Steve Hamilton | Der Mann aus dem Safe

An diesem Punkt schaltete ich ab. Sie zankten sich um ihre Anteile, während ich in Gedanken all das durchging, was schieflaufen konnte. Es hörte sich eigentlich ganz einfach an. Falls es stimmte, was der Ochse gesagt hatte, sollte wir es schaffen, innerhalb einer halben Stunde dort einzusteigen, die Diamanten aus dem Safe zu holen und wieder loszudüsen. Fünfundvierzig Minuten maximal. Das einzige Problem könnte darin bestehen, meinen Anteil an der Beute zu bekommen, aber ich sagte mir, was soll’s. Wenn ich nicht mitmache, kriege ich gar nichts. Dann war heute schon umsonst. Mache ich mit, habe ich wenigstens die Chance auf viel Kohle.
Wieder so eine unausgegorene Idee, ich weiß. Der falsche Denkansatz. Ich weiß! (Auszug Seite 49)

Michael ist siebzehn und ein gefragter Mann, denn er beherrscht ein seltenes Handwerk: Er ist ein äußerst versierter Safeknacker, der als entscheidender Mann für Raubzüge gerne eingekauft wird. In New York wird er allerdings von einer Truppe engagiert, vor dem ihm sein Mentor immer gewarnt hat: Plumpe, laute und großmäulige Amateure. Aber Michael braucht das Geld und lässt sich auf den Coup ein.

Ich lese ja nicht nur viele Krimis, ich schaue sie auch gerne. Und da ist mir letztens aufgefallen, dass ich bei den Kriminalfilmen ein ausgewiesenes Lieblingsgenre habe: Heist-Movies. Raffinierte Raubüberfälle, aufs sorgfältigste geplant, gerne mit ausgefeilten Täuschungsmanövern und enormer Finesse bei der Überwindung ausgeklügelter Alarmanlagen, aber auch gerne realistischer, gewalttätiger. Sehr spannend auch die gruppendynamischen Prozesse, die sich in einer Räuberbande ausprägen. Eine Auswahl meiner Favoriten, die die Vielfalt des Genres deutlich machen: Allen voran Michael Manns knallharter Thriller Heat mit den herausragenden Al Pacino und Robert de Niro oder der zwischen Hintergründigkeit und Verspieltheit schwankende Inside Man mit einem sehr lässigen Clive Owen. Auch sehr schön ist das zwischenmenschliche Tête-à-Tête in Thomas Crown ist nicht zu fassen oder in Out of Sight. Und das faszinierende Verwirrspiel Die üblichen Verdächtigen ist ja auch ein Heist-Movie. Wie ihr seht, könnte ich hier noch lange weitermachen, aber um auf den Punkt zu kommen: Mir wurde auf einmal bewusst, dass ich Bücher mit solchen Plots nur äußerst selten lese (zuletzt nach langer Zeit das hervorragende Kalter Schuss ins Herz). Das sollte geändert werden und so habe ich mir auch ein paar Tipps eingeholt. „Der Mann aus dem Safe“ war übrigens eine Empfehlung von Stefan von Crimealley. Ich darf vorweg nehmen: Eine sehr gute Empfehlung.

„Das größte Rätsel, junger Mann, die größte Herausforderung, der sich ein Mann stellen kann, ist herauszufinden, was im Herzen einer Frau vorgeht.“
Langsam rollte er mit seinem Stuhl zu einem der Safes hinüber.
„Das hier“, sagte er und legte seine Linke an die Safetür, „ist eine Frau. Komm näher.“
Ich machte einen Schritt in den Kreis.
„Das hier“, sagte er und legte die Rechte an die Nummernscheibe, „ist das Herz der Frau.“
Okay, dachte ich. Ich spiele jetzt mal mit.
„Wenn du willst, dass sie sich öffnen soll, was machst du? Ziehst du ihr eins mit deiner Keule über und zerrst sie in deine Höhle? Führt das zum Ziel?“
Ich schüttelte nicht mal den Kopf.
„Natürlich nicht. Wenn sie sich öffnen soll, bemühst du dich, sie zu verstehen. Zu verstehen, was in ihr vorgeht. Komm und sieh dir das an.“ […]
„Es ist leicht, wenn man die Kombination kennt“, sagte der Ghost und schloss die rechte Hand, als hielte er etwas darin. „Aber wenn nicht?“
Er öffnete die Hand wie ein Zauberkünstler, der seinem Publikum zeigt, dass sie leer ist.
Das ist der Moment, mein junger Heißsporn, wo die Kunst ins Spiel kommt. Bist du dafür bereit?“ (Seite 347 bis 349)

