Volker Kutscher | Der stumme Tod

März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin. Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer – und Stummfilmstars.

Volker Kutscher hat die 30er Jahre der Weimarer Republik als Hintergrund für seine Kriminalromane um den Kölner Kommissar Gereon Rath gewählt, den es nach Berlin verschlägt, jener Stadt, die für Kutscher eine mindestens ebenso spannende Kulisse abgibt wie die amerikanischen Metropolen, in denen die von ihm geliebten Gangstergeschichten Hammetts und Chandlers sich abspielen. Dabei verfolgt der Autor einen ehrgeizigen Plan, er will einen weiten Bogen schlagen, auch über die Weimarer Zeit hinaus bis ins Jahr 1936, wenn die Reichshauptstadt und Hitler-Deutschland Gastgeber der Olympischen Spiele sein werden, soll sein Ermittler in jedem Jahr ab 1929 (in dem sein Erstling Der nasse Fisch spielt) einen Fall in acht Romanen lösen(inzwischen hält Kutscher es für durchaus denkbar, dass es vielleicht noch weiter geht) und nebenbei die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen jener Epoche beobachten.

Aus zahlreichen Interviews ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass Kutscher durch zwei Filme zu seinem Projekt inspiriert wurde: Road to Perdition und M, Das ist nicht so unmittelbar nachzuvollziehen. Klar, beide Filme spielen im Jahr 1931, aber das ist tatsächlich der einzige Bezugspunkt zu Kutschers Romanen. Fritz Langs großartiges Werk, einer der ersten deutschen Tonfilme, ist wenigsten zum Teil und unter anderem Thriller, Gangster- und Detektivfilm, er schildert die Jagd nach einem Kindermörder, die zunächst von den Berlinern selbst ausgeht, deren Angst und Misstrauen sich zur Massenhysterie steigern und dafür sorgen, dass jeder jeden verdächtigt und der Mob schließlich die Denunzierten verfolgt. Erst als eine Ermittlergruppe der Polizei und eine Bande von Unterwelt-Bossen parallel nach dem Mörder fahnden, wird dieser gefasst.

Der Film verweist auf reale Serienmörder, von denen es in der Weimarer Zeit einige gab, allen voran der „Vampir von Düsseldorf“ Peter Kürten, an dessen Verhaftung Ernst Gennat maßgeblich beteiligt war, der berühmte Berliner Kommissar, der auch in Kutschers Romanen eine Rolle spielt. Fritz Lang wirft in M auch einen Blick auf die gesellschaftlichen Zustände und Strömungen zu Beginn der 30er Jahre, er fängt das Klima der Weimarer Zeit am Vorabend der Nazi-Herrschaft ein. (Wie im Übrigen auch der im gleichen Jahr angelaufene Film Emil und die Detektive von Gerhard Lamprecht nach Erich Kästner, dessen Fabian, auch mit wunderbarem Zeitkolorit, ebenfalls 1931 erschien).

Road to Perdition, der Film von Sam Mendes aus dem Jahr 2002, ist allerdings gerade keine Gangsterballade, kein Mafia-Epos, auch wenn die Cosa Nostra in Chicago eine Rolle spielt, sondern vor allem ein Drama um Reue und Rache, Vertrauen und Verrat, eine Familiengeschichte um einen Vater-Sohn-Konflikt, optisch brilliant, formal famos, aber eben kein Kriminalfilm, und alle zeitgeschichtlichen Bezüge treten völlig in den Hintergrund, eine Schilderung des Milieus, ein Einfangen des besonderen Zeitgefühls, der Stimmung der Epoche ist kein Thema.

Das ist bei Kutscher leider ähnlich, absolut im Vordergrund steht für ihn der fiktive Krimiplot, den Zeitgeist fängt er, wenn überhaupt, ziemlich einseitig ein, indem er vor allem die progressiven, fortschrittlichen Aspekte der Großstadt zeigt, die Errungenschaften innovativer Technik, die künstlerische Vielfalt in der „kulturellen Welthauptstadt“ Berlin, die moderne, luxuriöse Lebensweise der feinen Gesellschaft, das radikale, provozierende Auftreten der künstlerischen Avantgarde, das glamouröse Nachtleben zur Blütezeit der Kabaretts und Varietés, der Operettenhäuser und der Tanzpaläste und prachtvollen Kinosäle.

