen Eltern zur Seite stand, urplötzlich erkrankt und ins Koma fällt. Natürlich nimmt sich Doktor Modo Ricciardis Tata an, denn kein Arzt genießt ein höheres Ansehen. Doktor Modo ist ebenfalls eine wiederkehrende Figur in den Romanen de Giovannis. Neue Figuren finden wir lediglich im aktuellen Fall des gestürzten Professore. Als Rosa bereits Anzeichen für ihre Schwäche erkannte, rekrutierte sie eine ihrer unzähligen Nichten aus dem Cilento als Hausmädchen. Wir erleben also den Abgang einer vertrauten Person und die Einführung einer neuen im Leben Ricciardis.

Zusammenfassend möchte ich bei der Buchreihe zu Bedenken geben, dass es lohnenswert ist, sie in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Gerade auf die Gabe Ricciardis wird nicht ausführlich eingegangen. Da ich alle Bücher gelesen habe, kann ich nicht wirklich beurteilen, wie gut man als Neueinsteiger in die Serie diese Gabe versteht.

Für Kenner der Serie endete bereits Band 5, Die Versuchung des Commissario Ricciardi, mit einem fiesen Cliffhanger. Auch bei Die Klagen der Toten hat sich Autor de Giovanni das offene Ende nicht nehmen lassen. Aber an was für einer fiesen Stelle! Ich kann die Fortsetzung der Reihe kaum erwarten. Geht es auch insgesamt sehr viel um Liebe, muss man dem Autor doch zugestehen, dass er darum weiß, dass aus Liebe die schlimmsten Verbrechen resultieren. Außerdem schafft er es ja auch, immer einen Kriminalfall einzubinden. Dieser steht jedoch nie im Mittelpunkt der Geschichten. Dieser ist und bleibt Commissario Ricciardi.

 

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Die Klagen der Toten | Erschienen am 14. September 2015 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31407-2
480 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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