Denise Mina | Die tote Stunde

Die hübsche Blondine stand in der Tür zum Wohnzimmer und lauschte. Sie hatte einen schlanken Hals und feine Gesichtszüge, die Spitzen ihrer kinnlangen Haare waren rosa von Blut. Als sie Paddy im Spiegel sah, strich sie sich mit ihren schlanken Fingern die Haare hinters Ohr und gab so den Blick auf ihren blutigen Kiefer frei. Ein dünner scharlachroter Streifen verlief von ihrem Mundwinkel zum Kinn und weiter über ihren Hals bis zum Schlüsselbein, wo er den großen Lady-Di-Spitzenkragen ihrer weißen Bluse tränkte. (Auszug Seite 14)

Denise Mina entführt den Leser in Die tote Stunde in das Glasgow der 80er Jahre. Die junge Nachwuchs-Reporterin Paddy Meehan arbeitet bei den Scottish Daily News in der unbeliebten Nachtschicht und muss mit ihrem geringen Einkommen auch noch Eltern und Geschwister ernähren. Mit ihrem Fahrer Billy hört sie den Polizeifunk ab, um den Ermittlern zu den Einsatzorten zu folgen und kleine Polizeimeldungen zu schreiben. In einer bitterkalten Februarnacht wird sie in einer wohlhabenden Gegend Zeugin eines Falles von häuslicher Gewalt. Obwohl sie noch einen kurzen Blick auf die blutende Frau erhaschen kann, lässt sie sich genau wie die Polizisten vor Ort von dem eleganten Mann an der Tür abwimmeln. Sie nimmt sogar den 50 Pfund Schein an, da sie das Geld gut gebrauchen kann. Als sie am anderen Morgen erfährt, dass die Frau totgeschlagen wurde, meldet sie sich von Schuldgefühlen getrieben samt Bestechungsgeld bei der Polizei. Da ihre Aussage dort aber kein gesteigertes Interesse findet, beschließt sie, den Fall selbst aufzuklären.

Der Schlüssel zu diesem Verbrechen scheint die bildhübsche Schwester der Toten zu sein. Das verwöhnte Partygirl Kate ist in einem zweiten Handlungsstrang mit einem Kilo Kokain und total zugedröhnt auf der Flucht. Sie ist damit das absolute Gegenteil zu der Hauptprotagonistin, der 21-jährigen Paddy Meehan, die in ihrem Leben ständig kämpfen muss. Unsere dickköpfige Heldin ist schlau, eigenwillig, oft unsicher und kämpft ständig als Frustesserin mit den Pfunden und muss sich als einzige weibliche Journalistin in einer Männerdomäne durchsetzen.

Der Redaktionsalltag und die Familiensituation stehen im Mittelpunkt und nehmen einen großen Raum ein. Paddy ist die Alleinverdienerin, seit der Vater arbeitslos ist. Ihre katholische Familie kommt aus Irland und gilt schon deshalb als Außenseiter. Sie hängt sehr an ihrer älteren Schwester Mary Ann, deren Frömmigkeit sie nicht teilt. Ihrer strenggläubigen Mutter Trisha zuliebe, begleitet Paddy sie zu einer religiösen Bühnenshow in die Stadt mit Bands und Comedians. In der Garage hat sie sich einen Rückzugsort mit Ofen und Sessel eingerichtet und will hier einen Roman schreiben.

Die mollige Paddy Meehan in ihrem grünen Second-Hand-Ledermantel mit ihren Schwächen und Fehlern ist eine authentische Figur und das große Plus dieses Krimis. Auch die anderen Charaktere sind sehr lebensecht und realistisch gelungen und kommen ohne große Klischees aus.

Obwohl der Kriminalfall ungewöhnlich und spannend beginnt, hatte ich anfänglich Schwierigkeiten in die Geschichte reinzukommen. Überrascht musste ich feststellen, dass es sich bei dem vorliegenden Kriminalroman um die Übersetzung eines 10 Jahre alten Mittelteils einer Trilogie handelt. Die ständigen Hinweise auf den ersten Teil und die Geschichte um den „echten“ Patrick Paddy Meehan, einem Kleinganoven, der als Opfer eines Justizirrtums sieben Jahre einsaß und auch die holprige Übersetzung störten ein ums andere Mal den Lesefluss. Über große Strecken fehlte mir der Spannungsbogen und obwohl sich Paddy noch in große Gefahr begibt, kommt die Auflösung dann auch ziemlich unspektakulär daher.

Es war ihr erstes „Witwenschütteln“. Der Besuch bei der Familie eines Opfers und der Versuch, den Hinterbliebenen ein Foto des Toten abzuschwatzen oder zu stehlen, war das Schmutzigste und Furchtbarste, was ein junger Journalist tun musste. Selbst die Hartgesottenen unter den erfahrenen Journalisten erinnerten sich mit einem Schaudern an ihre ersten Versuche beim Witwenschütteln. (Seite 89)

Minas Kriminalgeschichte ist vielmehr eine präzise, schottische Milieustudie aus einer Industriestadt in den 80ern. Die Menschen bangen um ihre Arbeit und fühlen sich durch die Wirtschaftspolitik Margret Thatchers um ihre Zukunft gebracht. Es ist auch die Zeit des großen Zeitungssterbens. Während die ganz große Politik im Hintergrund bleibt, zeigt Denise Mina die Welt des kleinen Mannes. Wenn ihr detaillierter, düsterer Blick auf die Bewohner der Arbeiterviertel fällt, entsteht ein stimmiges Bild. Hier zeigt sich die ganze Klasse der in Schottland sehr erfolgreichen, preisgekrönten Krimiautorin, die hierzulande kaum bekannt ist.

Die promovierte Rechtswissenschaftlerin mit einem Lehrauftrag in Kriminologie schrieb bereits diverse Kriminalromane, verfasste einige Comics und ein Theaterstück.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Die tote Stunde | Erschienen am 13. Juni 2016 bei Heyne
ISBN 978-3-45343-492-9
448 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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