Edney Silvestre | Der stumme Zeuge

Wenn Olavinho in Sicherheit ist, wen haben sie dann…?“
„Den Sohn unseres Hausmeisterpaares. Diesen taubstummen Jungen. Er saß im Wagen. Deshalb haben sie ihn wohl für unseren Sohn gehalten.“ […]
Er fühlte sich erfrischt. Bereit für den Kampf. In solchen Augenblicken hatte er die besten Ideen. Und jetzt hatte er eine Idee. Er würde die Schmierenkomödie weiterspielen und sogar noch ausbauen. Er würde den als Entführung getarnten Erpressungsversuch öffentlich machen. Ganz offen über den Überfall und das Verschwinden des Kindes reden. Er würde das Problem bei den Hörnern packen. Eine komplette Kehrtwende vollziehen. Sieh an, sieh an, eine großartige Idee. Es lebe die Macht der Information, seine Macht. (Auszug Seite 135)

São Paulo, 1990: Eine Limousine wird am helllichten Tag mitten auf einer vielbefahrenen Straße aufgehalten, der Fahrer erschossen und das Kind auf dem Rücksitz entführt. Die Entführer wollen damit Olavo Bettencourt erpressen, einen äußerst einflussreichen Medienberater. Doch sie haben, ohne es zu merken, das falsche Kind entführt: Den Sohn des Hausmeisters. Und Bettencourt ist ein eiskalter Profi, der dies sofort zu seinen Gunsten ausnutzt.

Autor Edney Silvestre, ein Journalist und Fernsehmoderator, hatte mich im letzten Jahr mit seinem Debütroman Der letzte Tag der Unschuld überzeugt. Nur ist auch sein zweites Buch auf Deutsch erschienen. Spielte sein Erstling im Brasilien des Jahres 1962, so ist auch Der stumme Zeuge nicht in der heutigen Zeit angesiedelt. Wir sind im Jahr 1990, Fernando Collor de Mello ist Staatspräsident und lässt die Hyperinflation bekämpfen, indem er sämtliche Ersparnisse einfrieren lässt. Das Volk darbt und das auch politisch. Zwar ist der Übergang von der Militärdiktatur zur Demokratie vollzogen, doch von Korruption und Gefälligkeiten durchzogene Netzwerke bilden die Machtelite des Landes.

Olavo Bettencourt ist Inhaber einer Medien- und Werbeagentur und als Kommunikationsberater bei Brasiliens Machtelite bestens vernetzt. Auf seinen Namen laufen auch diverse Schwarzgeldkonten für hohe Regierungsmitglieder. Er ist ein gieriger Machtmensch, vor allem auch in Bezug auf seine Frau Mara. Diese ist eine ehemalige Schönheitskönigin und Escortdame aus ärmlichen Verhältnissen, die in Bezug auf den Luxus, den ihr Mann ihr bietet, alles erreicht hat. Doch zunehmend verachtet sie ihren Mann und ihr fremdbestimmtes Leben.

Zahlreiche weitere Figuren begleitet der Autor durch die relativ kurze Geschichte, die – mit einigen Rückblenden – nur etwa einen knappen Tag erzählt. Darunter sind der Chauffeur und Leibwächter, seine fast erwachsene Tochter Barbara, die Köchin und Mutter des entführten Jungen und die Entführer, eine zusammengewürfelte, unangenehme Ansammlung ehemaliger Geheimpolizisten und Militärangehöriger aus diversen südamerikanischen Diktaturen.

Damit wird deutlich, dass sich der Autor sehr um seine Figuren kümmert, Gefühle und Emotionen darstellt, auch Musik spielt eine Rolle im Roman. Dadurch vernachlässigt er für meinen Geschmack aber doch etwas den Plot, der ein wenig dürftig daherkommt. Die Entführung, das Katz-und-Maus-Spiel von Bettencourt, die drohende Korruptionsenthüllung, all das hätte man noch deutlich mehr nutzen können.

Hier vergibt der Autor aus meiner Sicht die Chance auf mehr Spannung und Intensität. Überzeugend ist Der stumme Zeuge bei den Figuren und bei der Darstellung der Gesellschaftsverhältnisse von Korruption, Machtmissbrauch, Machismo und Armut. Obwohl die Geschichte im Jahr 1990 spielt, sind angesichts der aktuellen Meldungen aus Brasilien Parallelen zu den heutigen Verhältnissen vorhanden und vom Autor sicherlich beabsichtigt.

 

Rezension und Foto Gunnar Wolters.

 

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Der stumme Zeuge | Erschienen am 18. Juli 2016 bei Limes
ISBN 978-3-80902-658-7
224 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Edney Silvestre | Der letzte Tag der Unschuld

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2 Gedanken zu “Edney Silvestre | Der stumme Zeuge

    1. Im Nachhinein überlege ich, ob ich etwas zu hart war, aber ich fand halt, dass man aus der Story noch wesentlich mehr (vor allem Spannung) hätte herausholen können.

Gedanken dazu

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