Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt | Das Mädchen, das verstummte

„Außen fror sie. Nachdem sie etwas gegessen hatte, ging es ihr ein wenig besser, aber die Aprilnacht war kühl. (…)
Innen schienen die Leere und die Stille zu wachsen. Vielleicht war sie auch kleiner geworden. (…)
Außen war es anstrengend, im Dunkeln durch den Wald zu gehen. Mehrmals stolperte und stürzte sie.“ (Auszug Seite 98 und 99)

Eine Familie wird erschossen. In ihrem eigenen Haus, an einem ganz normalen Morgen. Mutter, Vater und die zwei Söhne. Die örtliche Polizei begibt sich auf die Suche nach dem Mörder, merkt aber schnell, dass der Fall zu groß ist. Der leitende Polizeibeamte Erik Flodin holt sich Hilfe von der Reichsmordkommission. Die Reichsmordkommission besteht aus Torkel Höglung, Billy Rosén, Vanja Ericsson und Sebastian Bergman. Sebastian unterstützt die Ermittlungen als Kriminalpsychologe.

Nachdem das ganze Haus der ermordeten Familie Carlsten von der Spurensicherung gründlich untersucht wurde, fällt auf, dass sich ein weiteres Kind in dem Haus aufgehalten haben muss. Nicole, die zehnjährige Cousine der beiden Söhne war zu Besuch und konnte flüchten. Sie versteckt sich planvoll in der Umgebung. Nach einiger Suche kann Sebastian das traumatisierte Mädchen finden und ihr Vertrauen gewinnen. Durch das schreckliche Erlebnis spricht Nicole allerdings nicht mehr und kann nur durch Zeichnungen ihre Erinnerungen ausdrücken und so bei der Suche nach dem Mörder helfen.

Es geht aber nicht ausschließlich um die Suche nach dem Täter. Es werden auch viele Themen aus dem Privatleben der Polizisten aufgegriffen, wodurch sie sympathisch werden. Billy steckt beispielsweise gerade in den Hochzeitsvorbereitungen mit seiner Verlobten My und als Ausgleich zu stressigen Tagen schnürt er gern mal die Laufschuhe. Vanja hat derzeit Probleme mit ihren Eltern und litt früher an einer Essstörung. Und Sebastian hat vor einigen Jahren seine Frau und seine Tochter im Thailand-Urlaub bei einem Tsunami verloren und bekommt davon immer noch Albträume.

Bei Sebastian bin ich mit der Sympathie zwiegespalten. Am Anfang wird erzählt, dass er seinen Kummer mit Frauenbekanntschaften versucht zu betäuben. Damit ist er sehr erfolgreich und lässt keine Gelegenheit aus. Auch nicht, wenn es sich um eine Tatverdächtige handelt, oder in diesem Fall, um die Staatsanwältin. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht ergreift Sebastian dann schnellstmöglich die Flucht. Als er aber die schwer traumatisierte Nicole findet und sie ihm Vertrauen schenkt, erinnert sie ihn an seine verlorene Tochter. Später ziehen das Mädchen und seine Mutter auch noch vorübergehend mit in seine Wohnung und plötzlich ist das vermisste Familienleben zurück. Wie er sich um seine beiden Gäste kümmert und was er dabei empfindet, ist schön beschrieben und lässt ihn doch nicht so gefühllos erscheinen.

Das ganze Buch bezieht sich auch auf die Erlebnisse, die die Reichsmordkommission in den drei Bänden davor erlebt hat. Teilweise ist es dabei schwer mitzukommen und nachzuvollziehen. Ich habe den ersten Teil der Serie auch gelesen, deshalb konnte ich mich an einiges erinnern.
Michael Hjorth ist ein bekannter Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber. Hans Rosenfeldt arbeitet als Schauspieler, Drehbuchautor, Schriftsteller und Moderator. Das schwedische Autorenduo hat die Sebastian Bergman-Reihe verfasst, die auf Deutsch derzeit aus fünf Bänden besteht. Es ist bereits angekündigt, dass die Reihe in Kooperation mit dem ZDF verfilmt wird.

Mir hat Das Mädchen, das verstummte von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt sehr gut gefallen. Es war kurzweilig und spannend. Die Geschichte wird aus Sicht aller handelnden Personen erzählt, auch aus der des Mädchens und des Mörders. Die Ermittlungen sind interessant geschildert und keineswegs langatmig. Dadurch, dass die ersten heißen Spuren im Sande verlaufen und immer wieder „bei Null“ angefangen werden muss, bleibt es fesselnd.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

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Das Mädchen, das verstummte | Erschienen am 29. Oktober 2015 bei Rowohlt
ISBN 978-3-49926-662-1
608 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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