Jon Bassoff | Zerrüttung

Etwas Zeit verstrich. Ich stieg aus dem Pick-up. Der Schnee knirschte unter meinen blutbefleckten Stiefeln. Im Schlafzimmer ging Licht an, und ich sah Lilith am Fenster stehen. Sie trug ein langes weißes Nachthemd, ihr Gesicht wie aus einer anderen Welt. Ich stand vor meinem Leichenwagen und ließ das Gewehr runterbaumeln, als wäre es ein Stahlfortsatz meiner Hand. Irgendwo in der Ferne pfiff ein einsamer Zug. Ich strich mir das Haar zurück und ging langsam auf die Tür zu. Und jetzt wusste ich, was ich tun würde, was ich tun musste. Man hat keine Wahl. Es gibt keinen freien Willen. (Auszug Seite 97)

Der Irak-Veteran Joseph Downs ist mit seinem Wagen irgendwo in Colorado unterwegs, als sein Auto kurz vor der Stadt Stratton liegenbleibt. Er lässt den Wagen stehen, läuft in die Stadt und begibt sich erst einmal in eine heruntergekommene Bar. Dort wird er Zeuge, als ein Mann seine Frau mit Gewalt aus der Bar holen will. Er zieht dem Mann eine Bierflasche über den Schädel. Während sein Wagen repariert wird, bleibt Downs die nächsten Tage in der Stadt und beginnt eine Affäre mit Lilith, der angegriffenen Frau aus der Bar. Schließlich versucht Lilith Downs zu überreden, ihren Mann umzubringen und sich mit ihr die Lebensversicherung zu teilen.

Das klingt jetzt erstmal ziemlich genretypisch, da hört man den Postmann zweimal klingeln, aber, aber – der Rest der Story verläuft definitiv anders als man vielleicht gedacht hat. Düsterer, schwärzer. So richtig. Autor Jon Bassoff hat die Figur des Joseph Downs als Ich-Erzähler ausgewählt, allerdings als unzuverlässigen, wie sich nach und nach herausstellt. Downs ist mit seiner Einheit auf einem Humvee im Irak in eine Sprengfalle geraten und hat nur knapp überlebt, sein Gesicht ist auf ewig entstellt. Es ist anfangs nicht ganz klar, was ihn in dieses Kaff in Colorado gebracht hat, aber es umgibt ihn von Beginn an eine Aura der Gewalt.

Die Story umfasst mehrere Teile, den zweiten Teil erzählt Benton Faulk. Ein 16-Jähriger, dessen Mutter an einer tödlichen Krankheit dahinvegetiert. Sein Vater hält sich ein bizarres Labor voller Ratten im Keller, mit denen er Versuche unternimmt, um die Krankheit der Mutter zu heilen. Der Haushalt verwahrlost zusehends und Benton entwickelt währenddessen eine unheilvolle Anziehung zu der Kellnerin Constance. Irgendwann wird dem Leser klar, dass Benton und Joseph zwei Seiten der Medaille sind. Nein, eigentlich die gleiche Seite. Mr.Hyde und Mr.Hyde, wie es Thomas Wörtche in seiner Besprechung zu diesem Buch treffend ausdrückt.

Also heirateten wir, und es war eine ganz stille Angelegenheit ohne Familie und Hochzeitstorte, und sie lag zusammengerollt da, die Schultern hoben und senkten sich, überall rotes Haar, Blut rann aus ihrer Nase, ein Auge war zugeschwollen und ein bisschen lila. (Seite 158)

Jon Bassoff hat mit Zerrüttung einen intensiven Roman verfasst, bei dem man als Leser teilweise nicht weiß, woran man ist und dann eiskalt erwischt wird. Eine wilde Melange aus Wahn, Furor, bitterer Wahrheit, Trauma und Lüge. Dem Country Noir kann man ihn durchaus zuordnen. Die Schauplätze sind verfallene Kleinstädte mit zugenagelten Geschäften auf der Main Street, Autowracks am Ortseingang, versiffte Hotels, eine Hütte im Wald. Schneegestöber. Dazu merkwürdige Gestalten, (pseudo)religiöses Geschwurbel, Kriegstraumata. Und doch wird das Ganze nochmal eine Nummer heftiger, denn dieser Joseph Downs ist nicht nur angeknackst, sondern innerlich quasi zerrüttet oder korrodiert („Corrosion“ ist der Originaltitel). Ein äußerst intensives Buch, das der Polar Verlag hier (erfreulicherweise) dem deutschen Leser zumutet. Ich habe noch nicht viel Vergleichbares gelesen, aber ich vermute, dass das hier schon die ganz dunkle Schule des Noir darstellt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 


Zerrüttung | Erschienen am 1. September 2016 im Polar Verlag
ISBN 978-3-94513-341-5
252 Seiten | 14,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Country Noir.

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3 Gedanken zu “Jon Bassoff | Zerrüttung

  1. Aaahhh, ich hatte es es ja fast schon geahnt. Das Cover spricht mich an. Der Klappentext spricht mich an und die Rezension haut mich schlichtweg um.
    Das ist so ein Buch fern vom Mainstream und es freut mich das ich es bei Euch entdeckt habe.
    Also wird es eher wohl als übel bei mir einziehen müssen.
    Herzlichen Dank für diese gelungene Beachreibung.
    Liebe Grüße und schöne Osterfeiertage
    Kerstin

    1. Danke dir.
      Ja, das ist definitiv ganz weit weg vom Mainstream, aber gerade solche Bücher machen den Reiz aus.

      Viele Grüße,
      Gunnar

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