Wenig ist hingegen zu sehen oder zu spüren vom erbärmlichen Leben der vielen durch die Weltwirtschaftskrise von 1929 in bitterste materielle Not gestürzten Menschen, dem sozialen Elend in den beengten, düsteren Mietskasernen, dem Leid der Ärmsten in den Hinterhöfen, der kümmerlichen Existenz tausender Bettler. Eine Schilderung dieser Zustände spart Kutscher weitestgehend aus, wie auch eine eingehendere Betrachtung der gefährlichen politischen Entwicklungen fast gänzlich unterbleibt, die sich mittlerweile bereits in äußerst brutalen Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Lager, in Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten ganz augenscheinlich manifestiert. Leider gelingt es Kutscher nicht, die Dreißiger-Jahre-Stimmung einzufangen, die Atmosphäre der Zeit, das Gefühl, und leider rückt die Betrachtung oder Bewertung der politischen Situation völlig in den Hintergrund, was allerdings auch der Haltung seines Kommissars geschuldet ist.

Im vorliegenden zweiten Band der Reihe befinden wir uns im Jahr 1930, die Beisetzung Horst Wessels steht bevor und Gereon Rath soll die Veranstaltung, bei der mit Krawallen zu rechnen ist, beobachten. Aber er drückt sich vor dieser Aufgabe, politisch ist er völlig indifferent, er hält sich heraus, die Kämpfe zwischen den Parteien sind ihm gleichgültig, die gesellschaftlichen Umbrüche, die sich abzeichnen, ignoriert er ebenso wie manche Anweisung seiner Vorgesetzten. Die wollen ihm nach einem üblen Streit mit einem Kollegen, bei dem Rath handgreiflich wurde, seinen aktuellen Fall abnehmen, aber Rath versteht es, sich allen Kontrollen und Kontaktaufnahmen durch den verhassten Oberkommissar Böhm, der „Bulldogge“, zu entziehen. Und so ermittelt er mehr oder weniger im Alleingang und mit zweifelhaften Methoden im „Fall Winter“, einer bei Filmaufnahmen zu Tode gekommenen Schauspielerin.

Es ist die Zeit eines großen Umbruchs: Der Stummfilm liegt in den letzten Zügen, die ersten Tonfilme werden produziert, und die gesamte Branche streitet erbittert über den wahren Weg der Filmkunst. Regisseure halten stur am alten Format fest oder stürzen sich begeistert auf die neuen, ungeahnten Möglichkeiten, Schauspielerinnen und Schauspieler sehen sich am Ende oder wittern ihre Chance, Produzenten bangen ums Überleben, Kinobesitzer fürchten die Kosten der neuen Technik, das Publikum ist noch unentschieden – eine spannende Zeit, ein interessantes Thema, welches folgerichtig von einigen Krimiautoren aufgegriffen wurde.

Der stumme Tod führt Gereon Rath in die Studios einer der ersten deutschen Tonfilm-Produktionen, bei den Dreharbeiten wurde eine Schauspielerin von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, stellt sich bald als perfider Anschlag heraus, und als eine zweite Schauspielerin spurlos verschwindet und wenig später ermordet aufgefunden wird, macht in der Presse bereits das Gerücht von einem Serienmörder die Runde. Aber nicht nur seine Vorgesetzten und die Vertreter der schreibenden Zunft machen Rath Ärger, auch sein Vater, der dominante, einflussreiche Kriminaldirektor, zu dem Gereon ein eher gespanntes Verhältnis in Form einer Art Hassliebe unterhält, sorgt für weitere Probleme. Sein Freund Konrad Adenauer steckt in Schwierigkeiten, und Engelbert Rath hat ihm versprochen, dass sein Sohn sich kümmern wird. Adenauer arbeitet gerade an einem Geheimvertrag mit der Ford Company, um den Autobauer von Berlin nach Köln zu locken, was ein Erpresser verhindern will. Der hat vor, krumme Börsengeschäfte des Kölner Oberbürgermeisters öffentlich zu machen, was seine anstehende Wiederwahl ziemlich sicher verhindern würde.

