Wilfried Kaute | Wenn es Nacht wird: Verbrechen in New York 1910-1920

Die Aufnahmen sind ebenso schockierend wie faszinierend. Um die Jahrhundertwende 1900 revolutionierte die noch junge aufkommende Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Exakt und detailreich, ohne Emotion auf Spurensuche – die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Angehörige der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben und die Akten vernichtet. Zu einigen Fotografien finden sich Notizen. Wilfried Kaute recherchierte in den Pressearchiven die Umstände der jeweiligen Kriminalfälle. Ein Datum, ein Ort oder der Name eines Opfers halfen bei der Suche nach der Geschichte der Fotos. Die Artikel lesen sich wie Kriminalromane. Mit ihrer spannenden und authentischen Berichterstattung ergänzen sie die Dramatik der Fotografien. Ein Buch, das keinen kaltlässt, das aufwühlt und in den Bann zieht.

Als man das New Yorker Police Department Mitte der 1980er Jahre renovierte, wurde ein unglaublicher Schatz gehoben: In einer vergessenen Kammer eben jenes Departments wurden längst vernichtet geglaubte Fotoplatten gefunden, auf Glas aufgezogene Negative der Tatortfotografie, sogenannte Mugshots und beeindruckende Bilder einer Metropole, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können. Einhundert Jahre schlummerten diese Glasplatten in der Kammer und fielen zum Teil ihrem Alter zum Opfer. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass diese Glasplatten eigentlich vor einhundert Jahren im Hudson River hätten versenkt werden sollen, – so entsorgte man damals auch beschlagnahmte Waffen und anderes – ist die Ausbeute fantastisch.

Herausgeber Wilfried Kaute hat ein einmaliges Zeitzeugnis einer längst vergangenen Epoche auflegen können. In annähernd 200 zum Teil großformatigen, zweiseitigen schwarz/weiß-Aufnahmen können wir einen Blick in die Vergangenheit New Yorks werfen. Es stehen die Fotos der Mordopfer im Vordergrund, doch durch die Totalen sehen wir mehr als nur einen toten Körper: wir sehen den Tatort und auf vielen Fotos erhalten wir einen intimen Einblick in private Räume und in die Lebensumstände im New York der Jahre 1910 bis 1920.

Zu einigen Opferfotografien gibt es kurze Hintergrundberichte, abhängig davon, ob es bei dem jeweiligen Fundstück eine Information gab. In solchen Fällen war eine Recherche möglich und neben dem Foto blieb damit auch die Geschichte zur Tat erhalten. Die Taten sind im Übrigen sehr vielfältig – daran scheint sich in einhundert Jahren nichts geändert zu haben. Doch die Fotos darf man sich nicht reißerisch vorstellen. Aus meiner Sicht haben sie eine ganz eigene Ästhetik, bedingt durch eine Zeit und ihre Lebensumstände, die uns fremd sind, bedingt aber auch durch die schwarz/weiß-Fotografie. Die Opfer erfahren durch die bildliche, teils etwas plakative – weil im Vordergrund stehende – Abbildung, keine Entwürdigung. Und für die Augen der Öffentlichkeit waren die Aufnahmen ohnehin nie vorgesehen. Lediglich zu Ermittlungszwecken wurden sie erstellt, dabei in der Regel aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln: der Totalen und dem Opfer im Fokus.

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Trotz dessen, dass die Tatortfotografie mit dem Verbrechen als Kern im Vordergrund stehen, gefiel mir besonders der Einblick in die Lebensumstände der New Yorker sowie die Stadtentwicklung, die all diese Aufnahmen preisgeben. Es ist schon die Zeit der ersten Automobile, die stolz spazieren gefahren werden, es ist aber auch noch die Zeit, in der die Menschen in ärmlichen Zimmern leben, noch längst kein fließendes Wasser, elektrisches Licht und Heizung zum Wohnungsstandard gehören.

Neben den Aufnahmen der Stadt New York und den Tatortfotografien finden sich auch Abbildung von Tätern und Verdächtigen in Form sogenannter Mugshots (Fahndungsbildern) in dem insgesamt 240 Seiten umfassenden Bildband Wenn es Nacht wird. Doch diese sind, ebenso wie vereinzelte Zeitungsausschnitte, weniger häufig vertreten. Sie runden gemeinsam mit einzelnen Aufnahmen von New Yorker Polizisten den Band ab. Die Einführung von Joe Bausch ist informativ, hätte aber auch aus der Feder des Herausgebers sein können. Nun denn, vielleicht für den ein oder anderen Fan des sympathischen „Knastdocs“ und Tatort-Gerichtsmediziners ein Kaufargument.

Insgesamt war ich ziemlich begeistert von dem Buch! Ein Bildband angefüllt mit wunderbaren Zeitzeugnissen, die zugleich auch noch eines meiner Lieblingsthemen behandeln: Mord und Totschlag. Den Preis von knapp 40,- Euro finde ich dafür sehr angemessen. Ein tolles Buch zum Verschenken und selbst betrachten, ein Bildband, den man immer mal wieder hervorholen kann, um sich in eine andere Zeit versetzen zu lassen, ein Dokument einer Mega-City, die inzwischen zur „Hauptstadt der Welt“ herangewachsen ist.

 

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Wenn es Nacht wird: Verbrechen in New York 1910-1920 | Erschienen am 15. Oktober 2015 bei Emons
Bildband mit ca. 200 s/w-Fotografien und original Zeitungsartikeln
ISBN 978-3-954-51730-5
240 Seiten | 39,95 Euro
Bibliographische Angaben & Blick ins Buch, Leseprobe

Weiterhören: Wilfried Kaute im Gespräch mit Bernd Lechler, Deutschlandfunk 00:09:50

Diese Besprechung erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Cops aus New York.

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