Åsne Seierstad | Einer von uns

Sie ließ sich auf den Bauch fallen und drehte das Gesicht zur Seite. Ein Junge legte sich neben sie, den Arm um ihre Hüfte.
Sie waren elf.
Alle taten, was der Junge gesagt hatte.
Hätte er „Lauft!“ gerufen, wären sie vielleicht um ihr Leben gerannt. Aber er sagte „Legt euch hin.“ So lagen sie dicht beisammen und drehte die Köpfe zum Wald und den dunklen Baumstämmen, die Füße am Zaun. Manche lagen sogar übereinander. Zwei beste Freundinnen hielten sich an den Händen.
„Alles wird gut“, sagte einer der elf.
Der schlimmste Regen hatte sich gelegt, aber das Wasser lief ihnen noch immer über die verschwitzten Wangen in die Krägen.
Sie atmeten so flach und lautlos wie möglich.
Auf den Klippen wuchs ein verirrter Himbeerbusch, Wildrosen mit blassrosa, fast weißen Blüten rankten um den Zaun.
Dann hörten sie seine Schritte. (Auszug Seite 8)

22. Juli 2011: Gegen 15:30 Uhr zündet Anders Behring Breivig eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel. Acht Menschen sterben durch die Detonation. Während die Einsatzkräfte die Innenstadt abriegeln, fährt Breivig zur Insel Utøya, wo gerade ein Sommercamp der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei stattfindet. Von 17:20 Uhr an eröffnet Breivig das Feuer auf Teilnehmer und Betreuer des Camps. In den nächsten 75 Minuten sterben 69 Menschen. Erst um 18:35 Uhr erreichen Polizeikräfte die Insel, Breivig lässt sich widerstandslos festnehmen.

Die Anschläge vor fünf Jahren erschütterten nicht nur das sonst so beschauliche Norwegen, sondern die ganze Welt. Åsne Seierstad, eine bekannte Auslandsjournalistin, vorwiegend in Krisengebieten, erhielt von der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“ den Auftrag für eine Reportage. Ungewohntes Terrain für die Journalistin, die außerdem über den Prozess berichten durfte und als Resultat hieraus mit tiefer gehenden Recherchen für ein Buch begann. Sie sichtete Gerichtsakten, Polizeidokumente, Breivigs Tagebuch und Manifest, alte Akten der Sozialbehörden und vor allem führte sie eine Menge Gespräche. Lediglich mit Breivig selbst kam kein Interview zustande.

Seierstads Buch ist zum einen eine Biografie Anders Behring Breivigs, daneben verfolgt sie aber auch das Leben von fünf jungen Menschen, die auf Utøya zu Breivigs Opfern werden: Simon, Anders und Viljar aus der Region Troms im Norden Norwegens, nur Viljar überlebt schwer verletzt. Außerdem Bano und Lara, zwei Schwestern aus einer kurdischen Familie, die aus dem Irak nach Norwegen flohen, lediglich Bano überlebt. Alles intelligente, soziale, politische Kinder, die künftige Elite des Landes. Die Diskrepanz zu Breivig ist nur allzu deutlich.

Dessen Leben wird chronologisch erzählt: Eine unruhige Kindheit, die Mutter trennt sich früh vom Vater, ist mit der Erziehung von Anders und seiner älteren Schwester Elisabeth überfordert. Anders ist schon als kleines Kind psychisch auffällig, beinahe wird der Mutter das Sorgerecht entzogen. Doch dazu kommt es nicht und in der Folgezeit bleibt Anders zwar ein Außenseiter, aber bleibt nicht völlig isoliert, hat immer wieder einen kleinen Freundeskreis. Später wird er Teil einer Clique von Sprayern, bei denen er sich krampfhaft zu profilieren versucht, dadurch aber auf Ablehnung stößt: „Er benahm sich wie ein King, obwohl er nur ein Toy war.“ (Seite 111)

Dies wird Breivig später ebenfalls in der Jugendorganisation der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet passieren. Hier finden er zunächst seine politische Heimat, sein Aktionismus wird jedoch nicht von allen goutiert. Als er bei der parteiinternen Listenaufstellung für die nächsten Wahlen nicht berücksichtigt wird, verlässt er die Partei. Breivig verlässt die Schule ohne Abschluss, gründet (nicht unerfolgreich) eine Reihe von Internetfirmen, die sich jedoch am Rande der Illegalität bewegen. Er verliert viel Geld bei Aktienspekulationen, gerät ins Visier der Steuerbehörden und zieht 2006 schließlich wieder bei seiner Mutter ein. Dort zieht er sich immer mehr in sein Kinderzimmer, das „Furzzimmer“, zurück. Er verbringt Tage und Nächte vor der PC, spielt exzessiv Spiele wie „World Of Warcraft“ und beginnt in rechtsextremen Blogs und Foren sein rechtes Politikverständnis weiter zu radikalisieren.

