Jef Geeraerts | Der Generalstaatsanwalt

„Vermutlich bist du auf dem Laufenden bezüglich des Problems mit dem Vater unseres Numerarier-Kandidaten Didier Savelkoul?“
„Bis ins kleinste Detail.“
„Hast du vielleicht einen Vorschlag für eine angemessene Lösung?“ […]
„Zuerst wird diese puta destabilisiert, und danach gibt es eine kleine Erpressung. Dieser Herr ist sehr verwundbar, weißt du…“
„Ist er korrupt?“
„In Belgien ist dieser Begriff, wie soll ich sagen, äh…. ziemlich dehnbar, aber doch, er ist korrupt. Auf mehr als einem Gebiet. […] (Auszug Seite 51)

Albert Savelkoul ist der Generalstaatsanwalt von Antwerpen. Er hat sich in seinem Posten eingerichtet, gehört zur Hautevolee, zu einem Netzwerk von Gefälligkeiten und Machtmissbrauch. Er besitzt ein Schwarzgeldkonto in Genf und eine Geliebte samt Reiterhof im Kempenland. Savelkoul ist quasi unantastbar. Doch auf einmal beginnt sich der Wind zu drehen: Ein Erpresser meldet sich und droht, sein Tête-à-Tête auffliegen zu lassen. Kampflos will Savelkoul sich nicht ergeben, sein Gegner ist aber mächtiger als gedacht.

Autor Jef Geerearts war so etwas wie das „enfant terrible“ der belgischen Literaturszene. Geeraerts (Jahrgang 1930) war Jesuitenschüler und ab 1954 für sechs Jahre Kolonialbeamter in Belgisch-Kongo. Seine Rückkehr nach Belgien war mit einer tiefen Lebenskrise verbunden und er begann das Schreiben. Nach seinen ersten Romanen waren es vor allem die ab 1968 veröffentlichten vier sogenannten Gangrän-Romane, die seinen Durchbruch bedeuteten und seinen Ruf als Provokateur begründeten. In diesen Romanen setzt er sich intensiv mit seiner Zeit als Kolonialbeamter auseinander. Seitdem schrieb Geeraerts insbesondere Kriminalromane, die sich intensiv mit Machtmissbrauch und Korruption in der belgischen Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, so unter anderem 1980 den Science-Fiction-Überwachungsstaat-Krimi „Die Coltmorde“. 1998 entstand in Reaktion auf die Vorgänge des Justizskandals um Marc Dutroux der vorliegende Krimi Der Generalstaatsanwalt. Geeraerts sah sich selbst übrigens „in erster Linie als Journalist“, der seiner Meinung nach wenig Fiktives erfindet, sondern Gesehenes erzählt. Er starb 2015 in Gent.

Albert Savelkoul, in den Sechzigern, ist ein Narziss wie er im Buche steht. Er hat es sich als Generalstaatsanwalt in seinem funktionierenden Netzwerk bequem eingerichtet, so dass er morgens dekadent mit einer Patience-Runde entscheidet, ob er nun den Tag im Büro verbringt oder bei seiner Geliebten Louise auf dem Reiterhof. Problematische juristische Fälle pflegt er manchmal auch außerhalb des Gerichts zur Zufriedenheit aller (und seines Schwarzgeldkontos) zu regeln. Doch aktuell hat er es trotz aller Annehmlichkeiten, die so ein exponierter Beruf so mitbringt, nicht so leicht: Ihn plagen Prostataprobleme und er hat den Verdacht, dass seine Geliebte das Interesse an ihm verliert. Doch bald muss er feststellen, dass er noch viel größere Probleme bekommt: Seine Frau Amandine ist eine Sympathisantin des Opus Dei. Einer ihrer Söhne soll als Numerarier dem Orden beitreten. Zudem möchte sie ihren Söhnen ihren Adelstitel vererben, auf den seit der Heirat mit Savelkoul keinen Anspruch mehr haben. Dafür benötigt sie die Hilfe des Opus im Dunstkreis des belgischen Königs. Dies lässt sich der Opus aber teuer bezahlen, ihren Teil des Familienvermögens muss Amandine sofort abtreten. Doch den Vertreten des Opus ist das nicht genug, sie wissen von dem Schwarzgeldkonto und planen eine Erpressung.

Opus Dei – war da nicht mal was? Ja, genau, das ist diese fiese Mörderbande aus Dan Browns Sakrileg. Den Opus gibt es natürlich tatsächlich und er ist durchaus nicht unumstritten. Die extrem rechtskonservative Haltung und das enorme Machtbewusstsein der Organisation spielen auch in diesem Roman eine unrühmliche Rolle. Überhaupt ist dieses Buch ein Festival der Unsympathen – da ist man fast schon geneigt, mit dem „armen“ Savelkoul mitzufiebern.

Der Generalstaatsanwalt ist ein scharfzüngiger, bitterböser Mix aus Gesellschaftsroman, Krimi und Politthriller. Autor Geeraerts zeichnet dabei üppige, zumeist wenig schmeichelhafte Porträts. Schade, dass man sich in Belgien so wenig auskennt, da sich hinter der ein oder anderen Figur vermutlich auch reale Personen verbergen. Insgesamt ergibt dies ein knallhartes, aber auch überspitzt-boshaftes Sittenbild der belgischen Gesellschaft, deren Geschicke von korrupten Beamten, selbstsüchtigem alten Adel, dekadenten Neureichen und religiösen Fanatikern geleitet werden.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Der Generalstaatsanwalt | Erstmals erschienen 1998, die gelesene Ausgabe erschien 2002 im Unionsverlag, aktuell nur noch antiquarisch erhältlich
ISBN 978-3-29300-300-2 | 978-3-29320-288-7 (Taschenbuch-Ausgabe)
316 Seiten | 10,90 Euro (Taschenbuch-Ausgabe)
Bibliographische Angaben (Taschenbuch-Ausgabe) & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Spannungsliteratur aus den Niederlanden und Flandern.

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