Cormac McCarthy | Kein Land für alte Männer

Der Koffer war randvoll mit Hundertdollarnoten. Sie waren mit Banderolen, die den Aufdruck $10 000 trugen, zu kleinen Päckchen gebündelt. Er wusste nicht, wie viel es insgesamt war, hatte aber eine ziemlich gute Vorstellung davon. Er saß da, betrachtete das Geld, schloss dann den Deckel und verharrte mit gesenktem Kopf. Sein ganzes Leben lag da vor ihm. Tag für Tag, von morgens bis abends, bis zu seinem Tod. Alles konzentriert auf vierzig Pfund Papier in einem Aktenkoffer.
Er hob den Kopf und blickte hinaus auf die Bajada. Leichter Wind von Norden. Kühl. Sonnig. Ein Uhr nachmittags. Er betrachtete den Mann, der tot im Gras lag. Seine grauen Krokodillederstiefel, die mit Blut vollgesogen waren und schwarz wurden. Das Ende seines Lebens. Hier an dieser Stelle. Die fernen Berge im Süden. Der Wind im Gras. Die Stille. Er ließ die Schließe einrasten, schloss die Schnallen, stand auf, schulterte die Büchse, hob den Aktenkoffer und die Maschinenpistole auf, orientierte sich anhand seines Schattens und marschierte los. (Auszug Seiten 20-21)

Südwesttexas: Llewelyn Moss stößt bei der morgendlichen Antilopenjagd in der Wüste auf mehrere zerschossene Geländewagen und Leichen, offenbar ein missglückter Drogendeal. Er folgt einer Spur weiter in die Wüste, findet eine weitere Leiche – und einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar. Moss nimmt ihn an sich. In der Nacht kehrt er zurück, um seine Spuren zu verwischen. Ein Fehler, denn er wird erwartet. Er kann zwar fliehen, doch von nun an hat er einen gnadenlosen Verfolger – den psychopathischen Killer Anton Chigurh.

Cormac McCarthy, Jahrgang 1933, gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart und wird regelmäßig auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt. Seine Karriere begann 1965 mit dem Roman Der Feldhüter (erstmals im letzten Jahr ins Deutsche übersetzt), der endgültige Durchbruch gelang ihm 1992, als er mit dem Roman All die schönen Pferde den National Book Award gewann. Sein dystopischer Roman Die Straße gewann 2007 den Pulitzer-Preis. Seitdem hat er allerdings keinen Roman mehr veröffentlicht.

Seine Romane handeln regelmäßig von den existenziellen Fragen von Leben und Tod und sind oft naturalistisch geprägt. McCarthy schert sich außerdem wenig um die korrekte Interpunktion, Anführungszeichen sucht man beispielsweise vergeblich. Kein Land für alte Männer erschien erstmals 2005 und wurde bereits ein Jahr später von den Coen-Brüdern verfilmt. No Country for Old Men wurde (als düsterer Thriller eher ungewöhnlich) zum großen Gewinner der Oscars 2008 mit vier Trophäen. Besondere Beachtung fand dabei die schauspielerische Leistung von Javier Bardem als Anton Chigurh.

Sie können keinen Deal mit ihm machen. Ich sage es Ihnen nochmal. Selbst, wenn Sie ihm das Geld gäben, würde er Sie umbringen. Auf diesem Planeten lebt kein Mensch, der jemals auch nur ein unfreundliches Wort zu ihm gesagt hat. Sie sind alle tot. Das sind keine sehr sonnige Aussichten. Er ist ein eigenartiger Mann. Man könnte sogar sagen, er hat Prinzipien. Prinzipien, die über Geld und Drogen oder dergleichen hinausgehen. (Seite 141)

Die Story ist ein äußerst düsterer Mix aus Neo-Western, Thriller und Noir. McCarthy schreibt dabei in einem knappen, schnörkellosen Stil mit starken Dialogen. Den Beginn eines neuen Kapitels eröffnet der alte Sheriff Ed Tom Bell mit einer Art Vorwort, in dem er sein eigenes Leben, die Polizeiarbeit und das menschliche Zusammenleben im Vergleich früher zu heute reflektiert. Dabei wird deutlich, dass der integere Sheriff den aktuellen Entwicklungen, vor allem in Sachen Gewalt und Brutalität, irritiert gegenübersteht (was der Autor auch im Titel verdeutlicht).

Llewelyn Moss ist ein harmloser Außenseiter, Hobbyjäger, lebt in einem Trailer. Er ist der Mann auf der Flucht, der im Rahmen seiner Möglichkeiten alle Register zieht, um im Besitz des Geldes, aber letztlich am Leben zu bleiben. Aber angesichts seines Widersachers ist man als Leser von Anfang geneigt, ihm wenig Chancen einzuräumen. Der heimliche Star des Buches ist nämlich der Bösewicht. Anton Chigurh ist ein Killer, aber was für einer! Schon der Beginn des Buches lässt einen zusammenzucken, wie brutal, blutig und stoisch Chigurh einen Deputy, der ihn gerade festgenommen hat, mit gefesselten Händen umbringt. Am liebsten tötet er mit einem Bolzenschussgerät. Er tötet nicht, weil er muss, sondern aus Prinzip. Dabei entwickelt er jedoch keinerlei Hektik, er spielt sogar mit seinen Opfern. Was für eine diabolische Figur! Es entwickelt sich ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Chigurh und Moss beziehungsweise dem konsternierten Sheriff Bell. Dabei zieht Chigurh eine Blutspur durch den Südwesten Texas.

Kein Land für alte Männer ist insgesamt ein raues, düsteres Werk, das um die Frage nach dem Schicksal und der Moral kreist. Dabei erzeugt McCarthy eine deprimierende Atmosphäre, schildert die brutalsten Szenen mit kalter Lakonie, nimmt sich aber gleichzeitig Zeit für philosophisch-moralische Reflexionen in den Dialogen und den Erklärungen des Sheriffs. Für mich ein herausragender Roman, intensiv und kompromisslos.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Kein Land für alte Männer, erstmals erschienen 2005 | die gelesene Ausgabe erschien 2008 im Rowohlt Verlag | aktuell als Taschenbuchausgabe erhältlich:
ISBN 978-3-49924-288-5
288 Seiten | 8,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Filmtrailer No Country for Old Men

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4 Gedanken zu “Cormac McCarthy | Kein Land für alte Männer

  1. Bisher habe ich einen Bogen um Cormac Mc Carthy gemacht, auch deine wunderbare Rezension bestärkt mich darin, dass es keine Autor für mich ist. Die Verfilmung hat mich tatsächlich trotz aller künstlerischer Brillanz ziemlich abgeschreckt, so richtig mit Genuss zuschauen konnte ich nicht. Ginge mit den Büchern sicher ähnlich.

  2. Es ist schon sehr düster und abgründig. Zudem ist die Figur Chigurh mit normalen Maßstäben nicht zu fassen, aber das machte schon einen erheblichen Reiz für mich aus. Zu McCarthys anderen Romanen kann ich allerdings nichts sagen, das war mein erster von ihm.

  3. Oh, ich mochte den Film. Der hatte eindeutig was und deine Kritik sagt mir: Les endlich was von dem Autor. Danke für den Tipp :3

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