Kristina Ohlsson | Papierjunge 

In der Nacht erwacht er zum Leben, erwählt ein Kind und verschwindet mit seinem Opfer in der Dunkelheit. Der Papierjunge. Eigentlich glaubt niemand an die jüdische Sagengestalt – bis an einem eiskalten Wintertag in Stockholm eine Erzieherin vor den Augen von Schülern und Eltern erschossen wird. Als wenig später zwei Kinder verschwinden, fragen sich die Ermittler Fredrika Bergman und Alex Recht, ob der Junge aus der Legende etwas mit den Vorfällen zu tun haben könnte. Die Ermittlungen führen Fredrika nach Israel, wo sie mit einem grausamen Verbrechen aus der Vergangenheit konfrontiert wird …

Die Geschichte beginnt mit einer israelischen Legende, wonach der sogenannte Papierjunge sich nachts Kinder holt und diese grausam umbringt.

Der eigentliche Anfang des Buches ist – toller Kniff der Autorin – gleichzeitig ein als Fragment bezeichneter Teil des Schlusses, weitere Fragmente werden immer wieder eingestreut und sind zwar zum einen Teil der Auflösung, zum anderen aber raffinierte Versuche (die auch gelingen), den Leser auf eine falsche Spur zu locken.

Doch zunächst zu dem Fall: Efraim Kiel, ein Angehöriger des israelischen Geheimdienstes, wird zu einer jüdischen Gemeinde, der Salomongemeinde in Stockholm, beordert, wo er helfen soll, einen neuen Sicherheitschef zu finden und einzustellen. Der Generalsekretär der Gemeinde stellt ihm die Bewerber vor, Favorit ist ein nichtjüdischer, ehemaliger Polizist, Peder Rhydh, aber noch während der Beratung erhalten sie die Nachricht vom Mord an einer Erzieherin der zur Gemeinde gehörenden Tagesstätte.

Der mit den Ermittlungen betraute Kriminalkommissar Alex Recht ist sich zunächst nicht ganz im Klaren, ob er tatsächlich zuständig ist, da es sich um ein Verbrechen antisemitischer Natur handeln könnte. Doch dann stellt sich heraus, dass die Erzieherin einen Lebensgefährten mit kriminellem Hintergrund hat. Somit könnte das Verbrechen auch andere als antisemitische Gründe haben. Dann allerdings meldet sich nochmals die Salomongemeinde: zwei Jungen, die zum Tennisunterricht unterwegs waren, sind dort nicht angekommen.

Da draußen Schnee liegt und Eiseskälte herrscht, hoffen alle auf den Erfolg einer sofortigen, groß angelegte Suchaktion. Doch erst am nächsten Tag werden die Jungen am Rand des königlichen Golfklubs Drottningholm erschossen aufgefunden. Rätselhaft ist dabei, dass beide keine Schuhe tragen, die Leichen liegen nicht direkt beieinander, sondern in einiger Entfernung und haben Papiertüten über den Kopf gestülpt bekommen, auf die Gesichter aufgemalt sind. Da vor dem Fund Schüsse zu hören waren, wird aufgrund der Nähe zum schwedischen Königshaus auch der schwedische Geheimdienst in Person von Eden Lundell eingeschaltet. Diese erklärt sich jedoch aufgrund der Sachlage als nicht zuständig, somit sind wieder Alex Recht und seine Kollegin Fredrika Bergmann am Zug.

Am Tatort sind Spuren der Kinderfüße erkennbar, die darauf hindeuten, dass die beiden versucht haben, Ihrem Entführer zu entkommen, allerdings nur eine Spur von Männerschuhen; es scheint sich somit um nur einen Täter zu handeln.

Zwischenzeitlich tut sich für Efraim Kiel eine Vermutung zu den Todesfällen aufgrund einer Nachricht auf, die ihm in seinem Hotel vor die Türe gelegt wurde, eine Verbindung zur Legende des Papierjungen scheint naheliegend zu sein.

Doch auch der zwischenzeitlich von der Salomongemeinde eingestellte Peder Rhydh entdeckt im Sekretariat der Gemeinde einen rätselhaften Hinweis: nach dem Mord an der Erzieherin waren mehrfach Blumen abgegeben worden. Eine Pflanze steckte in einer Papiertüte mit einem gezeichneten Gesicht darauf. Auch die Aussage der Mutter eines der Jungen, der sich im Chatroom den Namen „Papierjunge“ gegeben hat, zielt in diese Richtung. Als dann auch noch die kleine Schwester eines der getöteten Jungen entführt wird, stellt sich den Ermittlern die Frage, ob
1. nicht auch der Mord an der Erzieherin demselben Täter zuzuordnen ist, zumal die Spuren am Tatort darauf hinweisen, dass nicht die Erzieherin das beabsichtigte Opfer war, sondern das kleine Mädchen, dass unmittelbar nach der Erzieherin aus der Tür der Tagesstätte gekommen war, und
2. was die Legende des Papierjungen mit dem Ganzen zu tun hat.

Im Verlauf der Ermittlungen stellt sich heraus, dass die Eltern der getöteten Jungen – obwohl keine engeren Freunde – gemeinsam aus Israel ausgewandert waren. Für die Ermittler stellt sich dadurch die Frage, was der Hintergrund der Auswanderung gewesen sein könnte. Fredrika reist nach Israel und versucht dort, über die Eltern der beiden ausgewanderten Familien nähere Hinweise zu bekommen. Ein Elternpaar findet sie in einem Kibbuz und erfährt, dass beide Ehemänner zuvor in der Armee waren und Israel – sozusagen über Nacht – nach einem Armeeeinsatz verlassen haben.

Die Autorin hat einen Plot geschaffen, der die Spannung gleich in mehreren Erzählsträngen immer weiter in die Höhe treibt. Im Laufe der Handlung verweben sich immer mehr Legende und Wirklichkeit, hier die Wirklichkeit im Bereich der Geheimdienste beider Länder Israel und Schweden. Für Israel steht Efraim Kiel, für Schweden Eden Lundell, die beide, so erfährt man, eine zumindest in Schweden nicht gern gesehene Beziehung geführt haben. Für die Legende steht der Papierjunge, wobei sich immer mehr die Frage stellt, gibt es ihn wirklich und in welchem Zusammenhang steht er mit den betroffenen Familien und den Geheimdienstlern?

Die Fäden verweben sich immer stärker, die Auflösung ist – auch im Hinblick auf die bereits erwähnten „Fragmente“ – überraschend.

Kristina Ohlsson hat in einigen späteren Kapiteln Beschreibungen Israels und der gegenwärtigen Lebensumständen in diesem Land in ihr Buch aufgenommen. Schön wären – vielleicht in einem Vorwort – ausführlichere Hinweise gewesen auf die Entstehung Israels und seiner leider vorhandenen Problematik, die auch die Bedeutung des Geheimdienstes für die Sicherheitspolitik erklärt. Damit hatte ich eigentlich gerechnet, da die Autorin laut ihrem Nachwort in diesem Bereich wohl einige Erfahrungen gesammelt hat.

Fazit: Insgesamt liegt mit Papierjunge ein wirklich spannendes Buch vor, man möchte so schnell wie möglich ergründen, wie es in der Handlung weitergeht und fühlt mit den handelnden Personen, auch wenn die Handlungsweise einiger Personen für die meisten von uns nicht nachvollziehbar ist.

 

Rezension von Monika Röhrig.

 

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Papierjunge | Erschienen am 29. Februar 2016 bei Limes
ISBN 978-3-80902-640-2
576 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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