Eric Berg | Die Schattenbucht

Eigentlich ging es ihr gar nicht um das Geld, es war nie darum gegangen, auch als es noch da gewesen war. (…) Seit einem Vierteljahrhundert war sie nicht mehr richtig in Urlaub gefahren, nur mal drei Tage ins Erzgebirge, nach Berlin oder in den Schwarzwald. Sie träumte von einer vierwöchigen Kreuzfahrt, von einem schicken Abendessen im Salonwagen des Orient-Express, von einer ausgiebigen Kur im Marienbad. (…) Sie war eine Frau ohne jede Neigung zu luxuriösem Besitz. Aber schöne, unvergessliche Momente, danach sehnte sie sich. (Auszug Seiten 136 bis 137)

Die 39-jährige Ina Bartholdy ist Psychologin. An zwei Tagen in der Woche arbeitet sie in der Klinik in Rostock, die anderen Tage verbringt sie in ihrer eigenen Praxis in Ahrenshoop, um so mehr Zeit für ihre Patienten zu haben. Als Marlene Adamski nach ihrem Selbstmordversuch überlebt, nimmt sich Ina der 62-jährigen Bäckerin an. Zuerst ist Marlene noch sehr verschlossen und redet kaum. Ihrem Ehemann Gerd ist es außerdem nicht recht, dass jemand so viele Fragen stellt. Im Laufe der Therapie mit Marlene ahnt Ina, dass hinter dem Selbstmordversuch eine tiefe Schuld steckt und Marlene gibt Ina auch immer wieder kleine Hinweise, die in die Vergangenheit führen. Parallel zu dieser Patientin betreut Ina noch Christopher. Er ist 15 Jahre alt und vor einem guten Jahr ist seine Mutter spurlos verschwunden. Um über diesen Verlust hinwegzukommen, hat Christophers Vater die Psychologin zu Rate gezogen.

Die Kapitel des Regionalkrimis wechseln sich mit der Gegenwart und den Erlebnissen von vor 14 Monaten ab. Vor 14 Monaten haben Gerd und zwei weitere Männer Alwin Töller von zu Hause entführt und bei den Adamskis im Keller gefangen gehalten. Töller ist Finanzberater und hat vor einiger Zeit beteuert, dass es sinnvoll ist, in Anleihen zu investieren. Das hat er den Beteiligten so schmackhaft gemacht, dass sie ohne große Zweifel darauf eingegangen sind. Leider ist dann eine Bank im Ausland Bankrott gegangen und die Anleger haben ihre ganzen Ersparnisse verloren, das Ehepaar Adamski über 200.000 Euro. Nach diesem Verlust haben sich alle Geschädigten zusammen getan und sind vor Gericht gezogen. Allerdings brachte das keinen Erfolg. Mit diesem Frust ist der Gedanke gewachsen, Alwin Töller kurzzeitig zu entführen, in seinem Namen weiter die Finanzgeschäfte am Laufen zu halten und dabei nach und nach mit den Gewinnen der Aktien, die Töller verwaltet, die eigenen Verluste auszugleichen. Das Vorhaben startet und alles läuft vorerst planmäßig, bis am Ende alles aus dem Ruder läuft. Und genau dort ist auch die Schuld von Marlene zu finden, wegen der sie sich das Leben nehmen wollte.

Ina Bartholdy ist mit dem 10 Jahre jüngeren Bobby zusammen. Außerdem ist gerade Stefanie, Inas Tochter, in den Ferien zu Besuch. Stefanie wohnt seit der Trennung der Eltern in Schwerin bei ihrem Vater. Stefanie hat die Schule abgebrochen und bringt typische Ansichten eines Teenagers mit. Die Gedanken rund um das alltägliche Leben und auch die Vorgehensweise in ihrem Beruf machen Ina sehr sympathisch.

Marlene Adamski finde ich auch sehr sympathisch. Sie ist die „gute Seele“ bei der Entführungsaktion. Während ihr Mann nur auf das Ziel aus ist, behält sie Menschlichkeit und ein Gewissen. Auch wenn Marlene von ihrem Leben erzählt, kann man gut mitfühlen. Ich wollte das Buch unbedingt lesen, weil es auf dem Darß spielt, ganz in der Nähe bin ich aufgewachsen und ich kenne die Umgebung daher gut. Leider sind die Landschaftsbeschreibungen eher enttäuschend. Die Umgebung ist sehr allgemein beschrieben, ohne genaue Details. Nur die Ortsnamen waren mir bekannt, alles andere hätte auch woanders sein können.

Die Schattenbucht von Eric Berg finde ich insgesamt sehr gut. Die Kapitel sind spannend aufgebaut. Mit jedem weiteren Kapitel kommen neue Details zutage, die einen erahnen lassen, wie alles zusammenhängt. Zweimal wurde ich aber auch wirklich überrascht, diese Verbindungen hatte ich nicht erwartet. Dadurch ist das Buch sehr kurzweilig und ich konnte es kaum zur Seite legen. Die Geschichte ist glaubhaft und sehr spannend und bei der geschilderten Landschaft bekommt man direkt Lust auf Urlaub an der Ostsee.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

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Die Schattenbucht | Erschienen am 22. Februar 2016 bei Limes
ISBN 978-3-80902-642-6
416 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe 

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