Max Annas | Die Mauer

Moses hatte das Gerät, das der Referee in der Hand hielt, schon einmal gesehen. Das war ein Taser. Funktionierte über Stromschläge. Oder so. Machte bewusstlos. Oder sogar tot. „Okay“, sagte er. „Sie haben gewonnen. Was soll ich tun?“ Die Hände hielt er immer noch sichtbar vor sich.
„Sieh an“, sagte der Referee. „Der Junge weiß sich zu benehmen.“
„Ja, wenn er sieht, dass er keine Chance hat!“ Der mit dem Stock. „Du kniest dich erst einmal hin. Dann legst du die Hände schön auf deinen Kopf.“
„Okay“, sagte Moses. „Geschieht sofort!“ Er spannte sich kurz an. Stellte einen Fuß ein paar Zentimeter nach hinten. Holte Luft. Und rannte los. Auf die Mauer zu, an einem der Häuser vorbei und dann in die Richtung, aus der er gekommen war. „Ey!“, hörte er hinter sich. Und auch, dass die beiden anderen begannen zu laufen.
Nur für einen ganz kleinen Moment dachte er, dass er gerade einen großen Fehler begangen hatte. Aber eigentlich war ihm keine andere Wahl geblieben. Scheißkerle. Moses rannte weiter. (Auszug Seite 31-32)

Der junge farbige Student Moses ist gegen Mittag gerade auf dem Heimweg zu seiner Freundin, als ihm sein Auto auf einer schwach befahrenen Vorstadtstraße verreckt. In unmittelbarer Nähe liegt die Gated Community „The Pines“. Dort hofft er, Hilfe zu finden. Aber auch hier ist niemand zu sehen. Moses trottet durch die die Straßen, verliert so langsam die Orientierung. Da tauchen zwei Security-Männer auf. Moses schwant nichts Gutes und so nimmt er Reißaus. Und damit beginnt eine gnadenlose Jagd.

Gleichzeitig sind auch Nozipho und Thembinkosi in „The Pines“. Die beiden sind ein Einbrecher-Pärchen und bevorzugt zur menschenleeren Mittagszeit unterwegs. Das Haus, das sie sich ausgesucht haben, ist allerdings keine gute Wahl. Zwar findet Nozipho in einer Küchenschublade einen Haufen Bargeld, aber kurze Zeit später in der Tiefkühltruhe eine Leiche. Nun würden sie beide gerne verschwinden, aber draußen vor der Tür wimmelt es auf einmal von Security.

Schon wieder Südafrika: Als Krimiland definitiv auf dem Weg in die Beletage, wenn nicht gar schon dort angekommen. Diesmal schreibt ein deutscher Autor über dieses so interessante wie gesellschaftlich-problematische Land. Max Annas hat allerdings auch für längere Zeit dort gelebt und an der Universität von East London geforscht. In dieser Gegend siedelt er dann auch das reizvolle Setting von Die Mauer an: Eine Gated Community, gelegen irgendwo in Suburbia. In diese (fast) ausschließlich weiße Gemeinschaft, die sich mit ein paar Kameras, einer hohen Mauer und schlecht bezahlten Sicherheitskräften vor der realen Welt abschottet, platzen nun zwei Einbrecher und ein junger, von einer Autopanne gebeutelter Mann. Ironie des Ganzen: Der unbescholtene Moses gerät ins Visier der Security, nicht die Einbrecher und auch nicht die Mörder der Leiche in der Tiefkühlung. Annas entwickelt hieraus mit knapp drei Stunden erzählter Zeit einen unglaublich schnellen, rasanten Plot, mit knappen Sätzen, kurzen Kapiteln und permanenten Perspektivwechseln. Immer mitschwingend: Der alltägliche Rassismus und die alltägliche Gewalt in Südafrika.

