Volker Kutscher | Lunapark

Ein blaues Auge schaute ihn an. Kein kompletter Augapfel, eher eine Halbschale, gleichwohl perfekt gerundet. Rath musste unwillkürlich an das blutige Auge denken, das im Mülleimer des Sturmlokals gelegen hatte, und ihm wurde flau im Magen. Doch dieses Auge hier war anders. Hart und unerbittlich. „Daran ist er gestorben?“ Karthaus nickte. „Wie zum Teufel, Doktor, bekommt jemand ein Glasauge in seine Luftröhre?“ „Eine interessante Frage, Kommissar“, sagte der Gerichtsmediziner, „die zu beantworten dann wohl ihre Aufgabe sein dürft.“ (Auszug Seite 111)

Der Tote, der 1934 in Berlin unter einer Eisenbahnbrücke gefunden wird, trägt eine braune SA-Uniform und scheint auf brutalste Weise totgeschlagen zu sein. Der alarmierte Kommissar Gereon Rath trifft am Tatort auf seinen ehemaligen Untergebenen Reinhold Gräf. Dieser hat die Zeichen der Zeit erkannt und hofft mit seinem Wechsel zur Geheimen Staatspolizei auf einen Karrieresprung. Da über dem Opfer an der Mauer eine kommunistische Parole prangt, fühlt sich die Gestapo hier zuständig. Während Gräf den Täter nur in Kommunistenkreisen sucht, zweifelt Rath an den politischen Motiven und ermittelt auf eigene Faust.

Dabei entdeckt er Verbindungen zu Berliner Verbrecherbanden. Der Ringverein „Nordpiraten“ wurde zwar zerschlagen, hat aber seine kriminellen Aktivitäten als SA-Sturm getarnt fortgesetzt. Nachdem ein zweiter SA-Mann erschlagen aufgefunden wird, findet Gereon eine Spur, die in den Lunapark führt. In dem seit einiger Zeit geschlossenem Vergnügungspark haben Kriminelle und Regimegegner Unterschlupf gefunden. Auch der Großkriminelle Dr. Johann Marlow hat ein Interesse daran, dass der Täter von der Bildfläche verschwindet, und er setzt den Kommissar unter Druck, damit dieser den Konkurrenten für ihn eliminiert.

Lunapark ist der sechste Band um den von Köln nach Berlin gewechselten Kommissar Gereon Rath. Der erste Teil Der nasse Fisch spielt 1929 und fünf Jahre später ist von der Dekadenz einer schillernden Metropole nichts mehr zu spüren. Der Autor beschreibt sehr glaubhaft und präzise, wie der Nationalsozialismus, seit einem Jahr an der Macht, sich langsam auch in den Alltag der Familie Rath einschleicht. Das ist spannend und mit dem Wissen von heute auch ziemlich beklemmend zu beobachten.

Der politisch desinteressierte Kommissar bekommt zunehmend Probleme mit dem Regime, er laviert um den Hitler-Gruß herum und glaubt an ein baldiges Ende der Nazizeit. Zusätzlich gerät Rath in ein moralisches Dilemma, denn das Auftauchen von Dr. M bringt seine nicht ganz saubere Vergangenheit wieder zum Vorschein. Er spürt, dass die Nähe zu dem Gangsterboss für ihn und seine Familie immer gefährlicher wird. Mit Ehefrau Charly kann oder will er darüber nicht offen reden und verstrickt sich immer mehr in ein Netz aus Heimlichkeiten und Lügen. Charlotte Rath, mit der Rolle der Hausfrau unzufrieden, fängt als Referendarin bei einem Rechtsanwalt an. Sie erkennt deutlich die Gefahren der Hitler-Regierung und hält auch mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. So passt es ihr auch nicht, dass Ziehsohn Fritze zur Hitlerjugend möchte. Doch das ehemalige Heimkind fühlt sich in der Gruppe anderer Jungen wohl. Bestürzt verfolgt man, wie der aufgeweckte Junge begierig alles aufnimmt, was in der HJ vermittelt wird. Charly dagegen bringt sich in Schwierigkeiten, als sie Kommunisten unterstützt und feststellen muss, wie hilflos der einzelne Bürger der Willkür der Nazi-Schergen ausgeliefert ist. Das sorgt für viel Konfliktstoff zwischen den Eheleuten und anhand der kleinen Familie gelingt es dem Autor, ein Spiegelbild der Gesellschaft darzustellen.

Mit Handschellen waren sie für den Transport ans Gestänge des Lkw gekettet worden, und Charly hatte sich gefragt, ob die wohl aus Polizeibeständen stammten. Vor einem Jahr war die halbe SA noch als Hilfspolizei im Einsatz gewesen. Inzwischen führte sie sich eher wie eine Parallelpolizei auf. Charly und der ganzen Festgesellschaft war das widerfahren, wovor sich die Deutschen, selbst die braven und regimetreuen, am meisten fürchteten: von der SA ohne Grund oder bestenfalls mit fadenscheiniger Begründung in Schutzhaft genommen zu werden. Ohne irgendetwas dagegen tun zu können. (Seite 177)

Wie in den vorherigen fünf Bänden hat Volker Kutscher auch hier wieder akribisch recherchiert um historische Fakten mit einer fiktiven, spannenden Kriminalgeschichte zu kombinieren. Mit vielen stimmigen Details kreiert er ein atmosphärisch dichtes Bild des Alltags im Deutschland der 30er Jahre kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Historisch belegte Ereignisse wie der Röhm-Putsch oder die Verhaftung von Konrad Adenauer werden gekonnt in die Erzählung eingeflochten. Aber das Besondere an diesem sechsten Teil ist die bedrohliche Atmosphäre, die der Autor eingefangen hat. Für mich waren die düsteren Aussichten in Deutschland förmlich zum Greifen nah. Gebannt verfolgt man, wie die Zustände sich immer mehr zuspitzen, fast schmerzhaft ist es zu beobachten, wie die mittlerweile liebgewordenen Figuren sich in Gefahr begeben. Als Leser taucht man völlig ab in diese angespannte Zeit, in der politisch Andersdenkende, Juden und Homosexuelle bereits verfolgt, verhaftet und gefoltert werden, und kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Der Lunapark, direkt am Halensee gelegen, war ein beliebter Ausflugsort der Berliner und wurde kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geschlossen. Das vermeintlich dekadente Treiben in dem „Schandfleck des Westens“ ging ihnen gegen den Strich.

 

Rezension und Fotos von Andy Ruhr.

 

Lunapark Erschienen am 10. November 2016 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-46204-923-7
560 Seiten 22,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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