Charles den Tex | Die Zelle

Das ist nicht mein Leben, was immer die anderen auch behaupten mögen. Es ist, als sei ich ein Fluss und als habe mich in der Nacht irgendjemand umgeleitet. Als flösse ich plötzlich durch ein anderes Land, eine unbekannte Gegend. Irgendjemand fährt mit einem Auto herum, das nicht mir gehört, aber auf meinen Namen zugelassen ist. In Monster, um genau zu sein. Das ist ein Anschlag auf meine Integrität. In Monster. Da bin ich noch nie zuvor gewesen. Da habe ich gar nichts zu suchen. Andere vielleicht, ich nicht.
ICH KENNE MONSTER NICHT!
Ich solle Ruhe bewahren, hat mir meine Anwältin geraten. Aber es gelingt mir nicht. Wenn ich nicht ganz schnell beweisen kann, dass ich Opfer eines Verbrechens geworden bin und nicht Täter eines anderen, dessen mich die Polizei beschuldigt, habe ich den Schwarzen Peter und ich kann nicht gut Karten spielen (Auszug Seite 79)

Der Unternehmensberater Michael Bellicher ist auf einer Landstraße unterwegs, als vor ihm ein Wagen schwer verunglückt. Die beiden Insassen kommen ums Leben, Bellicher ruft die Einsatzkräfte. Doch als die Polizei eintrifft und seine Personalien kontrolliert werden, wird Bellicher vom Zeugen zum Beschuldigten. Denn er wird wegen Fahrerflucht bei einem anderen Unfall gesucht, der mit einem Wagen verursacht wurde, der auf seinen Namen zugelassen ist.

Das Unfallopfer stirbt und Bellicher steckt mächtig in der Klemme. Aber die Hiobsbotschaften reißen nicht ab: Eine Bank meldet sich und erklärt ihm, dass er mit seinen Krediten in Rückstand ist. Dummerweise weiß Bellicher nichts davon, dass er für drei Millionen Euro ein verwahrlostes Haus und mehrere heruntergekommene Treibhäuser mitten im holländischen Gemüseanbauland gekauft haben soll. Und außerdem trachten plötzlich merkwürdige Gestalten nach Bellichers Leben.

Aber auch der erste Unfall, den Bellicher beobachtet hat, holt ihn wieder ein. Die Opfer waren nämlich Bas Hoogemans und sein Chauffeur. Hoogemans war der Vorsitzende einer Untersuchungskommission zur Verwendung von Integrationsbeihilfen und offenbar sehr erfolgreich im Aufspüren von fehlgeleiteten Mitteln, die teilweise nicht zur Integration benutzt, sondern im Gegenteil von Islamisten zweckentfremdet wurden.

Autor Charles den Tex zählt zu den erfolgreichsten niederländischen Krimiautoren des 21. Jahrhunderts. Wie sein Protagonist Michael Bellicher arbeitete auch er als Kommunikations- und Managementberater. Er gewann 2002 und dann sowohl mit dem ersten Michael-Bellicher-Thriller Die Macht des Mr. Miller 2006 als auch mit Die Zelle im Jahr 2008 den niederländischen Krimipreis Gouden Strop. Seine Bücher erscheinen im Dortmunder Grafit Verlag.

In seinem Thriller lässt der Autor Michael Bellicher als Ich-Erzähler seine Geschichte erzählen. Dabei unterbricht er in regelmäßigen Abständen die Kapitel durch Einträge Bellichers in seinen persönlichen Blog. Der Plot ist zum einen natürlich eine Man-on-the-run-Story mit Bellicher auf der Suche nach seiner verlorenen oder besser gesagt kopierten Identität. Es geht um die Sicherheit des Einzelnen in der digitalisierten Welt, aber eben nicht nur. Zum anderen mischen in dieser Geschichte nämlich nicht nur Datendiebe mit, sondern auch Regierungsorganisationen, Militär, Nachrichtendienst und Terroristen.

Was mir besonders gut gefiel, ist, dass Michael Bellicher nicht als Einzelkämpfer agiert und wie ein Protagonist in so manchem anderen Thriller unrealistische Fähigkeiten entwickelt, sondern er erhält massive Unterstützung von Freunden und Familie, ohne die er völlig verloren wäre. So ist sein Freund und Firmenpartner Gijs Mitglied einer Familie mit erheblichem Einfluss in den Niederlanden und selbst mit diesem Einfluss wird es noch schwer genug. Aber die freundschaftliche Unterstützung, die Bellicher erhält, hat der Autor den Tex wohl bewusst als Kontrast zu der digital-anonymen Welt und den gesellschaftlichen Machtstrukturen gesetzt.

Ich tat, wie mir befohlen, und erduldete eine anale Untersuchung. Ein eingefettetes, flexibles Beobachtungsinstrument wurde in mich hineingeschoben. Der Mann blickte das Bild auf dem Monitor an, während er das Instrument hin- und herbewegte. Was ich dort verbergen sollte, war mir schleierhaft. Danach wurde ich nicht gefragt. Das Gefühl für die Absurdität der ganzen Operation wich nun der Angst. Nackt in einem Zimmer mit einem Militärarzt, der mir in den Arsch guckte – nein, ich hegte keinerlei Illusionen mehr über das Ziel der ganzen Aktion. Wenn ich in diesem Moment vor Nervosität einen fahren gelassen hätte, hätten mich die Soldaten auf der Stelle erschossen, aus Angst, ich könnte Senfgas pupsen. Der Kampf gegen den Terrorismus war ein Krieg, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. An jedem erdenklichen Ort. Aber mein Anus war der letzte Ort, der mir dabei in den Sinn gekommen wäre. (Seite 298-299)

Die Zelle ist ein fulminanter Actionthriller über die Risiken des digitalen Zeitalters, aber darüber hinaus eine Zustandsbeschreibung unserer gesellschaftlichen und demokratischen Verhältnisse. Zusätzlich machen starke Figuren, viel Tempo und rasante Action (unter anderem eine Autoverfolgungsjagd mitten durch die Treibhäuser) das Buch zu einem hervorragenden Roman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Die Zelle | Erstmals erschienen 2008, die gelesene Ausgabe erschien 2009 als gebundene Ausgabe im Grafit Verlag, aktuell ist die Taschenbuchausgabe erhältlich, die Angaben beziehen sich auf diese Taschenbuchausgabe
ISBN 978-3-89425-564-0
446 Seiten | 11,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein Wochenende mit … Spannungsliteratur aus den Niederlanden und Flandern.

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