Christoffer Carlsson | Der Lügner und sein Henker Bd. 3

Der Lügner und sein Henker, spannender Abschluss der Leo-Junker-Trilogie

Aber wer weiß, ob dies wirklich das Ende ist…

Christoffer Carlsson nimmt im dritten Teil seiner Romanserie um den charismatischen Polizisten Leo Junker einige alte Handlungsfäden wieder auf und verknüpft die losen Enden zu einem feinen Gespinst, in dessen Muster mehr und mehr von den Verbindungen und Bezügen einiger Personen und Geschehnisse zueinander erkennbar werden, bisher unvollendete Erzählstränge zu Ende geführt werden und vage und unbestimmte Gedanken der ersten beiden Bücher ihre Erklärung finden.

Diesmal steht Charles Levin im Mittelpunkt der Geschichte, der „Meister, Wächter, Lügner, Freund“ – wie die Übersetzung (wieder hervorragend besorgt von Susanne Dahmann) des Originaltitels lautet. Der Mann, der Leo Junker ein wichtiger Wegbegleiter war, ein Freund und Ratgeber, sein Mentor in schwierigen Zeiten, derjenige, der ihn zu Beginn seiner Karriere bei der Kriminalpolizei unter die Fittiche nahm. Der Leser der beiden Vorgänger-Romane weiß um seine Rolle im Leben Leos, der Name Charles Levins wird verschiedentlich erwähnt, aber Einzelheiten, genauere Berichte über diese besondere Beziehung der scheinbar so unterschiedlichen Weggefährten gibt es nirgends… bis jetzt. Und die Aufzählung der Eigenschaften Levins macht deutlich, welch vielschichtiger Charakter dieser Mann ist.

Oder besser: war. Charles Levin ist tot, jemand hat ihn brutal ermordet, mit einem Kopfschuss hingerichtet. Vordergründig geht es nun um die Aufklärung dieses Verbrechens, an der sich natürlich unerwünschter- und unerlaubterweise auch Leo Junker beteiligt, denn der hat eigentlich seinen ersten Urlaubstag. Zwangsurlaub, weil er noch immer schwer tablettenabhängig ist und sich einer Therapie unterziehen soll. Als ihn die Nachricht vom Tod Levins überrascht, macht er sich sofort auf den Weg nach Bruket, einem verschlafenen Nest in der schwedischen Provinz, wohin sich sein früherer Vertrauter nach vielen Jahren wieder zurückgezogen hatte, dorthin, wo er früher lebte und wo er nun umgebracht wurde.

Leo versucht, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen und erkennt, dass er wenig weiß von Levin, der niemals ein Freund war sondern eher ein Vorbild, und von dem jetzt, je mehr offene Fragen beantwortet werden, auch immer mehr unerwartete Eigenschaften zutage treten, unerfreuliche Charakterzüge, die man bei ihm nicht vermutet, unschöne Details von Aktionen und Handlungen, die man ihm so sicher nicht zugetraut hätte. Und so wird klar, dass dieser unbekannte Charles Levin mit all seinen Schattenseiten sich durchaus einige Feinde gemacht hat. Und bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es bei Christoffer Carlsson keine einzige ganz und gar positive, durchweg sympathische Figur gibt, allesamt haben sie mindestens ihre Macken und Makel, vielfach dunkle Geheimnisse, buchstäblich Leichen im Keller.

Die Geschichte hinter diesem vordergründigen Mordfall trägt sich in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu, eine Spionagegeschichte um unterschiedliche Geheimdienste, ihre zwielichtigen Agenten und noch undurchsichtigeren informellen Mitarbeiter, eine spannende Geschichte, in die auch Levin mit seinem damaligen Kollegen Paul Goffmann verwickelt ist, die Leser von Schmutziger Schnee erinnern sich an den undurchsichtigen Mann von der Sicherheitspolizei.

Es ist eine ziemlich vertrackte Vorgeschichte zu den gegenwärtigen Ereignissen um Leo Junker, verwirrend zuweilen und mitreißend zugleich, weil neben der beruflichen auch die private Situation Levins beleuchtet wird, sein Eheleben und das schwierige Verhältnis zur Tochter Marike, von deren Existenz Leo gar nichts ahnte. Und es wird erzählt von krummen Touren der Beamten, von Gesetzesübertretungen, Straftaten, von brutalen Übergriffen und grausamen Verbrechen, in dieser Konsequenz schockierende Einblicke in die dubiosen Methoden und abgebrühten, einstudierten Verhaltensweisen mit teils brutalen Szenen, die den Leser ratlos, zornig, vielleicht entsetzt zurücklassen.

Nein, zimperlich sind die Beamten nicht, den Polizeiapparat und seine Mitarbeiter jedenfalls rückt Carlsson in kein gutes Licht, und ständiges Kompetenzgerangel, fiese Ränke und persönliche Antipathien mit dem einen oder anderen hinterhältigen Komplott, das die Ermittlungen oft genug behindert, tun ein Übriges, um eine pessimistische, ja deprimierende Grundstimmung zu schaffen. Die zieht sich eigentlich durch die gesamte Leo-Junker-Trilogie, gleichzeitig ist die Geschichte von Anfang bis Ende höchst spannend und komplex, zeitweilig verwirrend, aber nie verworren sondern bei allen Sprüngen in Zeit und Perspektive nach einem geistreichen Plan sehr geradlinig aufs Ziel und Ende hin konstruiert.