Die Mauer ist Max Annas zweiter Roman und er ist damit in der deutschen Krimiszene (wie schon bei seinem Debüt Die Farm) in aller Munde und aktuelle Nr.1 der KrimiZeit-Bestenliste. Irgendwie hatte gefühlt schon jeder Krimikritiker oder -blogger ein lobendes Wort für das Buch parat. Doch dann schrieb Peter von crimenoir Folgendes und sprach mir aus der Seele: „Aber ein wenig hatte ich das Gefühl, nicht wirklich tiefer einzutauchen, nur an der Oberfläche zu bleiben. Die scheinbar sinnlose Explosion von Gewalt gegen Ende der Geschichte mag für Südafrika typisch sein, war für mich aber in dieser Intensität nicht ganz nachvollziehbar.“ Irgendwo habe ich gelesen, dass Annas Bücher wie ein Actionthriller fürs Kino schreibe und das trifft es ziemlich genau. Mich erinnerte dieser Gewaltshowdown im Buch an Filmszenen, in denen irgendwie eine Knarre losgeht und dann ballern auf einmal wie bei einer Initialzündung alle ihr Magazin leer. Völlig planlos und ohne triftigen Grund. Dieses mutmaßliche Statement für die fragile heterogene Gesellschaft Südafrikas war mir zu roh serviert, zu wenig subtil.

Jetzt sollte aber niemand auf die Idee kommen, das Buch wäre Murks. Mitnichten. Es kann nur nicht ganz mit meinen hohen Erwartungen mithalten. Davon abgesehen bietet es rassigen, actionreichen Thrill mit viel Tempo und wenig Schnörkeln. Und das ist schon mal erheblich mehr als der sonstige Krimidurchschnitt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

20160812_110828

Die Mauer | Erschienen am 21. Mai 2016 bei Rowohlt
ISBN 978-3-49927-163-2
224 Seiten | 12,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Advertisements

5 Gedanken zu “Max Annas | Die Mauer

  1. „Mich erinnerte dieser Gewaltshowdown im Buch an Filmszenen, in denen irgendwie eine Knarre losgeht und dann ballern auf einmal wie bei einer Initialzündung alle ihr Magazin leer. Völlig planlos und ohne triftigen Grund.“

    Ja. Und genau das finde ich großartig, weil es zwar, wie du schon sagst, ein wenig subtiles Statement ist, aber eben ein Statement, dass uns die Sinn- und Grundlosigkeit der Gewalt (nicht nur im Kontext Südafrika) offenbart.

    1. Ja, ich gebe zu, man kann es durchaus so sehen wie du. Aber mich hat diese Szene während der Lektüre weniger geflasht als vielmehr ratlos zurückgelassen. Sie war für mein Empfinden einfach zu plakativ.

  2. Ha, du hast also auch die Gated Community als nur „fast“ ausschließlich von Weißen bewohnt verstanden! Ich habe mich nämlich bisher bei fast allen Besprechungen zum Roman gewundert, dass einhellig von einer Gated Community für Weiße gesprochen wurde, obwohl im Buch eigentlich sehr eindeutig eine Szene zeigt, dass dort auch mindestens eine farbige Familie lebt. Deshalb habe ich auch auf diese Formulierung verzichtet und habe mich auf den Wohlstand als gemeinsamen Nenner bezogen. Klar, dass Prinzip ist, dass sich in diesen Communities vornehmlich Weiße abschotten, aber eben nicht nur, sondern dass wie so oft eigentlich Geld ein entscheidender Faktor ist. Und ich denke, der Autor hat diese Szene nicht umsonst so geschrieben.

    Also cool, dass es dir aufgefallen ist. Mir gefällt die Besprechung aber auch sonst sehr, schön ausgewogene und nachvollziehbare Einschätzung. Und das Foto gefällt mir ausgesprochen gut!

    Viele Grüße, Philly

  3. Die Sinn- und Grundlosigkeit von Gewalt wäre auch ohne diesen Showdown rübergekommen, finde ich. Mir war das ebenso zu plakativ, zu viel. Es war schlicht nicht nötig.

Gedanken dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s