Sabine Thiesler | Bewusstlos

„Du lieber Himmel! Er hatte seine Sachen noch an. Das war völlig ungewohnt, denn normalerweise schlief er nackt.
Jetzt öffnete er erneut die Augen und hob den Oberkörper ein wenig an. Was er sah, brachte ihn fast um den Verstand: Vollständig angekleidet lag er in seinem Bett, und T-Shirt, Jacke und Jeans waren voller Blut. Tief durchtränkt und an manchen Stellen bereits getrocknet, hart und steif.
Fassungslos fuhr er sich mit den Händen durch die Haare und merkte zu spät, dass auch seine Haare blutverkrustet waren.“ (Auszug Seite 29)

Raffael hat im Alter von sieben Jahren seine Zwillingsschwester durch einen Unfall beim Spielen verloren. Danach war er traumatisiert und hat nicht mehr gesprochen. Seine Eltern Christine und Karl waren mit seinem Verhalten überfordert und gaben ihn in ein Internat. Mit sechzehn lief er aus dem Internat weg und baute sich ein eigenes Leben in Berlin auf. Er fand einen Job beim Theater als Bühnenbauer und ein Zimmer in der großen Wohnung einer alten Dame. Obwohl Raffael täglich schon am Vormittag betrunken war, läuft sein Leben einigermaßen geregelt. Bis er an einem Morgen mit blutdurchtränkten Klamotten aufwacht, sich an nichts mehr erinnern kann und kurz danach seinen Job verliert. Alles bricht ineinander zusammen und auch die Suche nach seinen Eltern macht es nicht besser.

Christine und Karl haben den Tod ihrer Tochter ebenfalls nicht verkraftet und konnten danach auch nicht für ihren Sohn sorgen, da er sich völlig in sich selbst zurückgezogen hat. Nach der Unterbringung im Internat haben sie den Kontakt zu Raffael nach und nach verloren und sich schlussendlich ein neues Leben in der Toskana aufgebaut. Sie haben ein altes Castello in traumhafter Lage gekauft, es liebevoll wiederaufgebaut und vermieten dort Gästezimmer. Sie haben ein drittes Kind zusammen bekommen, die jetzt sechsjährige Stella. Als Raffael plötzlich auftaucht, bringt er alles durcheinander.

Bewusstlos von Sabine Thiesler hat mich zwiegespalten zurückgelassen. Die Geschichte liest sich flüssig und interessant. Das Buch besteht aus mehreren Teilen. Einige Kapitel lang erzählt Christine ihrem Anwalt auf dem Kommissariat ihr ganzes Leben, von Raffaels Kindheit bis zu seinem Besuch in Italien. Der größte Teil des Buches wird aber aus Sicht von Raffael beschrieben. Erst sein Leben bei der alten Dame Lilo, bei der er wohnt und dann als er bei seinen Eltern ist. Der Protagonist Raffael ist mir aber zutiefst unsympathisch. Er ist alkoholsüchtig, launisch, laut, cholerisch und handgreiflich. Immer wieder eskalieren Situationen, weil ihn Kleinigkeiten stören. Nach und nach wird dem Leser preisgegeben, dass er eine Frau ermordet hat und deshalb das Blut an seinen Kleidern war. Raffael kann sich aber an rein gar nichts erinnern und ist sich deshalb keiner Schuld bewusst. Auch auf dem Anwesen seiner Eltern eskaliert die Situation mit einer Angestellten gehörig und nachdem Raffael seinen Rausch ausgeschlafen hat, weiß er davon nichts mehr. Beim Lesen habe ich mehrmals „was für ein kranker Typ“ gedacht. Die erwähnte ermordete Frau bleibt aber nicht das einzige Opfer und sie hat es wohl noch am harmlosesten getroffen. Was der Protagonist mit Lilo macht, verstört mich nachhaltig. Kann ein Mensch so skrupellos sein?

Sabine Thiesler wurde 1957 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und arbeitete danach als Theaterschauspielerin. Am Theater lernte sie auch ihren Mann kennen. Die Autorin synchronisierte außerdem viel und schrieb Drehbücher. Das Ehepaar zog sich unter anderem nach Italien zurück und dort schrieb Sabine Thiesler viele ihrer Thriller. Bis jetzt hat sie neun Thriller veröffentlicht, außerdem sind von ihr auch ein Sachbuch und zwei Kinderbücher erschienen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

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Bewusstlos | Erschienen am 10. Juli 2014 bei Heyne
ISBN 978-3-45341-531-7
528 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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