Robert Galbraith | Die Ernte des Bösen

Es war ihm nicht gelungen, ihr Blut vollständig zu entfernen. (Erster Satz Seite 9)

Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass sich hinter dem Pseudonym des ehemaligen Soldaten Robert Galbraith die bestbezahlteste Autorin der Welt Joanne K. Rowling verbirgt. Und da ich bei Harry Potter immer ihre Phantasie und ihren Einfallsreichtum bewundert habe, war ich sehr neugierig auf den vorliegenden Krimi. Die Ernte des Bösen ist bereits der dritte Teil um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott. Es wird ihr privatester Fall und fängt schön schaurig an. Robin bekommt in einem Paket ein abgeschnittenes Frauenbein zugeschickt. Dieses ist genau an der Stelle amputiert wie bei dem in Afghanistan verwundeten Strike.

Der Killer hat es offenbar auf Robin abgesehen um sich an Strike zu rächen, der sich im Laufe seines Lebens einige Feinde gemacht hat. Dem Privatdetektiv fallen auch sofort einige Verdächtige aus seiner Vergangenheit ein. Das sind einmal sein ehemaliger Stiefvater, ein Rockstar, den er für den Tod seiner Mutter verantwortlich hält, zum anderen zwei wegen skrupelloser Gewalttaten unehrenhaft aus der Armee entlassene Soldaten. Hier erfährt man viel aus Strikes Vergangenheit, dessen Charakter dadurch an Kontur gewinnt.

Der Leser begleitet das sympathische Detektiv-Duo bei seinen Ermittlungsarbeiten, die aus Recherche, Observierungen und Befragungen bestehen und kann die ganze Zeit gut miträtseln. Das entspricht sicherlich realistischer Detektivarbeit, aber dadurch fällt leider die Spannungskurve rapide ab. Für mich ging auch manchmal der Überblick verloren und ich fragte mich, wer wann observiert wird und warum.

Eingeschoben werden Kapitel aus der Täterperspektive. Das ist jetzt nicht neu und ja mittlerweile auch ein probates Mittel, um Spannung zu erzeugen. Und tatsächlich gehören diese Passagen, in denen der psychopathische Mörder Robin verfolgt, mit zu den aufregendsten. Zum Schluss werden diese Kapitel allerdings immer widerlicher, da verwechselt die Autorin wohl Spannung mit grausigen Detailbeschreibungen, das ist leider so gar nicht Meins. Auch mit dem Thema BIID, der Körper-Integritäts-Störung, einer psychischen Erkrankung, bei der sich der Patient nach Amputation sehnt, konnte ich nicht viel anfangen.

Jedes Kapitel wird mit einer Songzeile der amerikanischen Hardrockband Blue Öyster Cult überschrieben. BÖC’s bekanntester Titel „Don’t fear the Reaper“ und auch die Tatsache, dass sie ihre Musik mit Texten von Schriftstellern versehen, passt zum Inhalt und zur gewollt düsteren Stimmung der Geschichte.

Dass es zwischen den beiden Hauptprotagonisten (hier: Cormoran und Robin) vor erotischer Spannung knistert ist ja ein bekanntes Stilmittel. Ich musste an alte Detektivserien wie „Remington Steele“ oder „Das Model und der Schnüffler“ aus den 80ern denken. Die privaten Angelegenheiten der beiden nehmen einen großen Teil der fast 670 Seiten ein. Natürlich mögen sie klischeehaft den Partner des anderen nicht. Und tatsächlich bedient sich die Autorin vieler Klischees. So sind die Polizisten sehr uneinsichtig und arbeiten gegen die Detektive, die Zeugen waren Studenten, die nichts mitgekriegt haben etc.

„Und im Erdgeschoss hat niemand etwas gehört – keine Schreie, nichts?“
„In diesem Haus wohnen überall Studenten. Mit denen ist leider wenig anzufangen“, sagte Wardle. „Laute Musik, zu jede Tages- und Nachtzeit Besuch von Freunden… Sie haben wie die Schafe geglotzt, als wir sie gefragt haben, ob sie etwas von oben gehört hätten. Das Mädchen, das die Vermieterin angerufen hat, war total hysterisch. Sie meinte, sie könnte es sich nie verzeihen, nicht sofort angerufen zu haben, als es anfing zu stinken.“ (Seite 223)

Mit dem massigen Meisterdetektiv Cormoran Strike, der nach einer konfliktreichen Jugend auch noch ein Afghanistan-Trauma zu bewältigen hat, ist Rowling eine interessante Figur gelungen, das übrige Personal fand ich recht eindimensional.

Die Ernte des Bösen ist ein klassischer Detektiv-Krimi-Schmöker der alten Schule in der Tradition von Agatha Christie. Leider hat die Detail verliebte Autorin die Spannung durch zu viele private und ellenlange Dialoge teilweise ausgebremst. Als es zum Schluss noch spannend wird und die Auflösung präsentiert wird, ist diese sehr schnell abgehandelt. Außerdem versäumt es Rowling, einige vorher gelegte Finten aufzuklären.

Die BBC soll schon an einer Verfilmung der Serie um das ungleiche Ermittler-Duo arbeiten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Die Ernte des Bösen | Erschienen am 26. Februar 2016 bei Blanvalet
ISBN 978-3-76450-574-5
672 Seiten | 22,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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