Michael Anderson | Fassade

Wen interessiert es schon, wenn in Japan ein Kind stirbt? In Deutschland eigentlich niemanden. Aber wenn der kleine Junge ausgerechnet aus dem Hotelfenster des deutschen Außenministers fällt, dann sieht die Sache schon anders aus. Kein Wunder also, wenn mit aller Kraft versucht wird, den Vorfall zu vertuschen. Und anfangs scheint die Rechnung aufzugehen, doch dann stirbt ausgerechnet der Medienberater des Ministers. Für die Öffentlichkeit ein tragischer Unfall, doch für Vincent Riemann, freier Journalist, der Auftakt für eine Recherche, die ihn auf die Spur eines weltweiten Pädophilen-Netzes bringt.

Nach den Angaben im Buch handelt es sich hier um ein Erstlingswerk – ich finde den Plot und die Entwicklung der Spannung darin gut aufgebaut. Die Handlung beginnt in Hamburg. Der dort ansässige Journalist Vincent Riemann, seit einiger Zeit nur noch als freischaffender Autor für den Themenbereich „Auto“ des Boulevard-Blattes „Blitz“ (gute Anspielung) tätig, bekommt überraschend Besuch von seinem ehemals besten Freund Harry Fässling, der mittlerweile als Medienberater für den deutschen Außenminister Dirk Vondrey tätig ist. Das Treffen ist nur kurz, allerdings gibt Harry seinem Freund einen USB-Stick zur Aufbewahrung.

Nach einigen Tagen erhält Vincent eine Nachricht von Harry mit der Bitte um ein Treffen. Zusätzlich schickt er ihm eine MMS; abgebildet ist der deutsche Außenminister in einem Hotelzimmer im Bademantel auf dem Bett sitzend, mit fahlem Blick, wirren Haaren und Blutflecken im Gesicht. Bevor das Treffen stattfinden kann, wird Fässling allerdings tot aufgefunden, unter Umständen, die an den Tod von Uwe Barschel erinnern.

Trotz Einwänden seiner Frau entscheidet sich Vincent, dem der Tod seines Freundes merkwürdig vorkommt, den wenigen Hinweisen nachzugehen, die dieser im hinterlassen hat. Nach einer Zwischenstation in Bonn und der Schweiz reist er nach Tokio, wie er mittlerweile über Internetsuche (Abgleich der abgebildeten Hotelzimmer) herausbekommen hat, handelt es sich bei dem Zimmer auf dem Bild mit dem Außenminister um ein Hotelzimmer im Hotel Prince Tower in Tokio. Dort angekommen, erfährt er von dem (Unfall-)Tod eines Kindes, dass nackt aus einem der Fenster des Hotels gefallen ist.

Nach und nach erschließt sich ihm, auch durch Hilfe eines Hackers, der den von Harry hinterlassenen USB-Stick entschlüsseln kann, ein Geflecht von Korruption und Kinderpornografie, in das Politiker und Wirtschaftsbosse aus mehreren Ländern verwickelt sind. Sein Versuch, das Ganze aufzudecken und über einen ehemaligen Vorgesetzten des „Blitz“ in die Öffentlichkeit zu bringen, löst nicht nur für ihn gefährliche Situationen aus, es kommt zu weiteren Todesfällen, bei denen Mitwisser zum Schweigen gebracht werden. Wie Vincent Riemann es trotz aller Widerstände von mächtigen Verbänden es doch schafft, einen Kinderpornoring und die damit verbundenen Korruptionsfälle aufzudecken, ist spannend bis zum Schluss.

Fazit: An seiner Schreibweise könnte Michael Anderson vielleicht noch etwas drehen, manche Textstellen brachten mich durch eingeschobene Erklärungen dazu, den Text zu überfliegen, bis es dann weiterging. Insgesamt ist Fassade aber wirklich gut gemacht. Gibt es ein Wieder-Lesen mit der Hauptperson (es gibt doch bestimmt noch einiges aufzudecken)?

Allerdings muss ich zum Herstellungsverfahren etwas sagen: so schön der Einband ist, der Druck hinterlässt den Eindruck: Hauptsache fertig, Genauigkeit nicht erforderlich. Druckfehler an sich gibt es immer mal wieder, allerdings so viele wie in diesem Buch sind mir noch nicht untergekommen. Teilweise fehlten Buchstaben, einige Male sogar ganze Wörter (oder sie waren doppelt), Kommastellen (ich bin NICHT pingelig) waren an Stellen, wo sie nicht hingehörten oder sie fehlten. Irritierend fand ich auch, dass bei einigen eingerückten Sätzen keine Leerzeilen vorhanden waren – macht es nicht lesbarer; und die Art, die Trennungsstriche zwischen den Kapiteln des Öfteren nicht nach dem Kapitel (trotz vorhandenem Platz), sondern auf dem nächsten Blatt oben einzusetzen, sieht etwas merkwürdig aus. An das stark weiße Papier kann man sich gewöhnen, schöner für die Augen finde ich persönlich einen nicht ganz so strahlenden Untergrund.

 

Anmerkung: Die Wertung bezieht sich auf den Plot.

 

Rezension von Monika Röhrig.

 

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Fassade | Erschienen am 17. November 2015, CreateSpace Independence Publishing Platform
ISBN 978-1-53335-507-2
368 Seiten | 11,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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Ein Gedanke zu “Michael Anderson | Fassade

  1. Da das Buch im Selfpublisher Bereich veröffentlicht wurde, vermute ich mal, es gab kein Korrektorat. Es scheint, als würden manche Autoren*innen den Effekt unterschätzen, dass man seine eigenen Schreibfehler schlicht und einfach nicht mehr sieht, wenn man so intensiv mit einem Text arbeitet.
    Jeder, der etwas veröffentlicht – ob nun Buch oder Masterarbeit oder sonstige Texte – sollte jemanden unbeteiligten darüber lesen lassen.
    Ich finde solche Fehler störend im Lesefluss, wobei es natürlich noch auf die Häufigkeit ankommt. Aber sie sind eben vermeidbar – und darum ärgerlich.

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