Sowohl die Affäre um Adenauers unglückliche „Glanzstoff“-Aktiengeschäfte als auch der dann erfolgreiche Vertragsabschluss mit Ford sind historisch völlig korrekt wiedergegeben, sind aber im Zusammenhang mit der eigentlichen Geschichte ausgesprochen entbehrlich, ja, absolut fehl am Platz. Die Nebenhandlung, in der Gereon den Erpresser schließlich entlarvt und mundtot macht, unterbricht und hemmt den Plot mehrfach und nimmt letztlich so viel Raum ein, dass sie ausgesprochen störend wirkt. Das gilt gleichermaßen für einige weitere nicht notwendige und einigermaßen unrealistische Randfiguren, verzichtbare Nebenschauplätze und unerhebliche Handlungsfäden, ganze Kapitel, die Belangloses, Unwichtiges und nur mitunter wenigstens Unterhaltsames liefern. Ja, im Jahr 1930 zählte man tatsächlich den millionsten Besucher auf dem Berliner Funkturm, aber muss das denn ausgerechnet Gereon Rath sein? Nicht nur diesen Ausflug hätte er uns ersparen können, wie auch einige seiner ungezählten Besuche in „Aschingers Bierquelle“ oder dem „Nassen Dreieck“.

Und das er sich alle paar Buchseiten eine Overstolz anzündet, was soll’s? Er raucht wie ein Schlot, säuft wie ein Loch und ist auch anderen Drogen nicht unbedingt abgeneigt, in jeder Hinsicht ein absolut unangenehmer Zeitgenosse, der nicht von Ungefähr Probleme überall in seinem Umfeld hat. Für Kutscher muss sein Gereon Rath kein strahlender Held sein, und für mich als Leser auch nicht, so erwarte ich gar nicht, dass sich der Kommissar immer politisch korrekt verhält, aber wenigstens doch korrekt, und nicht korrupt, total unkollegial, ungehobelt gegenüber Frauen und unloyal gegenüber Vorgesetzten, ein solcher Kotzbrocken der lügt und betrügt ist mir dann doch etwas zu platt, zu glatt, zu plan und zu plakativ.

Nur in seinem Verhältnis zu Charlotte „Charly“ Ritter, einer Kollegin, in die er hoffnungslos verliebt ist, erscheint Gereon in einem anderen Licht, er, der eigentlich beziehungsunfähig ist, zeigt sich einfühlsam, verletzlich, sensibel und manchmal schwach gegenüber seiner großen Liebe, die intelligent ist, unerschrocken, selbstsicher, emanzipiert und die ihm mitunter die kalte Schulter zeigt. Die unberechenbare, unbeständige Beziehung der beiden bleibt offenbar auch in Zukunft spannend, eine Konstante für die weiteren Romane um Gereon Rath. Dass aber ein Hündchen eingeführt wird, um seine empfindsame Seite aufzuzeigen, gehört zu den Dingen, die Kutscher uns besser erspart hätte. Der Kommissar findet das Tier verlassen in der Wohnung einer Ermordeten und kümmert sich nun rührend und rund um die Uhr um „Kirie“, wie der Leser in allen Einzelheiten und über viele Seiten lesen muss. Wieder und wieder verschlingt der niedliche Mischling Buletten, Kapitel für Kapitel geht der Kommissar mit seinem Schützling Gassi, aber das sind nicht die einzigen Wiederholungen, Kutscher neigt dazu, Szenen noch einmal und immer noch einmal darzustellen, leicht abgewandelt, aus einer anderen Perspektive, an einem anderen Tag, in der Erinnerung, und das häufig mit banalen Bildern, mit Floskeln und Gemeinplätzen, das tut dem Plot nicht gut und macht das Lesen stellenweise zur Strapaze. Erst im letzten Viertel des Buches, man weiß schon, wer der Mörder ist, kommt ordentlich Tempo in die Erzählung, Kutscher hat sich für den Schluss einiges aufgespart, es gibt Überraschendes, manches ein wenig weit hergeholt, einiges unwahrscheinlich, ein paar Fragen bleiben unbeantwortet, aber das ist alles in Ordnung, das Ende versöhnt. Dennoch für diesen zweiten Auftritt des Kommissars Gereon Rath nur 3 Sterne.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

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Der stumme Tod | Erschienen am 20. April 2010 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-46204-212-2
544 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Weimarer Republik.

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2 Gedanken zu “Volker Kutscher | Der stumme Tod

  1. Mh, schade. Der Inhalt und der Titel haben mich im ersten Moment richtig neugierig gemacht, aber es überwiegen für mich dann doch die negativen Aspekte :/

Gedanken dazu

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