Der Tel Aviv Krimi | Shiv’a ►

Nach ihrer Versetzung nach Tel Aviv wird Sara Stein, noch bevor sie ihren offiziellen Dienst antreten kann, mit einem diffizilen Fall betraut: Chief-Inspektor Noam wurde ermordet in seiner Wohnung aufgefunden. Die Neue aus Berlin soll sicherstellen, dass die Ermittlungen objektiv geführt werden. Widerstand im neuen Kollegenkreis ist vorprogrammiert, doch sie lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Sie verlässt sich wie immer auf ihren Instinkt und ihre eigenen Beobachtungen. Handelt es sich wirklich um einen Raubmord? Die Spuren führen Sara durch das arabische Ghetto bis in das wohlhabende Viertel von Tel Aviv. Doch am Ende liegt die Lösung so nah…

Ein Jahr ist vergangen. Zu Beginn der zweiten Folge joggt Sara am Strand von Tel Aviv entlang, sie ist mittlerweile mit David verheiratet und hat alle Zelte in ihrer alten Heimat Berlin abgebrochen. Mit ihrem ersten Auftritt in Tel Aviv ändert sich die Situation für Sara grundlegend. Sie ist plötzlich nicht mehr nur Kommissarin Sara Stein, sondern vor allem die deutsche Jüdin Sara, der man nicht nur auf Grund ihrer Herkunft mit Skepsis und Argwohn begegnet. Kein Wunder, nach gerade einmal einem Jahr in Israel, nach einer kurzen Grundlagenschulung auf der Polizeiakademie, mit dürftigen Sprachkenntnissen und immer noch viel Unwissen, was die religiösen Konventionen und Traditionen, die kulturellen Gewohnheiten, kurz, die Sitten und Gebräuche in ihrer neuen Heimat angeht, soll sie nun, noch vor ihrem offiziellen Dienstbeginn, in einem ungewöhnlichen, durchaus heiklen Mordfall ermitteln. Klingt plausibel? Das ist Kintopp.

Ihre neue Einheit (alle Figuren in dieser zweiten Folge wurden mit einer Ausnahme mit einheimischen Schauspielern besetzt, leider vollständig synchronisiert) muss gewissermaßen auch Untersuchungen in eigener Sache anstellen, denn der Ermordete, an einen Stuhl gefesselt und mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt, ist einer der ihren, der geachtete Chief-Inspector Noam Shavit. Sara wird als unbefangene, objektive Beobachterin dem Kollegen Jaakov Blok (Samuel Finzi) an die Seite gestellt, endlich eine Figur, die einen glaubhaften Gegenpart zur selbstbewussten Frau abgibt. Der ist allerdings wenig begeistert von seiner ungewollten Assistentin und zeigt seine Vorbehalte, wie auch die übrigen Kollegen, ganz unverhohlen, während er andererseits offensichtlich etwas zu verbergen hat.

Sara Stein (Katharina Lorenz) mit Inspector Jakoov Blok (Samuel Finzi)
Sara Stein (Katharina Lorenz) mit Inspector Jakoov Blok (Samuel Finzi).

Der russisch-stämmige Inspector Blok ist überhaupt ein undurchsichtiger, verschlossener Typ, der augenscheinlich auch Sara gegenüber nicht mit offenen Karten spielt. Allerdings schießt er sich schnell auf einen Verdächtigen ein: einen mutmaßlichen Raubmörder, den Shavit vor zwei Jahren nicht überführen konnte, sein einzig ungelöster Fall. Damals waren Faserspuren am Tatort gefunden worden, und die gleichen Spuren hat der Täter auch diesmal, merkwürdig genug, bei dem ermordeten Polizisten hinterlassen.

Aber er ist bei weitem nicht der einzige Verdächtige, zumindest Sara verfolgt gleich mehrere vielversprechende Spuren, die dem Zuschauer wie schon beim ersten Auftritt der cleveren Ermittlerin in Berlin, derart plump präsentiert werden, dass schnell klar wird, dass es sich um falsche Fährten handelt. Die tatsächliche Lösung des Falles ist hingegen nur schwer zu erraten, und auch Sara gehen letztlich erst mit Hilfe eines Rabbis die Augen auf. Der erklärt ihr einiges über das Leben besonders der orthodoxen Juden, so über die Shiv’a, die Trauerwoche nach dem Tod eines Familienangehörigen. Noam Shavit war seit der Krebserkrankung seiner Frau Esther ultra-orthodox, wer den ersten Teil des „Tel Aviv Krimis“ (Tod in Berlin) gesehen hat, weiß das aus einer Szene mit Davids Mann, der ihn offenbar gut kannte. Diese Welt ist Sara völlig fremd, und den meisten Zuschauern sicher auch, aber es wird nichts versucht, daran etwas zu ändern, authentisches, echtes jüdisches Leben ist kaum zu sehen oder zu spüren.

Statt dessen wird ein wenig Folklore gezeigt, Shabbat mit „Zimmes“, und im Übrigen ein Alltag, in dem das Zusammenleben von höchst unterschiedlich orientierten Juden, von Drusen, Palästinensern und anderen Arabern augenscheinlich problemlos und friedlich vonstatten geht. Dass dies nicht die Normalität abbildet, ist hinlänglich bekannt, warum es dennoch so dargestellt wird, bleibt ein Rätsel. Dazu passt die Inszenierung der Stadt: zu sehen sind ein paar touristische Anziehungspunkte, pittoreske Szenen in den engen Gassen und Gängen der Altstadt von Jaffa, dagegen das moderne Tel Aviv mit Designer-Bauten, Strandaufnahmen mit Familie am Geula- und am Jaffa Beach, die joggende Sara auf der Taylet Promenade und auf dem Rad am Strand entlang zur Arbeit. Muss man aber für diese wenigen schönen Bilder in Tel Aviv drehen?

Einen solchen absolut geläufigen Großstadt-Krimi, wie ihn Tiefenbacher hier routiniert abliefert, mit den üblichen Versatzstücken, übrigens noch statischer und phlegmatischer als in der Auftatktfolge, letztlich die ganz gewöhnliche, seit Jahrzehnten gewohnte Mördersuche, den hätte man eben auch in einer beliebigen Großstadt drehen können. Wenn man schon vom wahren Leben in Tel Aviv nichts erfährt, die Städte als bloße Kulisse austauschbar sind, warum dann nicht gleich Berlin? Saras Mann ist ja auch Dirigent, er könnte doch einfach die Philharmoniker übernehmen und mit Sara zurück in ihre Stadt ziehen, wäre schließlich auch plausibel. Oder eben hier eine west-östliche Kinder-Musikschule leiten. Mein Vorschlag: Wenn Fortsetzung, dann zurück zu den Wurzeln, schickt Sara wieder in ihr Milieu, auf den Kreuzberger Kiez, wo sie sich auskennt, wo sie sich wohlfühlt und wo sie sich weiter so wohldosiert mit ihrem Judentum auseinandersetzen kann, dass es die Krimihandlung nicht stört.

 

Rezension von Kurt Schäfer.

 

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Der Tel Aviv Krimi | Erschienen am 11. März 2016 bei Edel Germany
2 DVDs | 19,99 Euro
Gesamtlaufzeit: 180 Minuten
Einzelfilm: 90 Minuten
FSK 12
Trailer

Weiterlesen: Rezension des Auftaktfilms der Serie, Tod in Berlin.

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