In der Gegenwart befinden wir uns im Juni 2014, und spielte sich das Geschehen der vorhergehenden Folge noch in einer bitterkalten Adventszeit ab, während der Lichterfeste und Lucia-Umzüge, so ist es diesmal schwül-heiß, der midsommarafton ist angebrochen, man ist mit den Vorbereitungen auf das Fest beschäftigt. Auch die Beamten der kleinen Polizeistation in Bruket sind wenig begeistert, ausgerechnet jetzt einen Mord aufklären zu müssen. Leo trifft auf die Ermittlerin Tove Waltersson, die Schwester jenes Polizisten, den er bei einem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz einst aus Versehen erschossen hat, ein Trauma, das der Grund für seine Alkohol- und Tablettensucht ist. Tove hat den Tod ihres Bruders nie verwunden und würde Leo am liebsten umbringen, und fast schlägt sie ihn wirklich tot. Dann aber versucht das durch eine schicksalhafte Fügung zusammengeführte Duo gemeinsam die Hintergründe zu dem grausamen Mord an ihrem geheimnisvollen Kollegen offen zu legen, was sich durchaus als schwierig erweist. Schließlich gibt es einige Theorien über den möglichen Tathergang und somit auch mehrere Verdächtige, aber alle Spuren verlieren sich letztlich im Ungewissen, auch wenn der Leiter des örtlichen Ermittlerteams sich bald auf einen Täter festlegt und weitere Nachforschungen am liebsten unterbinden möchte.

Leo allerdings will unbedingt die ganze Wahrheit herausfinden, und die Suche führt zur Tochter Levins, Marike. Die ist völlig traumatisiert in Sankt Görans untergebracht, der forensischen Psychiatrie, in der auch Grim eingesperrt ist, Leos ehemals bester Freund, der ihn schließlich umbringen wollte, jener undurchschaubare, geheimnisvolle, gefährliche Grim, der auf diese Weise auch wieder in der Geschichte auftaucht. Denn Leo wie auch die offiziellen Ermittler brauchen ihn, der wie es scheint als einziger einen Zugang zu der ansonsten vollkommen verschlossenen Marika hat, und nur sie kann offenbar die letzten Antworten geben auf die Fragen zur Lösung des Rätsels um den gewaltsamen Tod ihres Vaters.

Dieses Rätsel wird letzten Endes gelöst, wie auch einige andere Fragen, die seit Beginn des komplizierten Dreiteilers offen geblieben sind, Verwicklungen und Verstrickungen, deren Anlass und Ausmaß bislang nur diffus angedeutet wurde und nun nach und nach offengelegt wird. Es ist nicht zwingend notwendig, aber ich empfehle, die Romane der Trilogie wirklich der Reihe nach zu lesen, auch wenn dies nicht unbedingt die chronologische Reihenfolge des gesamten Geschehens um die Hauptfiguren ergibt, von denen viele in allen drei Büchern ihren Auftritt haben. Das klingt möglicherweise verwirrend, ist es auch, aber das ist den vielen Vor- und Rückblenden geschuldet, manch einer Neben- oder Rahmenhandlung, die oft lange auf ihre Auflösung wartet, wilden Zeitsprüngen und abrupten Perspektivwechseln von Kapitel zu Kapitel, wobei der Leser regelmäßig mit dramatischen Entwicklungen und offenen Fragen allein gelassen wird, ein durchaus mitreißender Stil also.

Dabei erzählt Carlsson fast durchgehend in hohem Tempo, die Kapitel sind kurz, sehr kurz zum Teil, am Schluss des Romans haben sie nur noch leere Seiten, das sind die Szenen, die Leo zwischen Leben und Tod zeigen, bei denen Traum und Wirklichkeit sich vermischen und gerätselt werden darf, wie es weitergeht.

Es darf vorweggenommen werden, auch im letzten Teil der Reihe gibt es ein atemberaubendes Finale, in dem es Leo wieder einmal schlimm erwischt. Aber er wird es überleben, und dann? Was wird aus Leo? Was mit Leo und Tove? Mit Leo und Sam? Mit Leo und Grim? Leos Geschichte könnte hier zu Ende erzählt sein, muss es aber nicht. Ich würde mich freuen, wenn sich Carlsson zu einer Fortsetzung entschließt, der (vorerst) letzte Band war nach einem kleinen Durchhänger im Mittelteil wieder so stark wie der erste!

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

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Der Lügner und sein Henker | Erschienen am 29. August 2016 bei Bertelsmann
ISBN 978-3-57010-234-3
448 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezensionen zu Band 1 Der Turm der toten Seelen  und Band 2Schmutziger Schnee der Trilogie.

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2 Gedanken zu “Christoffer Carlsson | Der Lügner und sein Henker Bd. 3

  1. Ich mochte sowohl den ersten als auch den zweiten Band und bin daher froh, dass dir der Trilogie-Abschluss so gut gefallen hat.

    Was mich allerdings extrem nervt, ist dass der Verlag beim dritten Band ein neues Coverdesign gewählt hat und dieser somit nicht mehr zu den ersten beiden Büchern passt… >:(

    1. Das habe ich auch nicht verstanden, muss aber auch sagen, dass ich nicht gefragt habe, wie es zu dieser Entscheidung kam.

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