Michael Lüders | Never Say Anything

„Vor aIlem, es hängt alles mit allem zusammen. Das geht mir einfach nicht in den Kopf. Dieselben Typen, die schon in Afghanistan und im Irak reihenweise Leute umgebracht haben, machen einfach weiter. Und niemand hält sie auf, im Gegenteil. Das ist ein richtiger Geheimbund.“
„Ab und zu gibt es doch jemanden, der ein Gewissen hat.“
„Und was nützt ihm das?“, fragte Helga bitter. „Anschließend ist er tot, im Gefängnis oder kaltgestellt.“
Sophie kaute und nickte. Sie zog es vor, den Gedanken nicht zu vertiefen. Wie gerne würde sie sich mit Marc Lindsey austauschen, diesem Wahnsinnigen. Die Dokumente und Quellen, die er zusammengestellt hatte, waren eine einzige Anklageschrift. Macht und Lüge verhielten sich zueinander wie Geschwister, aber es kam selten vor, sie in flagranti beim Inzest zu erwischen. (Auszug Seite 264-265)

Die Journalistin Sophie Schelling trifft sich in Marrakesch mit dem marokkanischen Journalisten Hassan Maliki. Dieser hatte in seiner Zeitschrift über ein merkwürdiges Bauwerk in der kleinen Stadt Gourrama berichtet, die „Himmelstreppe“. Trotz unklarer Gefahrenlage machen sich die beiden auf in den Ort nahe der algerischen Grenze. Dort werden sie plötzlich Zeuge eines amerikanischen Drohnenangriffs, dem ein Ziegenhirt zum Opfer fällt. Kurz darauf wird Gourrama von schwer bewaffneten Einheiten attackiert und nahezu alle Einwohner getötet. Ein Angriff von al-Qaida, so wird es der Weltöffentlichkeit dargestellt. Doch Sophie Schelling überlebt schwer verletzt und weiß, dass die Angreifer amerikanische Soldaten waren.

Sophie kehrt nach Deutschland zurück und will ihre Version der Geschichte erzählen. Doch das ist angesichts der Nachrichtenlage gar nicht so einfach. Auch der Chefredakteur ihrer Zeitung ist ihr wenig wohlgesonnen. So versucht Sophie Beweise zu sammeln, um die illegalen Aktivitäten der Amerikaner im Kampf gegen den Terror ans Licht zu bringen. Hilfreich ist dabei der Nachlass des unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommenen amerikanischen Enthüllungsjournalisten Marc Lindsey, der Sophie zugespielt wird. Doch je mehr sie sich anschickt, Beweise gegen die Amerikaner zu sammeln, umso mehr gerät sie ins Visier der US-Geheimdienste, die um jeden Preis eine Enthüllung verhindern wollen.

Autor Michael Lüders ist ein ausgewiesener Experte in Sachen Naher und Mittlerer Osten. Der Politik- und Islamwissenschaftler veröffentlichte im letzten Jahr den Sachbuch-Bestseller Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet. Lüders schickt sich an, in die Fußstapfen des verstorbenen Peter Scholl-Latour zu treten, als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft hat er ihn jedenfalls schon beerbt. Mit dem Label des „Orient-Experten“ wirbt der Verlag auch für diesen Politthriller. Und er beginnt auch ziemlich vielversprechend in der Altstadt von Marrakesch und führt kurz darauf ins Atlasgebirge. Allerdings hat sich der Autor entschlossen, ab ca. Seite 70 den Rest des Romans nahezu ausschließlich in Deutschland stattfinden zu lassen. Vom Orient keine Spur mehr, sehr schade.

Noch bedauerlicher ist allerdings, was Lüders aus der Geschichte macht. Es entwickelt sich ein Politthriller mit Anleihen an Edward Snowden und Tony Scotts Film „Der Staatsfeind Nr.1“ mit ganz klaren, schwarz-weißen Verhältnissen: Hier die gute deutsche Journalistin, dort der ganz, ganz böse amerikanische Geheimdienst. Realitätsnahe Graubereiche sind Lüders‘ Sache nicht (dies haben ihm auch einige Kritiker seines Sachbuches vorgeworfen). Sämtliche Figurenzeichnungen bleiben völlig oberflächlich, selbst die Hauptfigur Sophie Schelling bleibt dem Leser unnahbar. Wenn wenigstens die Spannung das Buch tragen würde. Aber auch das gelingt nur über Teilstrecken, denn die Story wird zunehmend unglaubwürdiger und unlogischer. Da werden Handlungen ohne jeden Nutzen für die Story nur als reine Showeffekte aufgenommen. Als schließlich sogar ein Auto ferngesteuert wird, um Sophie Schelling einen Schrecken einzujagen, ist bei mir als Leser der Punkt erreicht, an dem ich denke, nun bringt sie doch endlich um, damit das Buch ein Ende hat. Aber leider nehmen die Merkwürdigkeiten zum Ende hin sogar noch zu. Der Höhepunkt der Absurditäten findet dann im Darkroom des Berghain statt (mehr möchte ich dann doch nicht spoilern).

Autor Michael Lüders mag mit seiner Intention, den Drohnenkrieg der Amerikaner zum Aufhänger dieses Politthrillers zu machen und damit zu kritisieren, nicht ganz falsch liegen. Aber die Art und Weise, wie er die Handlung und Figuren einseitig und oberflächlich aufbaut, machen aus diesem Buch einen plumpen, nur teilweise spannenden, zunehmend unlogischen und latent anti-amerikanischen Thriller. Dabei hätte das Thema so viel mehr Potenzial gehabt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Never Say Anything | Erschienen am 18. Februar 2016 im Verlag C.H.Beck
ISBN 978-3-40668-892-8
368 Seiten | 14,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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