Joan Weng | Feine Leute

20:43 Uhr und noch immer kein Paul. […]
Wo blieb er nur?
Was, wenn er gar nicht kam?
Wenn er womöglich Willi schickte?
Und Carl war so gut präpariert. Gestern Nacht noch, gleich nach dem Gespräch mit Paul, war er nach Hause gestürmt und hatte angefangen zu recherchieren. Bedauerlicherweise hatte er dabei zwei Stück Baumkuchen mit Schlagsahne und eine Bonboniere voll Nougat gefuttert, aber nun kannte er wenigstens jedes Detail, das über den Straumannmord je in einer Berliner Zeitung gedruckt worden war. Vom Rätsel des verschobenen Sessels bis zur ungewöhnlichen Tatwaffe, er wusste alles!
Ha, Paul würde schon sehen! (Auszug Seite 72-73)

Der reiche Großgrundbesitzer Gottlieb Straumann wird in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden. Der mutmaßliche Mörder ist schnell gefunden, sein Verwalter Max Beyer war kurz zuvor im Zimmer, ist der Liebhaber von Straumanns Gattin Beatrice und bei ihm wird zudem auch noch die Tatwaffe gefunden. Trotzdem ist Kommissar Paul Genzer irgendwie nicht zufrieden, dieses Gefühl verstärkt sich noch, als Beatrice Straumann wenig später an einer Überdosis verstirbt.

Bei seinen Ermittlungen erhält Genzer unerwartete Hilfe. Diese Hilfe kommt von Comte LeJuste alias Carl von Bäumer, seines Zeichens UFA-Star und Leinwandkommissar. Carl und Paul sind nämlich (selbstredend heimlich) liiert, haben aber gerade (oder vielleicht auch permanent) ein paar Beziehungsprobleme, da Carl gerade von der Presse eine Affäre angedichtet bekommen hat. Carl sitzt also mit Koks verschnupfter Nase beim Nachmittagstee bei seiner Schwester, die ihm so manche Details von Familie Straumann erzählt. Man kennt sich halt unter den Junkern Ostpreußens. Da kommt Carl eine nette Idee: Er als Comte LeJuste könnte doch Paul bei den Ermittlungen behilflich sein und damit auch die Unstimmigkeiten zwischen ihnen bereinigen.

Eigentlich ist Cozy Crime nicht mehr so meine bevorzugte Untergattung. Aber für diesen Roman habe ich es mal wieder versucht. Ein proletarischer Kommissar erhält bei seinen Ermittlungen Unterstützung durch einen adligen Filmstar. Das Ganze in den Goldenen Zwanzigern in Berlin. Hätte doch trotzdem ganz passabel werden können. Hätte. Denn dieser historische Kriminalroman war vor allem eins: Langweilig. Schon das Setting hat mich nicht völlig überzeugt. Die Autorin pickt sich immer wieder einzelne interessante Schauplätze heraus (zum Beispiel ein Szenelokal, Unterweltspelunke oder Varietétheater), die sich aber irgendwie nicht zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Das Geschehen spielt im Mai 1925, aber es werden keine aktuellen Ereignisse, sondern nur die üblichen Stimmungen aus den Jahren davor verarbeitet.

Des Weiteren krankt das ganze Buch unter der großen Raum einnehmenden Beziehung zwischen Paul und Carl, was erheblich zu meinem größer werdenden Verdruss beigetragen hat. Warum kann eine homosexuelle Beziehung nicht halbwegs normal dargestellt werden? Stattdessen ein permanentes Drama, Eifersucht, Versöhnung, wieder Streit und das alles in einem jugendlich-naivem Ton und noch nicht mal amüsant. Auch die übrigen Figuren bewegen sich immer nahe am Rande des Klischees oder sind sogar über den Rand hinaus. Der Fall an sich tritt dadurch ziemlich in den Hintergrund und die ganze Konstellation ist auch ziemlich verworren. Am Ende zaubert Autorin Joan Weng gar eine Auflösung in Doyleschem Stil aus dem Hut (wenn man die erste Seite des Romans noch in Erinnerung hatte, ist es aber auch nicht mehr so überraschend).

So schleppt sich Feine Leute dahin. Kein Tempo, keine Spannung und auch ansonsten wenig Grund zur Begeisterung. Angeblich war das der Auftakt zu einer Serie. Sorry, aber ich bin raus.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Feine Leute | Erschienen am 12. Februar 2016 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-74663-175-2
336 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Weimarer Republik.

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2 Gedanken zu “Joan Weng | Feine Leute

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