Michael ist ein 17jähriger, zurückhaltender High-School-Schüler mit einem Faible fürs Zeichnen, doch er hat zwei bemerkenswerte Besonderheiten. Er ist stumm, seit einem traumatisches Ereignis im Alter von acht Jahren spricht er kein Wort. Außerdem hat er ein Händchen für Schlösser, seitdem er ein altes Schloss auseinandergenommen und seine Funktionsweise studiert hat. Doch gerade als sein Leben als Außenseiter eine unerwartete Wendung nimmt und er die gleichaltrige Amelia kennenlernt, werden plötzlich seine Fähigkeiten von den falschen Leuten erkannt. („Ich hatte nicht gelernt, dass es Talente gibt, die einem nicht verziehen werden. Niemals.“, Seite 96). So wird er unfreiwillig von einem Mentor, dem „Ghost“, als „Schrankmann“ angelernt, doch seine Begeisterung fürs Schlösserknacken bleibt ungebrochen. Er wird in kürzester Zeit zum gefragten Safeknacker, übernimmt den Job seines Mentors. Zu seinem nun überschaubarem Besitz zählen fünf Pager in unterschiedlichen Farben. Wenn sich ein Pager meldet, ruft er die Nummer an und erhält den Treffpunkt für den nächsten Coup im ganzen Land. Michaels Zwiespalt ist ganz offensichtlich: Er macht dies nicht aus freien Stücken. Denn im Hintergrund zieht jemand die Fäden, wenn der rote Pager piept, muss Michael alles stehen und liegen lassen und sich nach Detroit begeben. Dennoch: Das Knacken der Schlösser und Safes, das ist sein Ding, hier ist er ganz in seinem Element.

Der Mann aus dem Safe wird aus Michaels Perspektive erzählt. Dabei wird der Leser auch direkt angesprochen. Die weitere Geschichte trägt Michael als allwissender Ich-Erzähler in einer lakonischen, aber auch selbstironischen Art vor. Unkonventionell ist natürlich, dass Michael als Stummer keine Dialoge führt. Er offenbart dem Leser zu Beginn, dass er im Gefängnis sitzt und seine Geschichte aufschreibt. Michael kündigt außerdem direkt an, dass er in der Zeit springen wird. Der eine Strang beginnt im September 1999 mit einem Safeknackerjob in Philadelphia und führt in weiter zu diesem ominösen Job in New York. Dieser Strang beschreibt sein Leben als „Schrankmann“ und bezieht seine Spannung wesentlich aus der Frage, ob und wie Michael dem kriminellen Teufelskreis entfliehen kann. Der andere Strang beginnt früher, im Jahr 1991, als der neunjährige Michael nach dem Tod seiner Eltern zu seinem Onkel kommt. An diesen Stellen ist das Buch ein ungewöhnlicher Coming-Of-Age-Roman, der nicht nur das Heranwachsen des jungen Michael zeigt, sondern auch, wie er zu einem Safeknacker wurde und in die kriminellen Kreise hinein geriet. Letztendlich kreisen aber beide Stränge um das traumatische Ereignis im Juni 1990, das Michaels Leben nachhaltig bestimmte, vor allem weil er dadurch seine Sprache verlor. Diesem erschütternden Vorfall nähert man sich sich immer mehr an, bis Michael es schließlich gegen Ende seiner Amelia offenbart. Umso mehr empfinde ich es als Fauxpas des Verlags, wesentliche Teile hiervon schon im Klappentext zu verraten.

Autor Steve Hamilton erzählt die Geschichte eines sympathischen, kriminellen Außenseiters in einer grandiosen Mischung aus Spannung, Härte, Emotionalität und Dramatik. Und ja, die Liebesgeschichte ist ziemlich kitschig. Aber was soll’s! Es passt einfach. Eigentlich sollte man sich als Rezensent nicht zu sehr mit dem Protagonisten anfreunden, aber sorry, hier kann man nicht anders. Solche Storys habe ich als Jugendlicher, als ich mit dem Krimigenre begann, geliebt und ich stelle fest: Ich tue es noch heute.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Der Mann aus dem Safe | Erschienen am 2. November 2012 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-22621-6
464 Seiten | 16,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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