„Die Muslime werden die Macht in Europa übernehmen, weil sie sich vermehren wie die Karnickel“, erklärte Anders. „Sie tun so, als würden sie sich anpassen, aber bald sind sie in der Mehrheit. Seht euch die Statistiken an…“
Die Worte sprudelten aus ihm heraus.
„Die Sozialdemokraten haben unser Land ruiniert. Sie haben den Staat feminisiert und zu einem Matriarchat umgeformt. Und vor allem haben sie es unmöglich gemacht, reich zu werden. Die AP erlaubt den Muslimen alles … (Seite 160-161)

Das längste Kapitel des Buches trägt den Namen „Freitag“. Auf knapp 80 Seiten beschreibt Seierstad minutiös die Ereignisse des 22. Juli 2011. Trotz der journalistischen Präzision und Distanz ist dieses Kapitel schwer zu ertragen, denn es wird (nahezu) jeder Mord beschrieben. Aber auch die massiven Fehler der Polizeibehörden nach der Detonation der Bombe in Oslo. Nach der Tat beobachtet die Autorin den Prozess und dem Kampf der Gutachter um die Frage der Zurechnungsfähigkeit, wobei vor allem Breivig sehr daran gelegen ist, für zurechnungsfähig erklärt zu werden.

Gleichzeitig fügt die Autorin immer wieder die Erzählstränge der Jugendlichen ein, ihren Lebenslauf, ihr politisches und soziales Engagement, nach der Tat schließlich der Trauer der Hinterbliebenen und den Schock des ganzes Landes, in dem Ministerpräsident Stoltenberg die folgenden Worte findet.

„[…] Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind noch immer erschüttert von dem, was uns getroffen hat, aber wir werden niemals unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort lautet mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“ (Seite 419)

Im Nachwort erklärt die Autorin, dass ihr Werk „ein Buch über Zugehörigkeit und Gemeinschaft“ sei. Beziehungsweise im Falle Breivigs die „erfolglose Suche nach Zugehörigkeit“. Ohne jede Dämonisierung zeichnet sie ein präzises Bild des Attentäters Breivig, seines Werdegangs und seiner Radikalisierung. Obwohl immer am Rande war Breivig „einer von uns“, bevor er sich entschied, „aus der Gemeinschaft auszusteigen und sie so brutal wie möglich zu verletzen“ (Seite 540).

Seierstads Sprache ist zumeist klar und sie verzichtet weitgehend auf wertende Aussagen. Allerdings tendiert sie für meinen Geschmack an einigen Stellen zum Kitsch, wenn es um Breivigs Opfer geht.

Überall auf der Insel waren Klingeltöne zu hören. Die Anfangstakte einer Symphonie, ein Justin-Bieber-Song, die Erkennungsmelodie von Die Sopranos oder einfach irgendwelche Standardklingeltöne. […]
Die eingehenden Anrufe konnte niemand mehr entgegennehmen.
Nur die Polizisten, die auf der Insel die Stellung hielten und über die Toten wachten, hörten die Melodien und sahen die immer wieder aufleuchtenden Displays.
Mama
Mama
Mama
Mama
Bis die Akkus schließlich versagten, einer nach dem anderen. (Seite 396)

Insgesamt liefert Åsne Seierstad mit Einer von uns eine hervorragende literarische Reportage über ein erschütterndes Ereignis ab, dass sich ins norwegische Gedächtnis ähnlich einbrennen wird wie 9/11 in den USA. Dabei überzeugt vor allem die biografische Studie Breivigs, die gesellschaftspolitische Einordnung hätte vor allem zum Ende hin noch ausführlicher sein können.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

2016-08-12 11.58.52

Einer von uns | Erschienen am 28. April 2016 bei Kein & Aber
ISBN 978-3-03695-740-1
543 Seiten | 26,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Erika Fatland | Die Tage danach. Erzählungen aus Utøya. btb Verlag

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